Spiel, Satz, Krieg

Ein Leben voller Tiefschläge, ein unerbittlicher Stiefvater, ein schwieriges Verhältnis zu Steffi Graf: Die Tennisspielerin Claudia Kohde-Kilsch blickt zurück.

Claudia Kohde-Kilsch 2011 zu Hause in Saarbrücken. Heute ist nicht mehr viel von ihren Erfolgen als Tennisspielerin geblieben.

Foto: Oliver Tamagnini

SZ-Magazin: Frau Kohde-Kilsch, Sie waren eine erfolgreiche Tennisspielerin, Sie haben bei Olympia Bronze gewonnen, in Wimbledon im Doppel gesiegt und mehr als vier Millionen D-Mark verdient. Wie viel ist davon heute noch übrig?
Claudia Kohde-Kilsch: Nichts. Ich habe vor einigen Wochen Insolvenz angemeldet.

Haben Sie zu viel ausgegeben nach Ihrem Karriereende?
Nein, die Millionen waren schon weg, als ich 1999 meine Karriere beendete. Ich musste damals feststellen, dass mein Stiefvater, der immer auch mein Manager war, fast nichts übrig gelassen hat.

Ihr Stiefvater und Manager war Jürgen Kilsch, er hat Sie auch adoptiert. War das seine Idee?
Nein. Jürgen kam mit meiner Mutter zusammen, als ich fünf war, und später wollte ich den gleichen Namen haben wie der Rest meiner Familie, also wie mein Stiefvater, meine Mutter und meine Schwester. Aber mein leiblicher Vater stimmte der Adoption nicht zu. Deswegen musste ich warten, bis ich 18 war, bis 1982. Seitdem heiße ich Kohde-Kilsch.

Und Ihr Stiefvater hat sich von Anfang an um Ihre Finanzen gekümmert?

Er war Anwalt, er kannte sich aus, ich habe ihm vertraut.

Aber Sie haben schon gewusst, dass Sie sehr, sehr viel Geld verdienen als Profispielerin?
Klar. Aber das war für mich irgendwie nicht so wichtig damals. Mit 16, 18, zwanzig Jahren spielst du nicht um Geld, sondern weil du die Beste sein willst. 1981 habe ich Martina Navratilova geschlagen, dafür spielst du. Dass du irgendwann ausgesorgt haben solltest – an so was denkst du nicht. Ich hatte kein Verhältnis zu Geld.

Wann hat sich das verändert?
Erst als ich gemerkt habe: Da geht echt was schief. Aber die Erkenntnis kam nicht plötzlich, sondern zog sich hin. Es gab immer wieder Andeutungen, die ich lange verdrängt habe. Als ich zum Beispiel Anfang der Neunziger mit Tennis aufhören wollte, sagte mein Stiefvater immer: »Wenn du jetzt aufhörst, hast du mit vierzig kein Geld mehr!« Damals habe ich mich schon gewundert, aber ich hab mir gesagt, dass er mich eben dazu bringen will weiterzumachen. Ein anderes Mal hab ich mir einen Hosenanzug gekauft, von Dolce & Gabbana, für 900 Mark, das weiß ich noch wie heute. Ich hab selten so viel auf einmal ausgegeben. Eine Woche später bekam ich einen Anruf: Die Lastschrift sei nicht eingelöst worden.

Haben Sie da nicht sofort Ihren Vater gefragt?
Doch, hab ich. Aber er hat sich rausgeredet, das Konto sei durch ein Versehen überzogen, er werde das regeln. Dann hat er das irgendwie ausgeglichen, über meine Konten hatte er ja die Vollmacht. Später habe ich erfahren, dass wir 200 000 Mark im Minus waren und dass er eine Menge Konten hatte, in Luxemburg, da hatte er auch irgendeine Holding, oder in Monaco.

So einfach haben Sie ihn davonkommen lassen?
Man darf nicht unterschätzen, wie stark ich unter seinem Einfluss stand. Er war der Patriarch, ich das Mädchen. Als ich Profispielerin wurde, 1979, war ich gerade mal 15. Erst zwanzig Jahre später, als ich heiraten wollte, war ich stark genug für eine Auseinandersetzung.

Da waren Sie schon ein paar Jahre nicht mehr auf der internationalen Tennistour, Sie waren erwachsen, hatten mehr Zeit und weniger Stress. Warum haben Sie damals Ihr Geld nicht längst selbst verwaltet?
Weil mein Stiefvater das nicht wollte. Irgendwann um 1995, als klar war, dass ich nicht wieder auf die Profitour gehe, hab ich gesagt: Ich will das jetzt trennen, ich will mein eigenes Leben führen. Er ist auf mich los, hat geschrien: »Spinnst du? Was soll das?« Er war sehr cholerisch, und ich hatte Angst vor ihm. Also habe ich es weiterlaufen lassen. Ich wusste ja noch nicht, wie schlimm es stand. Das erfuhr ich erst, als mein späterer Mann mich 1999 dazu brachte, einen Wirtschaftsanwalt zu engagieren. Da habe ich sofort alle Vollmachten löschen lassen.

Wie hat Ihr Stiefvater reagiert?
Erst konnte er es nicht glauben, dann ist er ausgeflippt. »Du bist gleich die erste Frau, der ich in die Fresse haue!«, hat er gebrüllt. Das vergesse ich nie. Ich war damals schwanger, und er ist dermaßen auf mich los, dass ich fast eine Fehlgeburt erlitten hätte. Meine Frauenärztin hat ihm dann ein Fax geschickt: Er soll mich in Ruhe lassen, bis das Kind da ist.

2000 begann der Prozess Kohde-Kilsch gegen Kilsch. Aber darüber stand kein Wort in den Zeitungen.
Ich wollte keine Schlammschlacht. Mein Stiefvater hat mir mal mit der Bild-Zeitung gedroht, dass er für einen Skandal sorgt von wegen: Die undankbare Kohde-Kilsch lässt ihrem Stiefvater keinen Pfennig mehr. Ich habe nur gesagt: Mach doch. Davor hatte ich keine Angst, ich war ja im Recht. Vielleicht hat ihn das abgehalten, dass er das auch wusste.

Wie hat Ihr Stiefvater vor Gericht denn argumentiert?
Er sagte, weil er meinetwegen seinen Beruf aufgegeben habe, mit mir durch die Welt gereist sei und 100 000 oder 200 000 Mark – das hat immer variiert bei ihm – in meine Ausbildung zur Profisportlerin gesteckt habe, müsse er auf Lebenszeit die Hälfte meines Geldes bekommen. Das war sein Ziel vor Gericht. Er hat behauptet, das sei so abgesprochen gewesen. Zum Glück fand der Richter die Logik abstrus.

Sie erzählen das jetzt fast schon amüsiert.
Das machen die Jahre, die seitdem vergangen sind. Damals war das wie Krieg. Vor jeder Zeugenbefragung habe ich morgens fast gekotzt. Bei einer dieser Befragungen saßen wir drei Stunden bei 35 Grad im Landgericht, ich wäre fast vom Stuhl gekippt. Aber ich wollte da durch. Gerade weil ich wusste: Mein Stiefvater will mich fertigmachen. Auf den Stress habe ich körperlich reagiert, ich habe fünf Kilo abgenommen und an der Stirn eine brutal schmerzhafte Nervenentzündung bekommen – ich habe gedacht, mir fliegt der Kopf weg.

Haben Sie mal überlegt, seinen Namen abzulegen – also das »Kilsch« in Ihrem Namen?
Ich habe oft überlegt, ob ich mich entadoptieren lasse. Ich weiß aber gar nicht, ob das geht. Ich habe es dann sein lassen, es hätte ja nichts geändert.

Vorteil Kohde-Kilsch: Ihre Aufschläge waren gefürchtet. Mit einer Größe von 1,86 Metern überragte Claudia Kohde-Kilsch die anderen Tennisspielerinnen.

Foto: dpa

Wie ging der Prozess aus?
Ich habe immer wieder recht bekommen, vor dem Amtsgericht, dem Landgericht und dem Oberlandesgericht. Mein Stiefvater ging jedes Mal in Berufung. Viereinhalb Jahre lang. Am Ende wollte er sogar noch an den Bundesgerichtshof, er hat gerade um die Zulassung gekämpft, als er 2004 gestorben ist. Ich habe den Prozess also gewonnen, hatte aber kein Geld mehr. Sogar die Anwaltskosten musste ich wegen seines Todes selbst bezahlen.

Sie haben von ihm nichts wiederbekommen?
Nein. Ich hatte zwar die Pfändung seiner Rente schon durchgesetzt, eine sehr gute Rente, er war ja Anwalt. Aber er starb, eine Woche bevor er seine erste Rente bekommen hätte.

Waren Sie auf der Beerdigung?
Ich bin hin, und mich hat es beinahe zerrissen. Ich wusste gar nicht mehr, was ich denken sollte. Ich war zwanzig Jahre mit ihm unterwegs im Tenniszirkus, ich habe ihn geliebt wie meinen Vater. Dann habe ich ihn gehasst. Jetzt war er tot. Immerhin wusste ich in diesem Moment: Es ist zu Ende. Definitiv.

Haben Sie noch miteinander gesprochen während des Prozesses?
Er hat mich zum vierzigsten Geburtstag mal angerufen, 2003. Aber richtig gesprochen haben wir nicht. Er war auch nicht auf meiner Hochzeit, und meinen Sohn hat er nur einmal aus der Ferne gesehen.

Konnten Sie nach seinem Tod nachvollziehen, was mit Ihrem Geld geschehen ist?

Was ich schon wusste, war, dass ich unsere ganze Familie finanziert habe. Ob das jetzt Schmuck für die Mutter, ein Haus in Marbella, der gemeinsame Skiurlaub oder die Ausgaben meiner kleinen Schwester waren: ihr Studium, ihr Auto, ihr Leben in Amerika und so weiter. Das war okay. Nur ein Danke hätte ich gern mal gehört. Aber meine Schwester, mit der ich mich immer noch gut verstehe, will davon heute immer noch nichts wissen. Trotz alledem hätte noch eine Menge Geld übrig sein müssen.

Es ließ sich aber nichts finden?

Ich habe nicht einmal mehr das Auto gefunden, das ich meinem Stiefvater gekauft hatte. Ich hätte wohl in Monaco nach meinem Vermögen forschen müssen, aber dafür hat mir schlicht das Geld gefehlt. Alles, was noch übrig gewesen war, hatte ich schon in eine gemeinsame Musikproduktionsfirma mit meinem Mann gesteckt, in unser Tonstudio, in unser Haus.

»Ich habe ihn geliebt wie meinen Vater. Dann habe ich ihn gehasst.«

Haben Sie den Prozess inzwischen verarbeitet?
Nicht so richtig. Ich konnte mich ja nicht aussprechen mit meinem Stiefvater. Letztes Jahr habe ich die ganze Kiste mit den Akten noch einmal aus dem Keller hochgeholt, also sechs Jahre nach seinem Tod, dann saß ich in meinem Wohnzimmer, mitten in dem Zeug, und habe geheult. Irgendwie hat das gutgetan.

Sind Sie Ihrem Stiefvater trotz allem heute dafür dankbar, dass er Sie zur Profispielerin gemacht hat?

Ich bin ihm für gewisse Zeiten dankbar, ja.

Bei Steffi Graf war die Konstellation ja ähnlich: Auch sie hatte einen dominanten Vater, der ihr Geld verwaltete. Nur dass Peter Graf nicht seine Tochter, sondern das Finanzamt betrog, und deshalb Mitte der Neunziger ins Gefängnis musste. Hatten Sie damals Mitleid?
Nein, Steffi tat mir nicht leid. Natürlich war das schlimm für sie, dass ihr Vater eingesperrt wurde, aber ich glaube, die Steffi braucht einem nicht leid zu tun. Die ist selber knallhart. Ich habe sie kennengelernt, da war sie zwölf. Damals schon sehr ehrgeizig. Sehr fokussiert. Ein bisschen menschenscheu. Ein erwachsenes Mädchen. Nur anfangs hatten wir lustige Zeiten, meine Mutter und ich haben sie damals unter unsere Fittiche genommen, weil ihre Eltern noch nicht mit auf der Tour waren. Aber das gute Verhältnis wurde schnell von ihrem Vater kaputtgemacht.

Peter Graf hatte nicht den besten Ruf im Tennislager.

Zu Recht. Der hat nur Streit gesät. Mein Vater hätte sich einmal sogar beinahe mit ihm geprügelt.

Bitte?
Das war 1986, beim Masters im Madison Square Garden in New York. Da haben Helena Sukova und ich es gewagt, im Doppel gegen Steffi und Gabriela Sabatini zu gewinnen. Danach hat der alte Graf meinen Vater im Gang aufgehalten und ihn angeblafft, wir hätten doch nur Glück gehabt und so weiter. Da hat mein Stiefvater ihn am Kragen gepackt, an die Wand gedrückt und ihm gesagt, er soll die Fresse halten. Und Chris Evert und Pam Shriver, beide Top-Ten-Spielerinnen damals, standen daneben und haben geklatscht! Den Graf konnte keiner leiden.

Aber Steffi und Sie haben doch auch viel Doppel gespielt, zusammen sogar den Federation Cup und Olympia-Bronze gewonnen. Wie passt das zusammen?
Zwischendurch haben wir uns schon einigermaßen verstanden, aber gerade Olympia war eine Sache für sich: Steffi hatte schon Gold im Einzel, dann haben wir das Halbfinale im Doppel gespielt. Und ich habe mich die ganze Zeit gewundert, dass sie ihren Rückhand-Return immer voll durchgezogen hat. Sie hat sonst ja immer den Slice gespielt, den konnte sie traumwandlerisch sicher. Nachdem wir verloren hatten, fragte mein Vater den Graf, warum die Steffi immer durchgezogen hat. Der Graf sagte nur: Meinst du etwa, die Claudia soll auch eine Goldmedaille kriegen?

Sie glauben, Peter Graf hat Steffi angehalten, extra schlecht zu spielen?

Beweisen kann ich es natürlich nicht. Aber es war schon sehr komisch. Und es wäre nicht untypisch für eine Familie, die niemandem etwas gönnt. Der Graf hat später wohl auch Adidas, über Jahre mein Ausrüster, vor die Wahl gestellt: Wenn ihr die Claudia weiterhin sponsert, kriegt ihr die Steffi nicht mehr. Auch das kann ich nicht beweisen, aber einer von Adidas hat es meinem Stiefvater gegenüber ziemlich unumwunden zugegeben. Adidas hat mich dann ja auch wirklich fallen lassen, nach vielen Jahren Partnerschaft. So war ich die letzten zwei, drei Jahre vertragslos. Da habe ich mir selbst Klamotten gekauft und CKK draufsticken lassen. Die Socken hat mir Martina Navratilova geschenkt.

Sie hatten auch ohne die Grafs Probleme mit Sponsoren. Einmal hat ein Vertreter eines Sponsors sich bei Ihnen beschwert, Sie seien zu wenig locker auf dem Platz, deswegen stehe das Publikum so selten auf Ihrer Seite.
Ich weiß, ich habe immer ein bisschen leidend gewirkt, weinerlich. Ich bin ja so groß, 1,86 Meter, und schlaksig, und wenn es nicht so lief, wie ich wollte, habe ich ein Gesicht gezogen. Ich war eben nicht die Shownudel. Ich konnte nicht lachen, wenn ich im dritten Satz im Tie-Break war. Sorry!

Als Steffi einstieg ins Profitennis, waren Sie die deutsche Nummer eins, wurden 1985 zur »Deutschen Tennisspielerin des Jahres« gewählt und auf Platz zwei bei der Wahl zur »Sportlerin des Jahres«. Dann kam Steffi Graf. Von da an standen Sie im Schatten von Steffi und Boris. Wie sehr nervt so etwas?
Es ist hart, wenn die eigenen Erfolge untergehen, das geht einem schon auf den Wecker. Aber die beiden waren die Superstars, und ihre Leistung muss man neidlos anerkennen.

Haben Sie Steffi nach der aktiven Zeit wiedergetroffen?

Einmal. Wir haben beide Ende der Neunziger noch ein bisschen Tennis-Bundesliga gespielt, sie für Ludwigshafen, ich für Saarlouis. Als ich in Ludwigshafen ins Clubhaus kam, saß Steffi irgendwo am Tisch, und ich dachte, wir reden ein bisschen. Ich habe »Hallo, Steffi!« gesagt, und sie hat nur ihre Haare seitlich vors Gesicht geschoben und irgendwas gemurmelt. Da habe ich mir schon gedacht: Was soll das? Aber so ist die Steffi, Menschen sind nicht ihr Ding.

Gab es im Profitennis überhaupt so etwas wie Freundschaften?

So richtig nicht. Mit manchen hat man sich besser verstanden, mit anderen schlechter. Aber jede war für sich.

Hatten Sie außerhalb der Tenniswelt Freundinnen?
Auch nicht. Ich wurde ja mit 15 schon Profi und war dauernd unterwegs, Training, Turniere, zehn Wochen am Stück durch Amerika. Für Freundschaften war da kein Platz. Ich hatte nur meinen Stiefvater.

Er war die einzige Bezugsperson?
Jedenfalls die wichtigste. Vater. Betreuer. Organisator. Ich war fast zwanzig Jahre in einer psychischen Abhängigkeit zu ihm, das hat er gut hingebracht. Wie gesagt: Du bist sehr jung, wenn du in den Leistungssport gehst. So war er auch über viele Jahre der einzige Mann in meinem Leben.

Es gab keine anderen Männer?
Männer hat er von mir ferngehalten. Wenn da irgendwas aufgeflammt wäre, hätte ich nicht mehr in seinem Sinne funktioniert. Ich war für die Familie ja die eierlegende Wollmilchsau.

Liebeleien stören die Konzentration?
So hat er es wohl gesehen. Ich war auch, das kann ich offen sagen, sehr, sehr spät mit dem ersten Sex. Nicht ungewöhnlich für Spitzensportler, die jung erfolgreich werden.

Hat Ihr Stiefvater Sie gedrillt?
Klar. Ich war ihm generell nie fit genug. Und wenn ich verloren habe, bekam er Wutanfälle. Ich erinnere mich an eine Autofahrt, während der er zwei Stunden ohne Unterbrechung auf mich eingebrüllt hat. Aber wir hatten auch gute Zeiten.

Ihr Stiefvater hat Sie damals sogar in der Presse niedergemacht, Sie eine körperliche »Ruine« genannt und von »nervlichen Schwächen« gesprochen.
Ja, so war er. Die Nervensache hing mir immer an, aber das ist übertrieben. Eine Spielerin, die ihre Nerven nicht im Griff hat, wird nicht Weltranglistenvierte.

Aber Sie haben nie rebelliert?
Sehr spät. Ich weiß noch, dass ich in Filderstadt, nachdem ich im Turnier ausgeschieden war, von ihm wieder übel beschimpft wurde. Da habe ich mich in mein Zimmer eingeschlossen und die Minibar komplett ausgetrunken. Als er dann an die Tür geklopft hat, hab ich ihm aufgemacht – und bin sofort umgefallen. Ich muss drei Promille gehabt haben.

Hat er verstanden, warum Sie das getan haben?
Wahrscheinlich nicht. Vor allem hat er nicht kapiert, dass ich den Dauerdruck nicht ausgehalten habe, den er aufgebaut hat. Er war der absolute Anti-Psychologe.

Blieb die leer getrunkene Minibar die einzige Form des Protests?
Nein, 1989 habe ich gegen seinen Willen mal drei Monate mit dem Tennis aufgehört. Da habe ich in San Antonio in Texas den Matchball absichtlich in die Pampa gehauen, damit ich nicht gewinne. Danach habe ich zu meinem Stiefvater gesagt: »Ich mag nicht mehr, ich fahre jetzt nach Hause.« Er wäre fast Amok gelaufen. Aber ich habe alles abgesagt für diese drei Monate. Wahrscheinlich hatte ich eine Art Burn-out.

Später haben Sie mal gesagt, Sie konnten »die immer gleich blöden Gesichter dieses Tenniszirkus nicht mehr sehen«.
Ja. Die Tenniswelt war oft sehr eintönig.

Haben Sie in Ihrer Auszeit, da waren Sie ja erst 25, ein Stück Jungsein nachgeholt? Ausgehen, tanzen, feiern?
Wie denn? Ich hatte ja niemanden, mit dem ich das alles hätte machen können. Da waren ja keine Freunde oder so. Ich habe irgendwie halbherzig weitertrainiert und überlegt, wann ich wieder ins Profitennis einsteige.

War das letztlich der Anfang Ihres Ausstiegs aus dem Tenniszirkus?
Ein bisschen, ja. Danach war das Feuer nicht mehr so da, dazu kamen Verletzungen. Ich hab noch ein bisschen Bundesliga gespielt und mich ohne großen Abschied aus der Tenniswelt geschlichen.

Mit Mitte dreißig haben Sie dann den Schlagersänger Chris Bennett kennengelernt und wenig später geheiratet. Das war Ihre erste echte Beziehung?
Ja. Doch.

Wie hat Ihr Vater reagiert?

Er hat getobt. Er hatte seinen Besitzanspruch, und was die Finanzen anging, war ihm wohl klar: Wenn ich heirate, bricht sein System zusammen. Er hat alles versucht, um uns auseinanderzubringen.

Chris Bennett wurde aber nicht nur Ihr Mann, sondern auch Vater Ihres Sohnes.

Richtig. Mein Stiefvater hat sich also nicht durchgesetzt. Dieses eine Mal.

Da waren Sie aber schon keine Tennisspielerin mehr. Sondern?
Ich hab ein paar Dinge ausprobiert, zum Beispiel eine Ausbildung als Diplom-Fachjournalistin gemacht. Vor allem habe ich mit meinem Mann Musik produziert, sogar Texte geschrieben.

Was für Musik denn?
Zum Beispiel den offiziellen Song für das deutsche Olympia-Team 2004 in Athen. Da haben vierzig Sportler mitgesungen. Aber die Branche ist schwierig, wir hatten nicht den erhofften Erfolg. Ich habe mich 2009 aus dem Studio ausgeklinkt, im Jahr darauf haben wir uns scheiden lassen. Ich habe wieder bei null angefangen. Besser gesagt: unter null.

Sie hatten Schulden?
Ja, vom Musikverlag, aus der Ehe, dann kam noch eine Steuernachzahlung. Irgendwann war klar, dass ich da nicht mehr rauskomme. Aus dem Briefkasten quoll mir jeden Tag eine Flut von Mahnungen entgegen. Vor ein paar Monaten saß ich dann drei Stunden mit meiner Anwältin zusammen, und sie hat gesagt: »Du meldest jetzt Insolvenz an. Das hättest du längst tun sollen.« Innerhalb einer Woche war das geklärt, und seitdem geht es mir unglaublich viel besser.

Wovon leben Sie heute?

Ich bekomme Kindergeld und Unterhalt und arbeite seit einigen Monaten für eine Immobilienfirma. Vermieten, verkaufen. In den ersten sechs Wochen hatte ich 120 Termine. Für die Miete reicht es, und ich hoffe, dass ich so wieder auf die Beine komme, langsam.

Haben Sie heute noch Kontakt zu der Welt von früher, zu Ihren Gegnerinnen?
Wieder, über Facebook. Da ist die halbe Tenniswelt drin. Wir haben uns quasi alle wiedergefunden. Da sieht man, was die heute so machen, wer Kinder hat, wer wo lebt. Die Helena Sukova, meine alte Doppelpartnerin, schreibt immer auf Tschechisch, und ich schreibe dann immer drunter: »Hä?!« Aber auch Martina Navratilova oder Pam Shriver sind da. Das ist schon schön.

Schauen Sie sich manchmal alte Videos von sich an?
Ja, doch, auf YouTube ist eine Menge. Da habe ich meinem Sohn letztens was gezeigt, und als ich mich da habe rumschlaksen sehen, dachte ich schon: Mensch, das war was!

Spielt Ihr Sohn auch Tennis?
Er hat mal. Jetzt will er Schlagzeuger werden.

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