»Weiß ist ein Code«

Daniel Libeskind, Monica Förster, Tom Dixon und viele andere Designer und Architekten haben uns ihre Lieblingsfarbe verraten – und gleichzeitig einiges aus ihrem Leben.


PIERO LISSONI

Seit den Achtzigerjahren arbeitet der italienische Designer und Architekt an kleinen und großen Projekten, seien es Grafiken, Möbel oder Hotels. Seine Kunden reichen von Alessi bis Wella, er wurde vielfach ausgezeichnet.

»Gerade weil Weiß auf den ersten Blick so einfach erscheint, fasziniert es mich. Es verkörpert Perfektion, Intensität und Reinheit. Kürzlich habe ich wieder Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum gesehen. Die von Kubrick eingesetzten Nuancen von Weiß und die beeindruckende Farbsymbolik der einzelnen Settings haben mich sehr beeindruckt. Für mich ist Weiß ein Code, dessen Anwendung erst verstanden werden muss, damit sich je nach Lichtverhältnissen, Größe und Funktion des Raumes die volle Wirkung entfalten kann. Es hat als Farbe ein großartiges Potenzial. Weiß ist nicht das unbeschriebene Blatt, sondern das Alphabet.«


DANIEL LIBESKIND

war ein musikalisches ­Wunderkind, bevor ­er Architekt wurde. Er hat Büros in ­­New York, Zürich und Mailand. ­­­Zu seinen bekanntesten Bauten zählen das One World Trade Center in New York und das ­Jüdische Museum in Berlin.

»Meine liebste Farbe ist Rot. Es ist eine der stärksten Farben. Und eine Schattierung davon, Pink, ist eine der zartesten, femininsten. Sie erinnert mich an meine Zeit in Łódź in Polen. Als Junge war ich oft im Korsett-Geschäft meiner Mutter. Sie nähte pink­­farbene Satin­unterwäsche für die Frauen der Kommunistenführer. Ich war so fasziniert von diesem zarten Rosa – verglichen mit dem Rot der Kommunistischen Partei.«

CECILIE MANZ
Die Dänin entwirft Möbel, Lampen, Textilien und Gebrauchsgegenstände. Ihr Tisch »Micado« wurde in die ­Designsammlung des Museum of Modern Art ­in New York aufgenommen.

»Es begann im Kindergarten: Alle Mädchen mochten Rot, und ich hatte Mitleid mit Gelb – einer Farbe, die niemand mochte. Heute verwende ich öfters Grau- oder Ocker-Töne. Aber ich habe immer noch ein warmes Gefühl, wenn ich an meinen damaligen Entschluss denke.«


MONICA FÖRSTER
ist Schwedens führende ­Produktdesignerin. Sie entwirft ­unter ­anderem Möbel, Besteck, Lampen und Textilien für ­Hersteller wie Swedese, De Padova und ­Wittmann.

»Henry Fords Slogan für sein Model T sagt alles: ›Sie können es in jeder Farbe ­haben – solange es schwarz ist.‹«

STEFAN SAGMEISTER
ist ein österreichischer Grafikdesigner, er lebt in New York. Bekannt wurde er vor allem für seine Plattencover der Rolling Stones, Aerosmith oder Lou Reed. Seine Dokumentation The Happy Film mit dazugehöriger Ausstellung in Wien dreht sich um seine Suche nach dem wahren Glück.

»Pantone 290 heißt meine Lieblingsfarbe – ein helles Blau. Es scheint den meisten so zu gehen: Als wir eine Ausstellung zum Thema Schönheit in Wien und Frankfurt planten, fragten wir Menschen nach ihrer Lieblings­farbe. Auch unter diesen 6000 Antworten war Hellblau der Favorit.«

PHILIPPE STARCK
Der Franzose ist ein Vertreter des »Neuen Designs«. Weltbekannt wurde Starck mit Gebrauchsgegenständen wie der raketenförmigen Zitronenpresse »Juicy Salif« – und der Inneneinrichtung für den ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterand.

»Genauso gut könnte man einen Autor, einen Maler oder einen Musiker nach ihren liebsten Buchstaben, Nuancen oder Noten fragen. Es kann in der Farbe keine Präferenzen geben, weil alles nur im harmonischen Zusammenspiel funktioniert. Farben sind alles und überall. Sie kommen vom Licht, nichts existiert außerhalb davon. Allerdings kann man Vorlieben haben, weil jede Farbe auch eine Bedeutung hat. Meine Vorliebe gilt Zitronengelb, weil es dynamisch und präzise ist.«

KARIM RASHID
Der in Ägypten geborene US-Amerikaner ist laut Time der berühmteste Industriedesigner der USA. Sein Portfolio ist so extravagant wie sein Kleidungsstil und umfasst Parfumflakons, Turnschuhe, Küchengeräte, Wasserflaschen.

»Spirituell, zurückhaltend, kultiviert und rein: Meine Lieblingsfarbe ist Weiß. Ich setze sie ein, um positive Energie in die Welt zu schicken. Weiß macht mich optimistisch, engelsgleich, offen. Mit 16 fing ich an, mich ausschließlich weiß zu kleiden. Gerade im Design ist Weiß die Farbe, durch die man Form und Konzept erst richtig sieht, ohne von der Färbung oder von Mustern abgelenkt zu werden. Deswegen versuche ich, alle meine Arbeiten zuerst in Weiß zu sehen, und dann erst andere Elemente hinzuzufügen – etwa große weiße Flächen mit Akzenten starker, positiver Farben zu gestalten. Das kann man sich vorstellen wie eine unbedruckte Vorlage, wie einen weißen Raum in einem Filmset: die perfekte Bühne, um geschmückt und verschönert zu werden.«

SEBASTIAN HERKNER
Der vielfach ausgezeichnete Designer entwirft Möbel und Alltagsgegenstände für Hersteller wie ClassiCon, Rosen­thal oder Moroso. Er sucht dabei eine Verbindung zwischen Handwerk und neuer Technik.

»Farbe verleiht einem Objekt erst seinen Charakter. Die Farbe ist stets abhängig von dem umgebenden Licht und dem Material, auf das sie aufgebracht ist. Ich bin fasziniert von den Arbeiten des Schweizers Jean Dunand, der durch farbige, hochglänzende Lacke seinen Objekten eine besondere Tiefe und Wertigkeit verleiht. Man kennt heute meistens das asiatische Rot oder das Schwarz von Klavieren. Persönlich liebe ich ein tiefes Blau, wie bei Marinepullovern: eine satte Farbe, zeitlos, elegant und kräftig.«

WOLF D. PRIX
Der in Österreich geborene Architekt war 1968 Mitgründer der Kooperation »Himmelb(l)au« mit Sitz in Wien und gilt als wichtiger Initiator des Dekonstruktivismus. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen die BMW-Welt in München und das Gasometer in Wien.

»Die Lieblingsfarben von Architekten sind Schwarz und Weiß. Meine liebste Farbe aber ist Silber, weil ich das glasperlengestrahlte Stahlblech so gern verwende.«

SYLVIAN WILLENZ
Der Belgier bezeichnet sein Design als multidisziplinär: Seine ­Entwürfe reichen von klassischen Wohngegenständen wie Lampen, Möbeln und Teppichen bis hin zu Alltagsgegenständen wie USB-Sticks oder Wassereimern.

»Meine Lieblingsfarbe ist Schwarz. Das war nicht immer so: Ich entdeckte sie, während ich die Torch-Beleuchtungsserie entwarf. 2007 fand ich einen Hersteller, der ein schwarzes, körniges Plastik führte. Es sah aus wie mit Pulver überzogenes Metall und gab der Oberfläche eine besondere Tiefe. Seitdem ist die Farbe Schwarz ein Kennzeichen meiner Arbeit, und ich habe eine gewisse Designsprache für meine Objekte gefunden. Dieses Vokabular, das wie ein Schatten ist, findet sich in allen Produkten – vom Sessel über Lampen bis hin zu Spiegeln oder Textilien. Meine Arbeit ist grafisch sehr simpel, und ich liebe es, diese Qualitäten durch Schwarz zu unterstreichen.«

TOM DIXON
Der Brite und Autodidakt ist bekannt für seine poppigen Leuchten aus Metall und extravaganten Möbelstücke. Seine Verdienste um das englische Design brachten ihm den »Order of the British Empire« ein.

»Im moment ist es warnwesten-­orange.«

JOHANNA GRAWUNDER
Die Architektin und Ettore-Sottsass-Schülerin ­wurde in Kalifornien geboren. Bekannt wurde sie ­vor allem durch ihre Lichtinstallationen, aber auch Möbel und Glasarbeiten sind Teile ihrer ­Kollektionen. Viele ihrer Arbeiten finden sich in ­Designsammlungen internationaler Museen.

»Bei mir kommt es darauf an, woran ich gerade arbeite. Ettore Sottsass sagte ­immer, so etwas wie Farbe gebe es gar nicht, sondern nur gefärbtes Material. ­Grünes Gras hat eine andere Farbe als grünes Plastik oder grünes ­Papier. Ich arbeite viel mit Licht, weshalb LED-Blau gerade meine ­Lieblingsfarbe ist – dieses elektrische, blaue Schimmern, das man ­nur von gefärbten LEDs bekommt. Es ist eine gesättigte und ätherische Farbe, ganz anders als blauer Lack oder blaues Wasser.«

Fotos: Giovanni Gastel, Stefan Ruiz, Casper Sejersen, Marco Scozzaro, James Bort, dpa/picture alliance, Camilla Lindqvist, Ingmar Kurth, zwefo, Lutz Sternstein, SWDO

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