Vorspulen ist das neue Binge Watching

Auf Youtube, Sky, Netflix und Co. kann man schnell durch ganze Serienstaffeln oder Videofilme spulen. Dadurch entsteht eine neue Fernsehkultur. Ist das einfach praktisch – oder respektlos den Filmmachern gegenüber?

Fast-Forward-Filmkonsum: Netflix-App auf dem Smartphone.

Foto: dpa

Mein Medienkonsum beunruhigt mich. Es geht nicht einmal um die vielen Folgen einer Serie oder die Videos, die ich am Stück schaue – also das Binge Watching, das ich betreibe. Bedenklicher ist: Auf dem Handy klicke ich mich oft nur noch durch den Serien- und Videodschungel durch, Szenen oder im extremsten Fall gleich ganze Folgen überspringe ich. Mein Medienkonsum besteht immer häufiger aus Splittern verschiedener Inhalte. Ich schaue viel, aber eigentlich nichts wirklich. Warum tue ich das? Missbillige ich dadurch die Werke von Serien- und Videomachern? Und wie komme ich aus diesem Strudel wieder raus?

YouTube macht es einem in dieser Hinsicht nicht leicht. Inzwischen muss ich nicht einmal mehr den Zeitstrahl vorschieben, es braucht nur noch einen Doppelklick auf den Bildschirm, schon wird zehn Sekunden nach vorne gespult. Konsum im Schnelldurchlauf. Während das eine Video läuft, suche ich bereits das nächste, das ich anschauen kann. Auch das ist einer praktischen Funktion geschuldet: Das Video läuft verkleinert im unteren Bildschirmrand weiter, während das andere bereits in den Startlöchern steht. Der Nachschub hört nie auf, das Angebot ist unendlich. Das Prinzip des kleinen, weiterlaufenden Bildschirms wendet auch Facebook inzwischen an.

Auf Streaming-Plattformen wie Netflix und Amazon Prime gibt es zum Vorspulen einen eigenen 10-Sekunden-Knopf. Außerdem sehe ich verkleinert, welche Szenen noch kommen, wenn ich über die Zeitleiste wische. Die Ungeduld wächst, wenn gerade eine Szene stattfindet, die ich langweilig finde und wenn ich sehe, dass mich die darauffolgende vermutlich mehr interessiert. Dann kommt es vor, dass ich Dialoge von ungeliebten Charakteren überspringe – es läuft schon fast automatisch ab.

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Der traurige Höhepunkt: Als ich nur die erste und letzte Folge einer sechsteiligen schwedischen Miniserie auf Netflix gesehen habe. Die Serie fängt mit einer Schießerei in einer Schule an. Dabei wird nicht gezeigt, wer schießt. Mir ist klar, dass die Auflösung erst in der letzten Episode kommen wird. Meine Abwägung also: Die Zeit in die Serie investieren oder sich selbst spoilern, um Bescheid zu wissen und vorzeitig mit dem Stoff abzuschließen. Ist mir die Geschichte die Zeit wert, die ich auch in eine andere Serie stecken könnte, die ich vielleicht viel besser finden werde? Ich entschied mich fürs Spulen – die Dialoge, das Dazwischen, die Serie als Gesamtkonzept waren in diesem Moment zweitrangig. Dadurch geht viel von der Serie verloren, Charakterentwicklungen, Plottwists und Spannungsbögen – was mir bleibt und in diesem Moment reicht, ist zu wissen, wie es ausgeht.

Die Zuschauer bestimmen inzwischen nicht nur wann, was, wo und wie oft sie etwas schauen, sondern auch in welcher Geschwindigkeit und in welcher Form sie es tun

Jedes Mal fühlt es sich wie diese Abwägung an: Viele Serien kennen und schauen wollen, aber nur bereit sein, in diejenigen Zeit zu investieren, die es wert zu sein scheinen. Bei Homeland oder Stranger Things zum Beispiel habe ich bis jetzt noch keine Szene übersprungen. Das sind für mich Serien, die ich nur schaue, wenn ich bereit bin, meine gesamte Aufmerksamkeit für einen gewissen Zeitraum zu investieren, weil sich hier jede Szene wichtig und kunstvoll anfühlt. Bei seichteren Stoffen wie The Bold Type oder Riverdale ist das anders, hier überspringe ich so manchen Handlungsstrang. Schaue ich also einfach effizienter, weil ich für mich selbst rausfiltere was wichtig und was irrelevant in einer Serie ist? Und ist es vermessen zu denken, dass ich das überhaupt beurteilen kann – bleibt das nicht vielmehr den Filmemachern selbst überlassen?

Natalie Spinell ist Regisseurin und Drehbuchautorin, dieses Jahr wurde sie mit dem Nachwuchsförderpreis des Bayerischen Filmpreises ausgezeichnet - für eine vierteilige Miniserie, Servus Baby. Jede Folge hat einen anderen Charakter im Fokus, die Episoden in der Mediathek sind unterschiedlich oft geklickt, manche Handlungsstränge sind wohl beliebter. Der Zuschauer selbst denke ja nur, dass etwas nicht wichtig ist, sagt sie. Aber wenn jemand Szenen oder Folgen überspringt, der habe die Serie nicht wirklich gesehen. »Der Macher hat sich ja etwas dabei gedacht.« Es gehe sie zwar nichts an, wie jemand konsumiert, aber »natürlich ist das schade«. Ihr Ziel beim Serienmachen ist es, den hüpfenden Zuschauer so zu fesseln, dass er gar nicht erst überspringen will.

Die Eventisierung von Serien wie aktuell Game of Thrones steht scheinbar ganz im Gegensatz zum schnellen Überspringen. Sich jede Woche zum gemeinsamen Serienabend verabreden, soziale Netzwerke meiden, um ja nicht gespoilert zu werden, jede Sekunde der neuen Folge genießen. Aber auch hier gibt es ein Angebot für Ungeduldige. Der Youtube-Kanal Screenjunkies fasst in einem Video sämtliche Game of Thrones-Staffeln in unter einer Stunde zusammen. In weiteren Videos die gesamte Harry Potter-Reihe und die Avengers-Welt. Hunderttausende Male geklickt. Mitreden können, weil man den groben Handlungsverlauf weiß, aber keine einzige Folge geschaut hat. Ein weiterer Kanal mit Zusammenfassungen ist Cram it, er wirbt mit dem Slogan:» Busy working man? Short attention span? Film cram!«

Ist es das? Die fehlende Zeit für so viel Angebot und eine kurze Aufmerksamkeitsspanne? Die »Short attention span« gilt als nicht belegt, die BBC recherchierte einer Studie nach, die das behauptete und entkräftigte sie. Sicher ist: Unterhaltung wird immer stärker individualisiert, wie Dr. Malte Elson sagt, Medienpsychologe an der Ruhr Universität Bochum. Elson vermutet darin einen Grund für das Skippen, richtige Forschungsergebnisse zum Vorspul-Konsum gibt es noch nicht.

Beim Sender Sky heißt es, dass sie das genaue Klickverhalten ihrer Nutzer nicht messen, Netflix veröffentlicht nur selbst ausgewählte Daten. In einer Studie zeigen sie zwar, dass bestimmte Folgen in Serien so überzeugen, dass danach 70 Prozent der Zuschauer auch bis zum Ende der Staffel schauen – wie innerhalb der Folgen vielleicht gesprungen wird, verrät die Auswertung aber nicht.

Beim alten, linearen Fernsehen war es noch gar nicht möglich Szenen zu überspringen, selbst wenn ein Zuschauer das gewollt hätte. Wenn etwas nicht gefallen hat, wurde gezappt, die Auswahl des Programms war trotzdem begrenzt. In der digitalen Welt gibt es kein Angebotsende mehr. Positiv gesagt: Die Zuschauer sind so souverän wie nie: Sie bestimmen inzwischen nicht nur wann, was, wo und wie oft sie etwas schauen, sondern auch in welcher Geschwindigkeit und in welcher Form sie es tun. 

Dennoch: Seit ich an dieser Kolumne schreibe, fühle ich mich unwohl dabei, am Handy wahllos Videos durchzuklicken – weil es mir jetzt auffällt. Vielleicht ist die Selbstreflexion der erste Schritt, dass ich in Zukunft wieder bewusster schaue. Sich auf ein paar Serien beschränken und für sie meine gesamte Aufmerksamkeit aufbringen anstatt wahllos zu skippen.

Dem Game of Thrones-Hype hatte ich mich bisher entzogen, mein Freundes- und Familienkreis nicht. Ich habe die Game of Thrones-Zusammenfassung ausprobiert, aber es war vor allem sehr anstrengend sich die ganzen Charakternamen zu merken, wenn zwei Minuten später bereits ihr Tod verkündet wurde. Beim nächsten Serien-Event will ich die Zusammenfassung nicht mehr brauchen.

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