Der Beat, das Glück, der Tod

In der Welt der Clubnächte und Technoparties ist das Erwachsenwerden nicht vorgesehen. Der Berliner DJ Gianni Vitiello machte einfach weiter, solang er konnte. Bis er eines Tages tot in seiner Wohnung lag. Warum musste er sterben?


Als um acht Uhr am Sonntagmorgen plötzlich die Musik ausgeht, weiß ich, dass etwas passiert sein muss. Die Leute um mich herum hören auf zu tanzen, gucken sich verdutzt an, manche lachen, andere rufen: »Mach die Mucke wieder an.« Es muss etwas geschehen sein. Technopartys wie diese dauern in Berlin oft bis in den Abend. Ich gehe zur Bar, will ein Bier bestellen, der Barmann winkt ab: »Schweigeminute für einen guten Freund.«

Schon sechs Stunden zuvor, in der Schlange vor der »Münze«, einem Club am Alexanderplatz, hatte jemand erzählt, dass Gianni Vitiello gestorben sei, einer der DJs, die hier auflegen sollten. Ich hatte das nicht geglaubt, die Party wäre sonst bestimmt abgesagt worden. Und auch im Club schien alles ganz normal: viele strahlende Gesichter; Menschen, die sich überschwänglich umarmten, als hätten sie sich Monate nicht gesehen; wieder Schlangen, diesmal vor den Klos. Giannis Name stand sogar auf der DJ-Liste, die neben der Bar hing, »da hätten sie ihn ja nicht draufgeschrieben, wenn er tot wäre«, hatte ich zu einem Freund noch gesagt. Viele Leute kamen, um gerade Gianni zu sehen, auch in dieser Nacht, denn bei ihm, das wussten alle, ging es ab. Gianni war keiner dieser DJs, die scheinbar unbeteiligt eine Zigarette rauchen oder nur auf ihren Laptop starren. Er war einer, der mitgefeiert hat, der keine Grenze zwischen sich und dem Publikum zog. Das hat mich jedes Mal, wenn ich ihn auflegen sah, wieder beeindruckt. Es kam mir so kompromisslos vor: Ich zum Beispiel frage mich immer öfter, ob ich mir eine durchfeierte Nacht leisten kann, wenn ich am Montagmorgen wieder im Büro sitzen muss. Bei Gianni hatte ich das Gefühl, er stellte sich solche Fragen nie. In ihm sah ich die Jugend, die niemals aufhört, ein unkonventionelles Leben.

»Woran ist er gestorben?«, frage ich den Barmann, als die Musik wieder läuft.
»Weiß ich nicht«, sagt er und gibt mir mein Bier.

Als ich es ausgetrunken habe, hole ich meine Jacke an der Garderobe ab. Neben mir warten noch immer Leute, die ihre Jacken gerade abgeben wollen. Draußen ist es grau: ein kalter Berliner Morgen. Scheiße, wenn einer mit 36 Jahren stirbt, denke ich. Man hat da sofort solche Schicksale im Kopf: Kurt Cobain oder Jim Morrison. Gianni war natürlich bei Weitem nicht so berühmt, aber bekannt, in Berlin. Sehr sogar, nur Massenmedien haben nicht über ihn berichtet. Er war also: Underground.

In den Clubs, in denen er gespielt hat, dem »Ritter Butzke« oder dem »Golden Gate« zum Beispiel, gibt es keine »Smirnoff«-Night, kein Rauchverbot, keine Kleiderordnung, keine Putzfrauen, die ständig die Toiletten reinigen, sondern Pisspfützen und Türsteher, die auch mal einen Witz machen, und Exzess; all das gehört zum Image der Clubs wie das Gefühl, dass es den Veranstaltern nicht nur ums Geldverdienen geht. Die Partys wirken authentisch, wie Gianni, den ich vor fünf Jahren das erste Mal auf dem Karneval der Kulturen gesehen habe, einem Straßenumzug in Kreuzberg. Hinter seinem Wagen liefen die meisten Menschen her – zweitausend, die tanzten und sprangen wie bei einem Rockkonzert. Und Gianni hüpfte auf der Ladefläche des Transporters hinter seinen Plattenspielern mit: ein großer Kerl, die Arme tätowiert, das Haar verschwitzt. Am eindringlichsten ist mir sein Lachen in Erinnerung: Es wirkte extrem mitreißend, fordernd, echt.

Ob er so glücklich war, wie es in diesen Momenten ausgesehen hat? Von Musikern wie ihm bekommt man ja immer nur einen Aggregatzustand mit: das Feiergesicht, und nicht das, was darunter liegt. Ich schreibe eine E-Mail an Andreas, der mit Gianni die letzten sechs Jahre zusammen war. Ich möchte wissen, wie Gianni gelebt hat – auch abseits der Partys.

(Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie das Leben des erfolgreichen DJs außerhalb der Clubs aussah und mit welchen Sorgen er zu kämpfen hatte.)

Januar. Der Landwehrkanal fließt verborgen unter dickem Eis. Andreas wohnt im besseren Kreuzberg, am Urbanhafen. Gründerzeitaltbau, Holzdielen, Dachterrasse. Wir sitzen am Küchentisch, ein Aschenbecher zwischen uns. Andreas ist 48, er trägt einen Kapuzenpulli, die Haare kurz, sie lichten sich.

»Wie habt ihr euch kennengelernt?«
»Beim Chatten. Als wir uns das erste Mal getroffen haben, bei mir auf der Dachterrasse, hatte Gianni eine dicke Sonnenbrille auf und hing ständig am Handy. Das wirkte extrem unsicher, hatte aber auch Charme.«
»Als DJ habe ich ihn eher als Rampensau in Erinnerung.«
»Natürlich hatte er narzisstische Züge. Er konnte wahnsinnig arrogant und anstrengend sein. Der Schlüssel zu Gianni ist seine Unfähigkeit, mit sich selbst klarzukommen. Bloß kein Stillstand, immer was zu tun haben. Dabei hat er natürlich Energie rausgehauen, bis es nicht mehr ging.«

Andreas ist Autor, er schreibt Kinder- und Jugendromane, wenn er erzählt, merkt man schnell, dass er ein Gefühl für Pointen hat: Nur einmal sei er mit Gianni auf eine Party gegangen, weil er Techno gar nicht mag, Gianni hätte ihn aber gern begleitet, zum Bayerischen Buchpreis, zu Cornelia Funke; und nicht er, der Kinderbuchautor, sondern Gianni, der Techno-DJ, habe vom Heiraten gesprochen. Manchmal gibt Andreas Antworten auf Fragen, die ich gar nicht gestellt habe, weil sie mir unangenehm sind: Gianni sei ohne Vater aufgewachsen, sagt er. »Daher wird es wohl kein Zufall sein, dass er sich einen alten Knacker wie mich ausgesucht hat. Wir haben nicht zusammengewohnt, deshalb rief er mich an, sobald er wach war, um zu hören, ob ich noch da bin. «

Gerade nach dem Feiern kann man sich schnell einsam fühlen, ich kenne das, ein biochemischer Effekt: Der Körper hat durch die Anstrengung, den Alkohol oder die Drogen mehr Serotonin ausgeschüttet, als ihm guttut. Selbst wenn man am Montagmorgen ausschlafen kann, fehlen die Glückshormone. Mit einem Partner fühlt sich der psychische Kater viel weniger schlimm an. Auf seiner My-Space-Seite nennt sich Gianni »Realitätsfluchthelfer«. Andreas war seine Liebe und auch sein Rest Realität.

Als ich wieder zu Hause bin, lese ich Rico, Oskar und die Tieferschatten, das Buch, für das Andreas 2009 den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen hat. Es handelt von Rico, einem Jungen, der allein bei seiner Mutter in Kreuzberg aufwächst, neugierig ist und sich Gedanken über die Depressionen der Nachbarn macht. Allerdings fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren, er vergisst ständig alles. In seinem Kopf geht es »manchmal durcheinander wie in einer Bingotrommel«.

Mit Rico ist Gianni gemeint: ein Techno-DJ als Vorlage für den Helden aus einem Kinderbuch, für einen kleinen Forrest Gump, dem die Welt der Erwachsenen ein Rätsel bleibt. Der glücklich ist, aber auch niemals das erfüllen wird, was man ›Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft‹ nennt. Was macht ein Techno-DJ wie Gianni eigentlich, wenn er alt ist?

Februar. Berlin liegt noch immer unter dickem Eis. Im Büro der Pyonen, einem der bekanntesten Veranstalter von Technopartys in der Stadt, erzählt André, wie er Gianni zum ersten Mal traf: »Gianni ist Mitte der Neunziger aus Minden in Westfalen nach Berlin gezogen. Wir hatten damals einen Club in Prenzlauer Berg. Gianni kam rein und meinte: Ich bin der geilste DJ, lasst mich spielen.« Seitdem hat er fast jedes Wochenende irgendwo aufgelegt. 14 Jahre lang: freitags, samstags und manchmal noch sonntags auf irgendeiner After Hour, einer Party nach der Party. Die Feierszene ist auch eine Leistungsgesellschaft.

»In letzter Zeit hat er manchmal vorgeschlafen, ist um elf ins Bett, aber dann klingelt morgens um vier der Wecker, und du kommst nüchtern auf eine Party, auf der alle schon voll sind«, sagt André und fischt ein paar alte Flyer aus einem Karton, Giannis Name steht auf den meisten. Ein anderer DJ nennt sich »Techno is ne’ Sackgasse«. Das ist lustig gemeint, aber stimmt natürlich auch. Denn wie lange steht man so ein Leben durch? Auch mit Vorschlafen, jedes Wochenende, immer mit dem Auftrag: »Bei Gianni geht es ab!«; in Clubs, in einer Umgebung, in der nur er, aber nicht sein Publikum älter wird und man eben nicht nur Bier trinkt.

André erzählt, dass Gianni in letzter Zeit immer häufiger eigene Musik produziert hat und dass dies auch sein Plan für die Zukunft war; so wie bei Fußballspielern, die dann Trainer werden. Doch die meisten Techno-Platten erscheinen in einer Auflage von 500 auf Vinyl gepresst und dann noch als MP3. Sie dienen als Werbemittel für den DJ, der durch die Veröffentlichung Aufmerksamkeit bekommt und gebucht wird. Lukrativ sind meistens nicht die Platten, sondern das Auflegen, bei Gianni war das bis zu seinem Tod nicht anders. Zwischen 300 und 800 Euro hat er für einen Auftritt bekommen, macht im Monat etwa 5000 Euro. Davon kann man gut leben, aber nicht für die nächsten fünfzig Jahre sparen, in denen man kein DJ mehr ist. Gianni hat nie etwas anderes gelernt, als Musik zu produzieren und aufzulegen, er war darauf also angewiesen.

»Gianni hat vor allem den Rock ’n’ Roll geliebt, Musik war seine Leidenschaft«, sagt André. »Wir kommen beide vom Punk. Anfang der Neunziger wurden wir noch beschimpft, wenn wir in linksalternativen
Läden Techno gespielt haben, das war den Leuten nicht intellektuell genug, uns war es aber scheißegal. Gianni wurde zuletzt auch mehr im Ausland gebucht, wo man deutlich mehr Geld verdient. Er ist der Berliner Szene aber immer treu geblieben.«

Treue ist ein überstrapaziertes Wort in der Popkultur. Weil es Wahrhaftigkeit bedeutet, ein Wert, mit dem sich Geld verdienen lässt. Gianni hat seiner Treue wegen auf Geld verzichtet. Man kann das naiv finden, aber auch bewundernswert ineffizient. In einer Welt der Bachelor-Studiengänge und des Lebenslaufdesigns ist es zumindest nicht der gängige Weg. Aber natürlich hat der Markt auch Giannis Welt Grenzen gesetzt. Warum die Party in der »Münze« eigentlich nicht abgesagt worden sei, als man wusste, dass Gianni tot ist, hatte ich André noch gefragt. »Weil die Veranstalter sonst pleite gewesen wären«, hatte er gesagt. »Die hatten sich in dem Club nur eingemietet. Es waren auch Freunde von Gianni. Ich habe mit ihnen zusammengesessen und überlegt. Irgendwann haben wir dann Giannis Mutter angerufen. Sie sagte, die Party soll stattfinden, ihr Sohn hätte es nicht anders gewollt.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Christoph Cadenbach beim Besuch von Giannis Familie erlebt und warum man als DJ nicht erwachsen werden darf.)

Viele DJs haben einen Künstlernamen. Gianni Vitiello nicht. Er war immer er selbst. Die Menschen auf der Tanzfläche haben von ihm vor allem eines erwartet: dass es abgeht.

März. Die erste warme Frühlingswoche. Das Eis ist geschmolzen. In Minden holt mich Giannis Schwester Carmela vom Bahnhof ab. Familien-Van. Stadthaus. In ihrer Küche kleben Buntstiftbilder am Kühlschrank. Carmela hat zwei Töchter und einen Sohn, sie ist 38, die Ärmel ihrer Strickjacke ragen über ihre Hand. Auch Giannis Mutter Anna sitzt mit uns am Tisch. »Mein Bruder und ich waren uns sehr nah, auch wenn es heute vielleicht nicht so aussieht«, sagt Carmela.

Gianni und sie sind bei der Mutter groß geworden. Der Vater, ein Italiener, der in den Sechzigerjahren nach Deutschland gekommen war, verließ die Familie, da war Gianni zwei. Mit 15 fing er an, von zu Hause auszureißen, lebte wochenlang in irgendwelchen Punker-WGs, kam zurück zu seiner Mutter oder Carmela, die schon eine eigene Wohnung hatte, um aufzutanken. Gianni wog damals 140 Kilo. Carmela klappt ihren Laptop auf, wir schauen uns alte Fotos an.

Auf den ersten Bildern sieht man einen dicken Jungen. Die Haare gelb, die Haut weiß, eine zerrissene Jeansweste mit St.-Pauli-Aufnäher an. »Gianni war in seiner Abgefucktheit genauso perfektionistisch wie später als DJ oder beim Feiern«, sagt Carmela.

»Gab es irgendwann einen Bruch in Giannis Leben?«
Giannis Mutter Anna antwortet: »Mit 18 hat er einmal ganz provokant seine Spritze aus der Jackentasche rausgucken lassen. Ich habe ihn dann vor die Entscheidung gestellt: Entweder du machst eine Drogentherapie oder du musst ausziehen. Er war sauer und haute ab. Ich hatte jeden Abend Angst, dass die Polizei anruft. Nach ein paar Wochen stand er aber plötzlich vor der Tür, mit ganz klaren Augen, und sagte: Mama, ich bin clean.«

Carmela klickt die Fotos auf ihrem Laptop weiter. Ihrem Bruder sehen wir beim Älterwerden zu: Gianni nimmt ab, sein Gesicht bekommt eine gesunde Farbe, er wird deutlich hübscher. »So ab zwanzig ist er unserem Vater immer ähnlicher geworden«, sagt Carmela, »allerdings würde Gianni das wohl nicht unterschreiben. Sein größtes Problem war, dass unser Vater ihn immer abgelehnt hat.«

Wir fahren zu Giannis Grab. Es liegt außerhalb von Minden an einem Hang, unten im Tal fließt die Weser. »Am Abend vor seinem Tod hat er noch unsere Mutter angerufen«, sagt Carmela. »Fast jeden Tag hat er mit ihr telefoniert. Welcher Junge macht das schon? Obwohl er so oft ausgerissen ist, hing er an seiner Familie.«

Gianni erzählt seiner Mutter, wie toll seine neue Platte geworden ist und wie sehr er sich auf die Partys am Wochenende freut, wo er sie das erste Mal spielen wird: Freitag in der »Ritter Butzke«, Samstag in der »Münze«. Doch Gianni taucht auf diesen Partys nicht auf. Eine Freundin, die bei ihm immer ihre Wäsche macht, findet ihn irgendwann am Freitagabend. Er liegt in der Küche, auf dem Boden vor dem Kühlschrank, eine Dose Cola neben sich. Die Ärzte sagen, er hatte einen Kreislaufzusammenbruch und ist an seinem Erbrochenem erstickt.

Spricht man Andreas, André und Carmela auf Giannis Tod an, sagen sie alle: Natürlich war es zu früh, natürlich ist es traurig. Aber kann man in 36 Jahren mehr Gefühle ausleben? Kann jemand wie Gianni damit einfach aufhören, wenn der Körper streikt? Gab es für ihn überhaupt eine Alternative? Ist es am Ende nicht konsequent, so zu leben, sogar bis in den Tod?Die erste Party, auf der Gianni Vitiello aufgelegt hat, hieß »Dance or Die«.

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Am Tag, an dem der Techno-DJ Gianni Vitiello starb, wollte er abends in einem Club seine neue Platte vorstellen: Hiccup. Christoph Cadenbach, 30, hat sie sich beim Online-Musikshop beatport.com angehört und gleich gekauft, zusammen mit Giannis Nur mal kurz-Karaoke-25-Remix. Aber Gianni Vitiello war in erster Linie nicht Produzent, sondern DJ. Auf www.youtube.de/pyonen kann man sich Videos anschauen, wie er war, wenn er aufgelegt hat, beim Karneval der Kulturen zum Beispiel.

Foto: Niko Tabalowski

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