Pazifik aus Plastik

Neben einem Puppenkopf entdeckt Axel Hacke in der ungewöhnlichsten Datenbank der Tiefsee auch eine Plastiktüte - oder sind es zwei?

Illustration: Dirk Schmidt

Im Rahmen von Routine-Überprüfungsarbeiten am Weltgeschehen stieß ich auf eine Meldung im Guardian, wonach in den britischen Marine-Häfen Devonport und Rosyth zwanzig alte Atom-U-Boote herumliegen. Manche sind bereits seit 1980 außer Dienst, teilweise liegen sie dort länger, als sie im Dienst gewesen sind. Alle zusammen verursachen sie hohe Kosten, ohne dass Anstrengungen der Regierung erkennbar wären, sie zu verschrotten. (Was vermutlich damit zusammenhängt, dass die britische Regierung selbst Schrottstatus hat.)

Wenig später stach mir, da ich nun schon mit U-Booten beschäftigt war, die Nachricht ins Auge, derzufolge der amerikanische Abenteurer (Herrje, wie großartig, dass es noch Menschen gibt, die dem Beruf des Abenteurers nachgehen!) Victor Vescovo mit einem Spezial-U-Boot fünf Mal in den Marianengraben getaucht ist, davon einmal 10 928 Meter tief, was bedeuten würde, dass er den 59 Jahre alten Rekord von Jacques Piccard (10 912 Meter) überboten hätte. Man hört, Reinhold Messner wolle nun an dieser Stelle ohne Sauerstoffflasche den Meeresboden durchstoßen, um in 20 000 Meter Tiefe vorzudringen.

Welche Nachrichten brachte uns Victor Vescovo aus jener ungeheuren Tiefe mit?

Zum einen: Er hatte auf dieser Reise einen Eispickel dabei, der ihn vor Jahren bei einer Besteigung des Mount Everest begleitet hatte, sodass es nun auf der Welt einen einzigen Gegenstand gibt, der am höchsten und am tiefsten Punkt des Globus gewesen ist, eine Nachricht, bei deren Erhalt sich einige Museumsdirektoren vor Erwerbsgier die Handrücken geschubbert haben dürften. Welt­exklusiv darf ich nun verkünden, dass Victor Vescovo beabsichtigt, sein Ein-Mann-U-Boot wiederum auf den Mount Everest zu tragen.

Des Weiteren entdeckte unser Mann in allergrößter Tiefe CNN zufolge eine Plastiktüte. Bisher ist nicht bekannt, von welcher Firma diese Tüte stammt, aber sämtliche zuständigen Polizei-Direktionen ließen sofort verlauten, dass keine Kosten gescheut würden, um den Täter zu finden, der die Tüte dort versenkt hat. Greta Thunberg soll sich eingeschaltet haben. Donald Trump twitterte, es handele sich ohne Zweifel um eine chinesische Tüte, man werde ihn nun kennenlernen, höchste Zölle seien die unausweichliche Folge. Amerika werde ab sofort (»as of now«) alle benötigten Plastiktüten selbst herstellen, »wie wir es früher auch gemacht haben«.

Natürlich erinnerte ich mich in diesem Zusammenhang sofort an eine Meldung aus der Schweriner Volkszeitung vom Mai 2018, in der es hieß, Wissenschaftler hätten bei der Sichtung von Bildmaterial der Deap-Sea Debris Database eine Plastiktüte im Marianengraben entdeckt. Das Bildmaterial dieser Sammlung sei im Verlauf von dreißig Jahren entstanden, jedoch erst jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Unklar muss zunächst bleiben, ob es sich um dieselbe Tüte handelte, die nun von Vescovo gesichtet wurde, sodass, man muss es so hart sagen, der Verdacht im Raum steht, es könnte im Marianengraben zwei Plastiktüten geben. Ja, es ist nicht auszuschließen, dass dort aus einer Spalte im Meeresboden Plastiktüten aus dem Erdinneren nach oben quellen oder dass es sich um Spuren des legendären Plastiktüten-Schatzes handelt, den der sagenumwobene Admiral Tengelmann hier vor 150 Jahren versenkt haben soll.

Selbstverständlich habe ich sofort das in der Deap-Sea Debris Database vorhandene Bildmaterial selbst in Augenschein genommen und dabei entdeckt, dass im Marianengraben auf 6270 Metern Tiefe tatsächlich der Kopf einer Schaufensterpuppe im Sand liegt. Gleichzeitig wird berichtet, Taucher hätten im Loch Ness in Schottland weitere zwanzig Atom-U-Boote aufgefunden, auf denen der Schriftzug Royal Navy mit Kugelschreiber durchgestrichen sei. Doch darüber ein ander­mal mehr.