Viagra aus dem Himalaja

Er verwandelt nicht nur Raupen in Zombies, sondern lässt  noch ganz andere Dinge auferstehen: Unser Kolumnist hat von einem Pilz erfahren, der in China wertvoller ist als Gold.

Illustration: Dirk Schmidt

Was ist doch Yarsagumba, der Chinesische Raupenpilz, für ein faszinierendes Wesen!

Er befällt – und zwar ausschließlich im Hochland Tibets – Raupen der Gattung Thitarodes, die den Winter über im Boden vergraben sind. Lebensabsicht dieser Raupen ist, wie bei Raupen üblich: die Weiterentwicklung zu Schmetterlingen. Doch Yarsagumba hat anderes vor. Er breitet sich im Raupenkörper aus, ernährt sich quasi vom Raupenfleisch, bemächtigt sich des Raupenhirns. Schmilzt der Schnee, zwingt der Pilz das zum Zombie gewordene Tier, dessen Körper er steuert wie ein Fahrer sein Fahrzeug, nach oben zu kriechen. Und ist das Frühjahr da, steigt kein Schmetterling in den Himmel überm Himalaja, sondern aus dem Kopf der entseelten Raupe (und dann auch aus dem Boden) lugt ein Pilz hervor, der sich, steil emporschießend, bis zu Zeigefingerlänge entwickelt. Yarsagumba.

Beziehungsweise sein Fruchtkörper. Sein Myzel steckt unten in der Raupe oder dem, was man so Raupe nannte, hat doch die Raupe längst aufgehört, Raupe zu sein. Im Fruchtkörper lauern nun wieder Sporen auf neue Raupen, nicht wahr? So könnte es immer weitergehen, wäre da nicht jemand, der in des Pilzes Plänen nicht vorkam. Der Mensch.

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Nepalesen zum Beispiel essen Yarsagumba gerne in Yak-Milch eingeweicht, aber das ist nur ein Detail, bedenkt man, dass der Pilz in der chinesischen Medizin seit tausend Jahren als Heilmittel gilt, neuerdings auch, bei Chinas Athleten zum Beispiel, als leistungssteigernd. Und als potenzfördernd, Viagra aus dem Himalaja. Viagraya. (Was ist eigentlich mit den chinesischen Männern los? Vom Pilz über Libellengekröse bis hin zu Krötensekreten nehmen sie geradezu Undenkbares ein, um ihren Leibern sexuell aufzuhelfen.) Diese Körperstütze war lange der chinesischen Oberschicht vorbehalten, nun aber – mit dem wachsenden Wohlstand – kauft auch der normale Chinese Yarsagumba, die Preise steigen und steigen, die federleichten Stiele sind, gemessen am Gewicht, teuer wie Gold. Aber während der Goldpreis fällt, wird dieser Stoff immer mehr wert.

Was die Leute in Bhutan freut! Denn hier ist das Pilzsammeln oft die einzige, aber eben lukrative Einnahmequelle; im Hochland ist man von Yarsagumba abhängig wie Deutschland von der Auto-Industrie. Und was uns Dieselkrise und Mobilitätswandel sind, ist Bhutan die übergroße Pilz-Nachfrage: In The Atlantic lese ich, Yarsagumba werde zu oft geerntet, seine Sporen könnten sich nicht mehr verteilen und keine neuen Raupen mehr befallen. Die Sammler untergrüben ihre eigene Existenz, zumal auch noch der Klimawandel des Pilzes Dasein erschwere. Sie wüssten das auch. Aber was sollen sie tun? Wovon sollen sie leben?

Im Grunde ist Yarsagumba … ja, ja, einerseits natürlich ein Pilz, andererseits aber vor allem eine Geschichte. Die Heilwirkung ist vielleicht nicht von der Hand zu weisen, die chinesische Medizin hatte oft große Erfolge. Aber sie hat nicht diese Riesen-Nachfrage erzeugt, das war die angebliche Wirkung bei der Leistungssteigerung und als Aphrodisiakum – beides ist unbewiesen. Ob dieser Fungus der Potenz dienlich ist? Sagen wir so: Würde ein Pilz-Kunde irgendwo berichten, nicht mal Yarsagumba habe es bei ihm gebracht?

Verkauft wird, oberflächlich betrachtet, ein seltsames Lebewesen, das sich eines anderen Lebewesens bemächtigt hat. Aber in Wahrheit ist es der Mythos, für den der Preis gezahlt wird, der reine Glaube an etwas, was sich mit diesem Pilz verbindet. Niemand würde den Pilz wollen, gäbe es nicht das, was über den Pilz erzählt wird! Das ist dem Menschen mehr wert als Gold: dass er an etwas glauben kann, das ihm hilft, und das andere auch glauben. Wenn das Yarsagumba wüsste!

Ja, ein faszinierendes Wesen! Aber der Mensch ist auch nicht zu verachten.