Neue Heimat

Zwei Jahrzehnte lang wurden sie im Labor gequält, jetzt leben 36 Schimpansen in einer großzügigen Residenz bei Wien, die eigens für sie gebaut wurde. Versuch einer Wiedergutmachung.

Ein Forschungstier nicht mehr in der Forschung einzusetzen, das ist eine Wissenschaft für sich. Gogo zum Beispiel: Er hat 21 Jahre seines Lebens in einem Käfig verbracht, in dem er gerade aufrecht stehen konnte. Drei Schritte vor, drei zurück, mehr Bewegung war nicht, überall Gitterstäbe, auch an der Unterseite, damit sich sein Gefängnis leichter reinigen ließ. Als die Experimente endeten, rollten Tierpfleger, sozusagen als erste Resozialisierungsmaßnahme, einen Kunstrasen auf dem Käfigboden aus. Gogo kletterte ängstlich die Sprossen hoch und wagte sich erst auf den Boden, als der Belag wieder eingerollt war. Oder Carmen: Sie hat nach 13 Jahren Käfighaltung ein so verkrümmtes Rückgrat, dass sie nicht mehr klettern kann. Oder Maxi, 18 Jahre lang Versuchstier, der anfangs alles, was er aß, sofort erbrach. Oder Bonnie, elf Jahre lang Versuchstier, zuckerkrank. Probleme über Probleme, für die Renate Foidl in keinem Fachbuch eine Lösung findet. Trotzdem ist die Tierpflegerin überzeugt, dass sich das Leben für die 36 ehemaligen Laborschimpansen heute anfühlt wie im Paradies: betreut von Foidl und ihren drei Kolleginnen leben sie in einem eigens für die ehemaligen Labortiere errichteten Refugium nahe Wien.

Ein milder Herbstmorgen in Gänserndorf, östlich vom Affenhaus zeichnen sich die Hügel des slowakischen Grenzgebietes ab. Renate Foidl, eine zierliche, burschikose Frau mit kleiner runder Brille auf der Nase, sitzt auf den Kieselsteinen vor einem kleinen Fenster zum Freigehege und beobachtet ihre Pflegefälle. Einer hat das Klettergerüst in der Mitte des Geheges bestiegen und sonnt sich. Ein anderer sucht auf dem Boden nach Karotten und Rosinen, die Kolleginnen von Foidl kurz zuvor ausgestreut haben. Sie nickt zufrieden: »Man muss sagen, dass sie ganz schön an Selbstbewusstsein gewonnen haben.« Foidl hat die Tiere vor mehr als zwanzig Jahren kennengelernt, als Tierpflegeschülerin, das Labor der Pharmafirma Immuno war ihre erste Ausbildungsstation. Einige der Schimpansen hatten die Forscher dort mit HIV und Hepatitis infiziert, die restlichen Affen dienten als Kontrollgruppe. Sie alle wurden regelmäßig narkotisiert, dann entnahmen die Forscher Blut und Gewebe, meist aus der Leber. Im Laufe ihres Laborlebens mussten sie Hunderte dieser Eingriffe über sich ergehen lassen. Dennoch erwiesen sich die Versuche, von denen sich die Forscher Erkenntnisse zur Immunschwächekrankheit Aids erhofften, am Ende als sinnlos: Trotz Infektion waren bei den Affen nie Krankheiten ausgebrochen. Nachdem Europa Versuche mit Affen erschwert hatte, beschloss 1997 der US-Konzern Baxter, der die Firma Immuno zwischenzeitlich übernommen hatte, das Martyrium der Tiere zu beenden.

Der Alltag der Affen bis dahin: Folter durch Isolation. Kein Kontakt zu anderen Tieren, Menschen kannten sie lediglich in grauen Schutzanzügen, die Fütterung bedeutete den Höhepunkt des Tages. Wenn er ausblieb, wurden die Affen unruhig – ganz so als ahnten sie, dass sie wieder eine schmerzhafte Untersuchung erwartete, für die sie nüchtern sein mussten. So vergingen die Wochen, Monate, Jahre in dieser durch und durch künstlichen Umgebung. Die Tiere, die im Babyalter in Österreich angeliefert worden waren, kannten weder Herbstnebel noch Pulverschnee, sondern nur 28 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das Einheitsgrau des Labors und der Forscher in ihren Schutzanzügen, in mattes Neonlicht getaucht, hatte sie nahezu farbenblind werden lassen. Renate Foidl stellte sich anfangs mit buntem Hut und farbiger Handtasche vor die Käfige, um die Tiere auf ihre veränderte Umwelt vorzubereiten.

Die Resozialisierung erwachsener Affen birgt unkalkulierbare Risiken: Foidl beobachtet immer wieder Männchen, wie sie herumtollen und sich dabei auch beißen und schlagen. »Die holen ihre Kindheit nach«, sagt sie. Allerdings tun sie das mit den Kräften von erwachsenen Tieren, und so schwebt über der Spielerei immer die Gefahr, dass sie tödlich enden könnte. Sollte die Situation eskalieren, gehen die Pflegerinnen mit einem Wasserstrahl dazwischen. Dennoch gab es Verletzungen, einem Affen wurde der Finger abgerissen, einem anderen das Ohr. Es kam aber auch zu rührenden Begegnungen wie dem ersten Treffen zwischen Michi und Johannes nach fast zwei Jahrzehnten der Isolation: Johannes streicht seinem Artgenossen fast zärtlich übers Gesicht, rupft ihm vorsichtig ein Haar aus, mustert es und schnüffelt daran, als könne er sein Glück nicht fassen. Solche Treffen wurden wochenlang vorbereitet, die Tierpflegerinnen um Renate Foidl schoben immer wieder die Käfige zusammen, um zu sehen, ob sich die Tiere riechen können.

Vieles hat sich in dem Affenrefugium zum Guten entwickelt: Gogo, der anfangs sogar den Kunstrasen fürchtete, turnt längst im Freien herum, der schwer behinderten Äffin Carmen haben die Pflegerinnen Leitern in ihr Gehege gestellt, auf denen sie sich zwischen den beiden Etagen der Anlage auf und ab bewegen kann. Und Bonnie lässt sich freiwillig Blut abnehmen und, falls nötig, Insulin spritzen, trotz der traumatischen Erfahrungen im Versuchslabor. Dennoch sagt Renate Foidl, das sei hier »keine heile Welt«.

»Die Affen«, sagt Renate Foidl, »verzeihen dir keinen Fehler.«

Im Moment gibt es elf Gehege in Gänserndorf. In einem tummeln sich sogar neun Schimpansen, in fünf anderen sitzen immer noch Tiere allein, wenn auch mit eigenem Auslauf ins Freie. Daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern, der Kontakt mit anderen Affen »stresst sie einfach zu sehr«, erklärt Renate Foidl. Sie reagieren sehr wohl auf menschlichen Zuspruch, aber auch das sei eine zweischneidige Angelegenheit: »Wenn du dem Peter heute eine Stunde gibst und morgen nicht mehr, kommt er damit nicht klar. Er verletzt sich dann selbst, beißt sich oder zerkratzt sich das Gesicht.« Auch Clyde buhlt fortwährend um Aufmerksamkeit. Als Foidl an seinem Gehege vorbeikommt, baut er sich sogleich vor ihr auf, beginnt von einem Fuß auf den anderen zu wippen, klopft sich auf die Brust und springt dann mit voller Wucht gegen die Scheibe. Foidl drängt zum Weitergehen, »sonst macht er ewig so weiter«.

Darum sind die Fenster der Gehege mit doppeltem Sicherheitsglas versehen. Die Wärme kommt aus der Wand, Heizkörper würden die kräftigen Tiere sofort aus der Verankerung reißen. Viele Schrauben sind mit zwei Muttern gesichert, die Affen wissen nämlich genau, dass sie nur kräftig rütteln müssen, schon werden die Schrauben locker. Die Pflegerinnen, die sich zum Reinigen und Füttern der Tiere viel in und zwischen den Käfigen bewegen, werden durch die vielen Sicherheitsschleusen ständig daran erinnert, wie gefährlich die Tiere sein können. »Die Affen«, sagt Renate Foidl, »verzeihen dir keinen Fehler.«

Deshalb halten sie und ihre Kolleginnen respektvollen Abstand zu den Tieren. Trotzdem werden sie beim Einkaufen im Supermarkt zuweilen schief angeschaut, es hat sich herumgesprochen in Gänserndorf, dass sie mit HIV-infizierten Affen arbeiten. Schwerer wog für Renate Foidl lange Zeit die Unsicherheit, ob die Versuche je enden würden und was das für die Affen bedeutete. Immer wieder überkam sie die Wehmut, weil nur eines feststand: In die Freiheit würden die im Labor verkümmerten Tiere nie wieder entlassen. Zur ihrer Freude sah sich der US-Konzern Baxter moralisch in der Pflicht, sich zumindest weiter um die Labortiere zu kümmern: Von 1997 bis 2002 wurde die Affenanlage in den Auwäldern bei Gänserndorf errichtet und Teil eines großen Wildparks, der allerdings schon zwei Jahre später Insolvenz anmeldete. Die Affen wurden zur Konkursmasse, und bald kam die Idee auf, die nicht infizierten Tiere an Zoos zu verkaufen. Renate Foidl, die sich zu diesem Zeitpunkt schon elf Jahre um die Affen gekümmert hatte, wollte das unter allen Umständen verhindern und nahm Kontakt zu Michael Aufhauser auf, dem Chef des Guts Aiderbichl. Er betreibt in Österreich, Deutschland und Frankreich Gnadenhöfe für misshandelte, kranke und ausgesetzte Tiere. Die Höfe haben auch bei Freunden der Volksmusik eine gewisse Popularität erlangt, regelmäßig werden von dort Sendungen ausgestrahlt, die junge und alte Menschen in Zirbelstuben und vor dem Kaminfeuer zeigen, mit Hunden und Katzen auf dem Schoß, dazu singen die Kastelruther Spatzen und DJ Ötzi. Aufhauser, der diese schmalzige Szenerie geschickt nutzt, um die gerührten Zuschauer zum Spenden zu animieren, erklärte sich nach zwei Besuchen in Gänserndorf bereit, die Verantwortung für die Affen zu übernehmen. Seit 2009 gehört das Affenrefugium zum Gut Aiderbichl. »Diese Affen haben ihre Kindheit und Jugend in den Dienst der Menschheit gestellt. Nun sollten wir es als unseren Dienst ansehen, ihnen ein Altern in Würde zu bereiten«, heißt es auf der Webseite der Stiftung.

»Wahrscheinlich hätten viele Menschen damals Verständnis für die Affenexperimente gehabt, wenn einer ihrer Verwandten an Aids erkrankt wäre«

Zwei Münchner Dokumentarfilmer haben vor Kurzem einen Film über die Affen in Gänserndorf gedreht. Er heißt Unter Menschen, das Kontrastprogramm zur rosaroten Welt, wie sie üblicherweise vom Gut Aiderbichl gesendet wird. Insbesondere beleuchtet er die grausame Vergangenheit der Affen, von denen die meisten aus Sierra Leone stammen. Im Alter von wenigen Monaten entrissen Wilderer sie ihren Eltern – ein Gemetzel, bei dem in der Regel fünf bis zehn Affen umkamen, die versuchten, die Babys zu schützen. Dann wurden die Tiere illegal von Afrika nach Österreich verfrachtet. Dieser Teil der Geschichte kommt in der offiziellen Chronik des Gut Aiderbichl nur sehr am Rande vor. Böse Zungen behaupten, das hänge mit dem Einfluss der Firma Baxter zusammen, die das Affenrefugium immer noch maßgeblich finanziert und kein Interesse habe, die unrühmliche Vergangenheit der Tochterfirma Immuno auszubreiten. Jedenfalls wirkt vor diesem Hintergrund das Bild von den Affen, die sich »in den Dienst der Menschheit gestellt« haben, mehr als zynisch.

Andererseits erinnert der Film auch an die Zeit, als die Seuche Aids auf der Welt Angst und Panik verursachte und eine fieberhafte Suche nach Impfstoffen und Gegenmitteln einsetzte, um den Tod von Millionen Menschen zu verhindern. »Wahrscheinlich hätten viele Menschen damals Verständnis für die Affenexperimente gehabt, wenn einer ihrer Verwandten an Aids erkrankt wäre«, sagt Renate Foidl.

Aus Sicht der Tiere zählen heute ohnehin Taten mehr als Worte, und niemand bestreitet, dass mit dem Affenrefugium in Gänserndorf etwas Einzigartiges geschaffen wurde, was die Affen wenigstens ein Stück weit für ihr vorangegangenes Leid entschädigt. Ähnliche Einrichtungen existieren weltweit nur noch in den Niederlanden und in den USA, in Louisiana – allerdings sind dort bis heute Tierversuche mit Affen erlaubt.

Die Verantwortlichen des Gut Aiderbichl sind auch nicht der Versuchung erlegen, das Affenrefugium kommerziell zu nutzen. Besucher sind nur einmal die Woche erlaubt, am Samstag. Und auch dann haben nur Paten Zutritt, die das Projekt durch Spenden unterstützen, bisher hat das Gut Aiderbichl 600 000 Euro eingesammelt.

Mit etwas Glück können sie auch Anton beobachten, wie er zu Mittag einen Becher Himbeerjoghurt bis zum letzten Tropfen ausschleckt und eine Fliege, die sich zwischenzeitlich auf seine Nase gesetzt hat, vorsichtig wegbläst. Was dann doch wieder zur Frage zurückführt, wie der Mensch ein so mitfühlendes und ihm ungemein ähnliches Wesen so schlecht behandeln konnte.

Fotos: Sarah Brück