Risiko-Kapital: So klage ich mich reich

Unsere Autorin versucht, ihre erste Million zu verdienen – mit zu kalten Eiswürfeln, zu heißem Kaffee und zu knusprigen Fritten.

Hiermit verklage ich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, Trainer Jogi Löw und Kapitän Bastian Schweinsteiger, weil sie gegen Frankreich verloren haben. Wegen der erlittenen psychischen und emotionalen Schäden verlange ich 88 Milliarden Euro. Auch habe ich mir in meiner blinden Verzweiflung den Knöchel am Wohnzimmer-Sofa angestoßen, für die medizinischen Kosten muss natürlich jemand aufkommen. Von Schweinsteiger will ich wegen des Hand-Elfmeters vor der Halbzeit eine Extra-Million.

Nein, kein Witz, das wird klappen. In Deutschland hätte ich damit natürlich keine Chance. Aber weil ich das Spiel in Amerika sah, ist Amerika das Gerichtsland, und da funktioniert sowas.

Ich orientiere mich in der Schadenshöhe an meinem Vorbild Terry Hendrix aus Colorado, der die National Football League auf 88 Milliarden Dollar (um genau zu sein: exakt 88.987.654.321,88). verklagt hat, weil seinem Football-Verein, den Dallas Cowboys, wegen eines fragwürdigen Stunts der Sieg gegen die Green Bay Packers nicht anerkannt wurde. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass er 88 Milliarden fordert, weil 88 die Trikotnummer seines Lieblings-Athleten ist. Es ist also durchaus möglich, dass es für mich nur auf 17 Milliarden hinauslaufen wird. Aber für 90 Minuten Herzrasen fände ich den Geldregen zumindest eine passable Entschädigung.

Jedes Jahr veröffentlicht das U.S. Chamber Institute for Legal Reform eine Liste der albernsten Klagen. Das mögen angehende Rechtsanwaltsgehilfen zur Belustigung lesen, aber ich persönlich durchforste die Liste als Fundgrube für ertragreiche Ideen. Als freiberufliche Autorin bin ich immer auf der Suche nach lukrativen Nebeneinkünften. Das wirklich faszinierende ist nämlich nicht, dass Menschen solche Klagen einreichen, sondern dass viele davon erfolgreich sind. Nun gut, die Klage des Biertrinkers, der Budweiser wegen irreführender Werbung verklagte, weil ihn – anders als im Fernseh-Spot – Dosenbier nicht attraktiver, sondern nur dicker machte, wurde abgewiesen, aber der Einbrecher, der sich beim Einstieg durch ein Fenster in eine Bar verletzte, war mit seiner Schmerzensgeld-Klage gegen den Barbesitzer immerhin zur Hälfte erfolgreich.

Natürlich habe ich mich bereits der Sammelklage von Stacy Pincus angeschlossen. Die Frau aus Chicago hat Starbucks gerade auf fünf Millionen Dollar verklagt, weil zuviel Eis in ihrem Eiskaffee war. Wenn ich für jeden Drink, in dem ich vor Eiswürfeln das Getränk nicht erkenne, auch nur einen Dollar bekomme, ist meine Altersversorgung gesichert.

Grundsätzlich sind da in Amerika die Möglichkeiten nach oben hin offen. Das sieht man schon am Diesel-Skandal: In Amerika macht Volkswagen die Rekordsumme von gut 13 Milliarden Euro locker, um die amerikanischen VW-Fahrer mit bis zu 10000 Euro zu entschädigen, und zuhause im VW-Mutterland gehen die Dieselfahrer leer aus! Ist es zu spät, mir nun einen VW Diesel zu kaufen?

Meine Lieblingsklage ist die von DeToya Moody aus Georgia, die so auf ihr Smartphone fixiert war, dass sie auf dem Bürgersteig in eine Handwerker-Leiter lief. Das brachte ihr eine Gehirnerschütterung und 161 000 Dollar (knapp 150 000 Euro). Das Ermutigende an der Klage ist, dass Moodys Missgeschick von einer Überwachungskamera gut dokumentiert ist: Der Arbeiter hatte die kleine Baustelle ordnungsgemäß mit orangefarbenen Warnhäubchen gesichert, Moody war vorher schon mehrmals dran vorbeigelaufen, und das Video zeigt, dass sie mit der Nase quasi am Smartphone klebte, im Gehen tippte und nicht auf ihre Umgebung achtete, aber das half dem Bauarbeiter alles nicht: Seine Firma musste trotzdem zahlen. Da sehe ich angesichts der vielen Baustellen in meiner Straße die Dollarzeichen leuchten.

Inspirierend auch das Vorbild einer Hausfrau in Florida, die Fedex verklagt, weil sie über ein Fedex-Paket vor ihrer Haustür stolperte. Sie macht »schlimme körperliche Schmerzen, mentale Ängste und Erniedrigung« geltend. Auf die Idee wäre ich von alleine nie gekommen. Kann man doch mal versuchen, oder? Fedex hat sich mit ihr außergerichtlich geeinigt, denn darin liegt der Trick vieler dieser Klagen: Für große Konzerne ist es schlicht zu aufwändig, für jeden Paket-Stolperer teure Rechtsanwälte zu beschäftigen. Also zahlen sie lieber, nach dem Motto: im Zweifel für den Ankläger. Wo kämen wir hin, wenn Kunden für ihre Schusseligkeit plötzlich selbst verantwortlich sind?

Die Möglichkeiten sind endlos: Seit ich mich mit dem Thema eingehend beschäftige, habe ich erfahren, dass ein obdachloser Amerikaner seine Eltern wegen ihrer lieblosen Erziehung verklagte und als Entschädigung zwei Pizza-Läden in seinem Namen fordert. Ich fürchte, meine Eltern haben mich für eine Pizzeria in bester Lage zu sehr geliebt. Aber könnte die Tatsache, dass ich als Einzelkind aufwachsen musste, möglicherweise für einen Urlaub in Hawaii reichen?

Die Mutter aller Millionenklagen ist natürlich die legendäre Kaffee-Klage gegen McDonalds, bei der Stella Liebeck, 79, aus New Mexiko 2,8 Millionen Dollar gewann, weil sie ihre Oberschenkel im Drive-Through durch zu heißen Kaffee verbrühte. (Weil McDonalds in Berufung ging, erhielt sie letztendlich übrigens weniger als 600.000 Dollar.) Seither frage ich mich: Würde ich für eine halbe Million Euro Verbrennungen dritten Grades, einen einwöchigen Krankenhausaufenthalt und lebenslange Narben in Kauf nehmen? Ist es das wert?

Hunderte von Menschen haben diese Frage bereits mit Ja beantwortet. Ständig schütten sich Amerikaner absichtlich Kaffee über die Oberschenkel, um wie Liebeck üppig zu kassieren. McDonalds wehrt sich bislang erfolgreich: Der Konzern druckt seit der Causa Liebeck eine deutlichere Warnung auf die Kaffeebecher. Achtung, heiß!

Zuletzt wurde sogar ein Polizist in North Carolina von der Überwachungskamera dabei gefilmt, wie er sich großzügig den Schoß mit brühend heißem Koffein benetzte, um dann eine Klage über eine Dreiviertel Million einzureichen. Kinders, lasst das mal den Profi machen!

Ich tippe diese Kolumne in mein Smartphone, während ich mit gesenktem Kopf über eine Großbaustelle zum Drive-Through jogge. Zuhause wartet hoffentlich schon eines der Pakete, die ich inzwischen täglich via Fedex bestelle. Obwohl ich eigentlich kein Fast Food mag, bin ich nun Stammgast bei McDonalds, in der Hoffnung, mich an einer zu heißen Fritte zu verbrennen. Als Dessert werde ich mir Eistee über die Beine schütten, bis mir die Zehen abfrieren. Da bin ich eiskalt: Ich arbeite an meiner ersten Million.

Foto: Lindenthal / photocase.de

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