Das Beste aus aller Welt

Wissenschaftler entdecken den Wert von Ohrenschmalz und Bauchnabel-Fusseln als Informationsquelle. Doch wie soll man mit dieser Erkenntnis umgehen? Zerstören, aus Angst vor der NSA oder doch besser durch Duschverweigerung schützen?

Mir geht ein Nebensatz in einem Artikel des Alaska Dispatch vom Januar nicht aus dem Kopf, in dem es zunächst hieß, die Population der Grönlandwale an Alaskas Nordflanke habe sich in den vergangenen Jahren erholt, deren Zahl steige wieder – immerhin eine Wal-Art, die vom Aussterben bedroht ist. Und dann las ich eben, es gebe dort Wale, die schon lebten, als Herman Melville Moby-Dick schrieb, das war 1851. Das soll wahr sein?

Tatsächlich, im Fleisch von Grönlandwalen steckten eingewachsene Steinharpunen, wie sie von den Inupiat, alaskischen Ureinwohnern, seit mehr als 150 Jahren nicht mehr verwendet werden. Jeffrey Bada, Meeres-Chemiker am Scripps Institut für Ozeanografie in Kalifornien, kann mit Hilfe einer Aminosäure, die in Augenlinsen vorkommt, das Alter von Tieren bestimmen: Er untersuchte 48 tiefgefrorene Augäpfel von Grönlandwalen, die zwischen 1978 und 1997 bei Jagden erlegt worden waren, und entdeckte dabei ein Tier, das 211 Jahre alt geworden war.

Glanz und Elend des Menschen: Er bringt jahrhundertealte Tiere um und kann dann mit Augapfel-Analysen ihr Alter bestimmen. In der Zeitung stand jetzt, aus dem 25 Zentimeter langen Ohrenschmalzpfropfen eines toten Blauwals habe man große Teile seines Lebens rekonstruieren können: wann er starb, geschlechtsreif wurde, erhöhter Pestizid-Belastung ausgesetzt war, Stress hatte – das bildet sich im Ohrenschmalz ab wie das Alter eines Baumes in dessen Jahresringen. Man stelle sich nun vor, wie zeitgemäßes Whale hunting aussehen könnte: dass die Waljäger mit gigantischen Q-Tip-Harpunen die Tiere vom Ohrenschmalz befreien und sie dann, plopp!, ihrer Wege schwimmen lassen. Die Beute kommt ins Schmalzlabor.

Die Frage ist, ob auch der Mensch via seiner Ohrenfüllung mehr über sich erfahren könnte. Oder ob gar die Geheimdienste uns durch nächtens entnommene Schmalzproben noch besser in den Griff bekämen. Vor einer Weile hat man übrigens an der Universität von North Carolina mikrobielle Untersuchungen des Inhalts von 60 menschlichen Bauchnabeln vorgenommen und dabei erstaunlichste Dinge zutage gefördert. Insgesamt entdeckte man bei gründlicher Nabelschau 2368 verschiedene Mikroben, von denen mehr als die Hälfte der Wissenschaft unbekannt waren. Ein Proband gab an, sich mehrere Jahre nicht gewaschen zu haben. In seinem Nabel siedelten Einzeller, die sonst nur in Vulkanen, Geysiren oder der Tiefsee existieren.

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Carl Zimmer stellte damals ebenfalls eine Nabelprobe zur Verfügung, darin lebten sogenannte »Georgina-Bakterien«, die man bis dato nur in japanischer Erde vorgefunden hatte. »Du, mein Freund, bist ein Wunderland«, schrieb Rob Dunn, der Forschungsleiter, an Zimmer. Dieser antwortete, er sei doch nie in Japan gewesen. »Aber Japan war offensichtlich bei dir«, antwortete Dunn. Er verglich den menschlichen Bauchnabel mit dem tropischen Regenwald: Hier wie dort dominierten zu siebzig Prozent bestimmte Arten, dazwischen aber lebten eben extrem seltene Spezies, die anderswo zum Aussterben verurteilt wären.

Es spricht also viel dafür, nicht nur Wale, sondern auch den menschlichen Bauchnabel, aber vielleicht dann ebenfalls unsere Achselhöhlen, Armbeugen, Augenbrauen und Zehennägel unter Naturschutz zu stellen. Wir alle sind großartige Biotope. Jeder von uns beherbergt, auf der Haut, im Darm und anderswo, etwa eine Billiarde Bakterien; sie wiegen zwei Kilogramm, ohne sie wären wir tot. Spüren Sie das Kribbeln? Das Krabbeln? Hören Sie gurgelnde Schreie unter der Dusche? Bedenken wir immer, dass in unseren Nabeln sich vielleicht Wesen aufhalten, die schon die Dinosaurier kannten? Wie man hört, hat Charlotte Roche für die Zeit nach ihrem Tod ihren Bauchnabel dem Dresdner Hygiene-Museum zur Verfügung gestellt. Die Grüne Partei plant für den nächsten Programmparteitag, einen bundesweiten No-Shower-Day zu fordern. Ja, Waschen heißt Töten, es ist schlimm.

Illustration: Dirk Schmidt