Der Mann im Kind

Warum geht das mit der Eitelkeit eigentlich immer früher los? Ein väterlicher Hilferuf.

Väter sind gerührt, wenn Jungs ihren Stil (oder gar den der Großväter) übernehmen, klar. Was aber, wenn die Vorbilder ganz andere sind?

Und dann kam unser Sohn irgendwann mit einer Tätowierung nach Hause. Das Stammes-Ornament bedeckte den gesamten Rücken, selbst am Hals spitzte etwas aus dem T-Shirt – was man gut sehen kann, weil Konstantin sich jetzt beim Friseur den Nacken ausrasieren lässt. Unser Sohn ist sechs Jahre alt.

Die süßen Zeiten sind vorbei, von einem Tag auf den anderen. Zu meiner großen Erleichterung war aber das Tattoo nur aufgemalt. Mit einem feinen Edding und viel Geduld hatte der neue Zivi die Haut der älteren Jungs im Kindergarten verziert. Vor Kurzem kam Konstantin mit ein paar Kringeln und Strichen auf dem Bauch nach Hause, auf die Frage, was das darstellen solle, stieß er nur ein genervtes »Sixpack« hervor und streckte dazu seinen immer noch kugelrunden Babybauch raus.

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Der Junge entdeckt gerade, dass er ein Junge ist, und dabei straft er all unsere Bemühungen um geschlechtsneutrale Erziehung Lügen. Seit Neuestem verbringt er mehr Zeit vor dem Spiegel als der Rest der Familie. Er stylt sich mit tubenweise Haargel und unterscheidet dabei präzise – strubbeliger Wet Look für den Alltag, zuckergußharte Stacheln für besondere Anlässe.

Anziehen aber lässt er sich – Männlichkeit hin oder her – immer noch ganz gern, und wir mit allen Wassern der modernen Pädagogik gewaschenen Eltern fragen uns, ob das nur ein niedlicher Rückfall in die Babyrolle ist oder ob sich hier bereits die »mangelnde Anstrengungsbereitschaft« manifestiert, die Erziehungswissenschaftler neuerdings gern beobachten. Die Theorie dazu geht so: Anstatt den Wettstreit mit den Mädchen aufzunehmen, fallen die Jungen in längst überwunden geglaubte Verhaltensmuster zurück und finden, Mann zu sein sei schon Leistung genug.

Und Mann zu sein bedeutet: so aussehen. Also ruckelt Konstantin sich die Hose sorgsam bis auf Hüfthöhe runter, damit die Unterhose oben rausguckt wie bei den Hip-Hoppern. Irgendwann gab es diesen neuen Praktikanten im Kindergarten, der seinen Geldbeutel an einer langen Kette trug. Konstantin hat keinen Geldbeutel, aber eine fette Kette mit Karabiner musste sofort her. Morgens zieht er los, die Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, todernste Miene. Man könnte meinen, unser Sechsjähriger verbringe seinen Tag nicht in einem Oberföhringer Sandkasten, sondern mit dem Eintreiben von Schutzgeld in der Bronx.

Angesichts des neuen Männlichkeitsideals meines Sohnes komme ich mir als Vater regelrecht metrosexuell vor. Als ich stolz erwähnte, dass ich fünf Kilo abgespeckt habe, sagte er nur: »Und was ist mit den anderen fünf Kilo?« Na, danke. Dabei würde ich wirklich gern das leisten, was die Soziologen supportive leadership nennen: Ich soll dem Jungen vorleben, was es heißt, ein Mann zu sein.

Das Problem ist nur: Genau das macht doch er mit mir! Ich finde ja, Mann zu sein kann auch mal heißen, einen pastellfarbenen Zopfmuster-Pullunder zu tragen oder in der Küche was sommerlich Leichtes zu zaubern. Und statt Fußball geht auch mal Federball. Aber für meinen Sohn ist das undenkbar. Er will mich beim »Reifenwechsel« sehen, sagt er, oder in der »Waschstraße«. Und warum fahre ich nicht berufsmäßig einen Kipplaster? Das würde ihn glücklicher machen als ein Vater, der Bücher liest und irgendwas in der Zeitung schreibt.

Jungs sind stärker »außengeleitet« als Mädchen, sagen die Pädagogen, sie suchen immer nach Vorbildern. Na ja, bis es so weit ist, dass er mich als Vorbild akzeptiert, werden die Hosen wohl noch viel tiefer zwischen den Beinen hängen. Ich kaufe jetzt erst mal eine Großhandelspackung Haargel.

Foto: Achim Lippoth

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