Radiergummi fürs Gehirn

Die Hochkultur sieht nicht fern? Von wegen. Wir haben Künstler und Intellektuelle gefragt, bei welchen Sendungen sie hängenbleiben.

    Martin Mosebach
    Schriftsteller
    Ich habe einen sehr kleinen Fernseher, der mit einer bodenlangen Decke unter einem Tisch versteckt ist, weil ich Zimmer mit Fernseher nicht schön finde. Wenn überhaupt, kommt das Gerät in schlaflosen Nächten zum Einsatz. Ich liege dann auf dem Teppich und bleibe an erstaunlichen und beunruhigenden Dingen hängen. Am nächsten Tag bin ich jedes Mal wütend, so lange wach geblieben zu sein und mich im Halbschlaf durch die Programme gezappt zu haben. Vielleicht haben die Italiener die fortschrittlichste Art fernzusehen: Die geben dem Fernseher einen Platz in ihrem Leben, ohne ihn zu beachten.  Er läuft Tag und Nacht und spendet die Behaglichkeit eines flackernden Kaminfeuers.

    Elke Heidenreich
    Kritikerin und Schriftstellerin
    Fernsehen ist wichtig, aber man darf sich nicht davon beherrschen lassen. Ich schaue heute viel weniger als früher, vielleicht ein bis zwei Stunden am Tag, am liebsten Nachrichten (muss sein!), Opern- und Konzertübertragungen, außerdem so oft wie möglich Kulturzeit, weil da die Themen behandelt werden, die mich interessieren, und Verbotene Liebe, weil es komisch ist und mir den Tag so schön zum Abend hin strukturiert. Ich schaue nie Sport, selten Talkshows, hasse Kochsendungen und vermisse eine gute Büchersendung. Neulich habe ich eine tolle Sache auf Vox entdeckt: Martin Rütter, der Hundetrainer. Sehr komisch. Inzwischen mache ich da selbst mit meinem Mops Vito mit!


    Schorsch Kamerun und Anne-Sophie Mutter

    Schorsch Kamerun
    Musiker und Theaterregisseur
    Das deutsche Fernsehen hat ein Problem, weil es ein reines Bestätigungsmedium ist. In den Talkshows sitzen Papageien, von denen man vorher schon weiß, welchen Stadtpunkt sie wiederholen werden. Ein wirklicher Diskurs kann so nicht stattfinden, niemand will tatsächlich etwas herausfinden. Die französische Sendung 28 Minuten auf Arte macht das bedeutend besser: Ein politischer Liedermacher, ein Philosoph und eine Neurologin diskutieren über die »Unmöglichkeit des Nichtlügens« im Leben, im Laufe der Sendung modifizieren sie ihre eigenen Positionen. Deutsche Talkshows sind eine Lüge, weil sie behaupten, etwas frei untersuchen zu wollen, tatsächlich aber nur unbeweglich abnudeln. Da schaue ich lieber Schlacht-Formate wie Topmodel oder Dschungelcamp, die sind ehrlicher, weil sie offen mit ihrem voyeuristischen Ansinnen umgehen. Mir sind diese archaischen Stellvertreterwettkämpfe lieber als die pseudoauthentischen Themenbegradiger. Ansonsten bin ich ein ordentliches Fernsehkind, aufgewachsen mit Sportschau, Tatort, Der (alte!) Alte. Beim Aktuellen-Sport-Studio-Vorspann spüre ich sofort Glückshormone. So ein Gefühl können die zweifellos prächtig gemachten amerikanischen Serien nur schwer herstellen. Ich habe es probiert, The Wire, Treatment, Mad Men, halte aber nie länger als eine Staffel durch.

    Anne-Sophie Mutter
    Geigerin
    Als Kind durfte ich fast gar nicht fernsehen, höchstens ab und an Flipper, und genauso habe ich auch meine Kinder erzogen: wenig Fernsehen, ausgewählte Sendungen. Das Medium neigt zur Oberflächlichkeit und regt nicht unbedingt zum Nachdenken an. Filme schaue ich eigentlich nur im Kino oder Flugzeug. Das hat den Vorteil, dass es keine Werbepausen gibt. Ansonsten schaue ich hauptsächlich 3sat, Arte und Phoenix, außerdem Dr. House, den ich mir bei iTunes runterlade, damit ich ihn im Original sehen kann. Ich mag, dass dieser Mann - er ist ja selbst tablettenabhängig - eine gespaltene und bizarre Arztfigur ist, eben kein Halbgott in Weiß. Ich liebe auch Tennisturniere wie Wimbledon und Roland Garros – da bleibe ich schon mal ein paar Stunden hängen. Schade finde ich, dass Harald Schmidt abgesetzt wurde, ich war dreimal selbst Gast bei ihm, ein sehr gebildeter Mann, mit dem man auch gut über Musik sprechen kann. Bei Wetten, dass . . ? war ich ebenfalls. Gibt es eigentlich schon einen Nachfolger für Gottschalk? Wenn ja, habe ich das verpasst, vielleicht war ich gerade in Australien.


    Rüdiger Safranski und Fritz J. Raddatz

    Rüdiger Safranski
    Philosoph
    Ich habe meinen Fernseher vor fünf Jahren abgeschafft, weil ich glaube, dass es im Fernsehen nichts gibt, von dem ich denke, dass ich es nicht verpassen sollte – nicht einmal die Sendungen, in denen ich selbst vorkomme. Gottlob befinde ich mich inzwischen sogar jenseits des Abscheus, weil ich keine Sendung mehr gut genug kenne, um sie verabscheuen zu müssen. Ich halte es mit dem Berliner Spruch: »Erst gar nicht ignorieren.« Zugegeben, ich schaue ganz gern Fußball - aber das ist bei sogenannten Intellektuellen inzwischen auch ein Klischee. Was soll ich sagen: Das Fernsehen ist wie Atmen, Rülpsen, Schwitzen, Verdauen. Es ist unvermeidlich. Vielleicht macht es ja alle anderen Menschen klüger, aber mich macht es dümmer. Alle schwärmen von den Serien aus den USA. Ich habe seit Bonanza keine amerikanische Serie mehr angeschaut. Keine amerikanischen Serien anzusehen, das gehört
    inzwischen zu meinen liebsten Gewohnheiten.

    Fritz J. Raddatz
    Kritiker und Schriftsteller
    Ich schaue am liebsten Tierfilme, schnäbelnde Tauben, Zugvögel, die aus dem Süden zurückkehren. Außerdem entdecke ich immer wieder Ähnlichkeiten zum menschlichen Verhalten – in der Sexualität, aber auch beim Kampf um die Macht. Ich sehe, wie der alte, grollende Chef eines Schimpansenclans verdrängt wird: Das bin dann ich.
    Manchmal bleibe ich auch bei einem Krimi hängen. Die benutze ich wie Gottfried Benn seine Kriminalromane: als Radiergummi fürs Gehirn. Über den Rest bin ich ehrlich gesagt schaurig empört. Das Programm ist zu einer Schunkelveranstaltung verkommen: Quizshows, Volksmusik, Talkrunden ohne Ende - alles grauenvoll. Die Fernsehfuzzis verwenden gern das Wort Format, nur leider hat ihr Programm genau eines nicht: Format. Allein das Deutsch, das gesprochen wird, auch in den Nachrichten. Ständig fordert man die sogenannten Immigranten auf, endlich Deutsch zu lernen. Da kann ich nur sagen: Geht doch selber ans Goethe-Institut nach Ankara und lernt Deutsch. Von mir aus soll man Gottschalk abschaffen, wenn er keine Quote bringt, aber doch nicht eine noble Sendung wie Das Philosophische Quartett. Kultur hat nichts mit Quote zu tun. Als Kafka starb, ist sein erstes Buch noch in der Erstauflage zu kaufen gewesen. Heute ist er Weltautor. Man muss einen Hunger schon wecken, Neugier auf Qualität. Jemand, der nie ein gutes Steak gegessen hat, wird beim Fleischer auch keines verlangen.


    Roger Willemsen und Christian Thielemann

    Roger Willemsen
    Schriftsteller und Moderator
    Wenn ich fernsehe, kommt es mir so vor, als sähe mein Fernseher mich an, wie ich daliege. Ich habe den Eindruck, dass ich ihm nicht gefalle. Sicher denkt er, ich sei was Besseres. Neulich musste Ursula von der Leyen in einer Quizsendung namens Schlau wie die Tagesschau in einem Raumfahrtanzug Minigolf spielen. Das war gutes Fernsehen. Da habe ich wieder mal gestaunt, dass es das gibt, und zwar schon seit den Fünfzigern. Also für mich gibt es keinen Grund für Kulturpessimismus. Trotzdem habe ich natürlich pompöse Vorstellungen von dem, was man mit dem Fernsehen machen könnte oder hätte machen können. Weil die Fernsehmacher diese Vorstellungen nicht teilen, schaue ich zur Strafe bösartig und schadenfroh Fernsehen. Ich glaube, das machen viele so. Die meisten wollen nicht vor Millionen im Raumfahrtanzug Minigolf spielen und locker tun. Ich schaue ZDF-Fernsehgarten und will Gärtner sein, ich schaue Frauentausch auf RTL 2 und möchte auch mal getauscht werden. Wenn mich der Fernseher ansieht, bin ich ne richtig billige Type.

    Christian Thielemann
    Dirigent
    Ich habe nicht einen, sondern zwei Fernseher zu Hause, richtig moderne mit Flachbildschirm. Meistens schaue ich nachts nach einem Konzert. Polizeiruf 110 oder ein alter Tatort gehen eigentlich immer, nur dürfen die Menschen nicht zu hässlich und die Geschichte nicht zu deprimierend sein. Wenn ich ehrlich bin: Ich bleibe nachmittags manchmal bei einer dieser Gerichtsshows hängen. Ich weiß, dass die alle gestellt sind, aber irgendwie kann ich mich an der Unzulänglichkeit der Schauspieler erfreuen.
    Außerdem schaue ich gern Natursendungen, Tiere in Feuerland, Eisberge, die friedlich in den Weiten des Meeres dahintreiben; und natürlich alte James-Bond-Filme. Die sind viel entspannender als diese schrecklichen Talkshows, in denen immer die gleichen Gäste sitzen und ständig vom Moderator unterbrochen werden. Ganz schlimm finde ich deutsches Kulturfernsehen, Dreiminutenbeiträge über eine Sopranistin oder einen Maler. Das ist so oberflächlich und vollgestopft mit Superlativen - ekelhaft. Immer tun die Sprecher so, als wären Künstler besonders glamourös, extrem oder radikal. Stimmt alles nicht. Glauben Sie mir.

    (Fotos: dpa, actionpress, AP Photo, sz)

    Illustration: Pascal Cloëtta Protokolle: Thomas Bärnthaler, Tobias Haberl, Alexandra Lau

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