Kurze Prozesse

Anja P. wollte Politik studieren und wurde Sachbearbeiterin, sie wollte ihrem Mann gefallen, doch der interessierte sich mehr für andere Frauen. Um die Widersprüche in ihrem Leben auszuhalten, sah Anja P. nur noch einen Weg: Betrug.

Frauenzeitschriften können eine gefährliche Lektüre sein. Im Fall von Anja P., 40, jedenfalls löste das Magazin Brigitte jahrelange kriminelle Handlungen aus. 2003 trat sie gerade ihre Stelle beim Müttergenesungswerk an, als sie in der Zeitschrift eine Reportage über eine Betrügerin las, die in ihrem Unternehmen jahrelang Rechnungen gefälscht hatte. Anja P., verantwortlich für die Finanzen des Müttergenesungswerks, zweigte fortan Spendengelder ab und überwies sie auf das Konto ihrer Tochter, einem Kinderstar im Fernsehen. 250 000 Euro sammelten sich im Laufe der Jahre an.

Nach Untersuchungshaft, Psychiatrie und einem Selbstmordversuch sitzt sie nun vor dem Amtsgericht Tiergarten: eine blasse Frau mit kurzem rotblondem Pferdeschwanz, von jahrelangen Essstörungen gezeichnet. (Ihre Tochter, mittlerweile 20, gibt auf der Fan-Homepage unter der Rubrik »Was ich nicht mag« die Antwort: »Diät machen«.)

In Anja P.s tränenreicher Erklärung zu Beginn der Verhandlung ist zunächst nicht genau zu verstehen, was ihr privates Leben mit dem Fall zu tun hat. »Ich wollte das nur für Frank machen«, sagt sie. »Alles hätte ich dafür gegeben, dass er bei mir bleibt. Ich war ja nie eine schöne Frau. Und als ich damals die Stelle angetreten habe, waren die Erwartungen Franks an mich sehr hoch: dass ich jetzt auch einmal für die Familie verantwortlich sein muss, dass er endlich sein eigenes Leben führen kann.«

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Das Gericht braucht einige Zeit, um die Verhältnisse zu entwirren. Offenbar hängen Anja P.s Delikte untrennbar mit ihrer langjährigen, inzwischen gescheiterten Ehe zusammen. Mit zwanzig wurde sie schwanger, brach ihr Politik-Studium ab und kümmerte sich viele Jahre lang nur um das Kind; der Mann, ein Drogenberater mit Drang zur Selbsterfahrung, sorgte notdürftig für den Unterhalt, hatte aber, wie sie sagt, schon früh Affären mit anderen Frauen. Der plötzliche Wohlstand, vom Mann anscheinend einfach hingenommen, soll ihre Ehe retten; sie unterschlägt zunächst kleinere Summen, mit denen die dringendsten Unkosten beglichen werden, später aber Einzelbeträge bis zu 15 000 Euro. Anja P. ermöglicht ihrem Mann den Weg in die Selbstständigkeit und bezahlt ihm lange Fernreisen; sie selbst kauft sich teure Kleidungsstücke und Kosmetik, um attraktiver zu erscheinen.

Je länger Anja P. erzählt, desto klarer wird, dass die Veruntreuung des Geldes nur der letzte Schritt einer langen, schmerzlichen Erfahrung war: dem immer tiefer empfundenen Riss zwischen den eigenen, hochgesteckten Ambitionen und den Tatsachen des alltäglichen Lebens. »Ich wollte ja nie in einem Büro arbeiten, so habe ich mich nicht gesehen«, sagt sie. »Mein größter Wunsch war es immer, etwas Künstlerisches zu machen.« In ihrem Lebenslauf gab sie sich zuletzt als »Persönliche Referentin von Frau Köhler« aus, obwohl sie mit der Gattin des Bundespräsidenten nur bei einer einzigen Präsentation zusammengearbeitet hatte. Die Hochstapelei, der Betrug an der eigenen Biografie, nahm den finanziellen vorweg.

Vor den Schlussplädoyers kommt der medizinische Gutachter zu Wort, ein routinierter, etwas beamtenhafter Psychiater, der den Werdegang der Angeklagten rekapituliert. Die Richter hören konzentriert zu, die Pressevertreter schreiben in ihre Blöcke, und man glaubt einen Moment lang zu erkennen, dass Anja P. diese allgemeine Aufmerksamkeit genießt. So hat sie sich ihre Position vermutlich immer erträumt, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. An seinem äußersten Tiefpunkt kippt das Leben also für einen Augenblick ins Gegenteil: Der Gerichtspsychologe wird zum Laudator, der ihr außergewöhnliches Leben referiert.

Im Amtsgericht Tiergarten steht am Ende dieser Erzählung jedoch nicht der Applaus, sondern das Gefängnis. Anja P. wird, den Forderungen des Oberstaatsanwalts folgend, zu knapp drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Nach der Verkündung des Urteils wirkt sie noch eingefallener als zuvor, wie ein Kleinkind auf einem Erwachsenenstuhl.

Illustration: Christoph Niemann

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