Marcel Reif

Nach dem Ende des Spiels sieht man ihn in letzter Zeit manchmal im Premiere-Studio stehen, neben dem Moderator und den beiden Bundesligatrainern. Etwas abseits hält er sich, aufmerksam nur in den kurzen Phasen des Gesprächs, in denen er nach seinem Urteil gefragt wird. Das grau melierte Haar ist länger geworden, gewellt, eine fast wagnerhafte Tolle fällt in die Stirn; das Reserviert-Spöttische hat sich noch stärker in den Gesichtsausdruck eingegraben. Er hat das Spiel wie immer brillant kommentiert, er ist – zur Genüge beschrieben – wieder um Welten informierter, eloquenter, komischer gewesen als alle seine Kollegen. Jetzt, zehn Minuten nach dem Abpfiff, scheint er jedoch ganz offensichtlich nicht mehr bei der Sache zu sein, verfolgt die Unterhaltung distanziert, müde, fast ein wenig apathisch. Er kann sein Desinteresse am allgemeinen Fernsehgerede über Fußball kaum mehr verbergen.Das ist das Dilemma Marcel Reifs, das sich, wenn der Eindruck nicht täuscht, in den letzten Monaten deutlich zugespitzt hat: der innere Widerstreit eines Sportreporters, dem unaufhörlich gesagt wurde, er sei mehr als das, er verleihe seiner eher handfesten Disziplin den Anstrich einer künstlerischen Tätigkeit, er habe eigentlich zu viel Charisma für sein Metier. Reif weiß natürlich, dass er in der Öffentlichkeit niemals den Fehler begehen darf, sich als etwas anderes denn als bloßer Fußballreporter zu präsentieren. Auftritte wie jene bei der Spielanalyse im Premiere-Studio weisen aber darauf hin, dass ihn die fortwährenden Lobreden tatsächlich nach und nach von seinem Berufsmilieu entfernen: Er wirkt inzwischen eher wie ein erschöpfter Dirigent, der sich nach vollbrachter Arbeit noch herablässt, ein paar Fragen zu beantworten. Man glaubt Reif den Kampf zwischen strategischer Bescheidenheit und dem verführerischen Sog des Hochmuts fast anzumerken – vor allem im ständigen Betonen der eigenen Bedeutungslosigkeit in Interviews und Porträts. Man hat es von ihm einmal zu oft gehört, dass er trotz seines Grimme-Preises »nur Sportreporter« sei, sich nicht mit den Größen des Fernseh-Entertainments vergleichen lassen wolle; dass es »nur um Fußball gehe« und sein Tun auf keinen Fall als Kunst verstanden werden könne. Die ständigen Warnungen vor dem Überbewerten der eigenen Tätigkeit stammen von dem, der dieser Gefahr selbst immer schon unterliegt.Marcel Reif muss sich damit begnügen, etwas Vorgefundenes zu begleiten, nur kommentierend in Erscheinung zu treten. Die Schwierigkeit besteht darin, von allen Seiten Hymnen auf die eigene Sprachkunst entgegenzunehmen, gleichzeitig aber zu wissen, dass es kaum etwas Flüchtigeres gibt als die Reportage eines Fußballspiels. In diesem Zusammenhang darf man eines nicht vergessen: dass der bedeutendste Moment in der Karriere Marcel Reifs genau in einer Ausnahmesituation bestand, in der der Fußballreporter plötzlich schöpferisch tätig wurde, ein Ereignis nicht mehr verdoppelte, sondern selbst erzeugte. Am 1. April 1998 brach kurz vor dem Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund ein Tor zusammen; es folgte jener inzwischen legendäre 75-minütige Dialog mit Günther Jauch über die grotesken Reparaturversuche des Stadionpersonals, der in dem Ausruf Reifs gipfelte: »Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute.« An diesem Abend vollzog sich für das eine Mal der Umschlag vom Sekundären zum Primären im Schaffen des Sportreporters, von der Begleitung zur Erschaffung von Wirklichkeit. Vielleicht hat diese Aufführung und ihre überwältigende Wirkung beim Fernsehpublikum eine Sehnsucht in Reif entfacht, die dem bloßen Reden über Fußball seither einen Hauch von Unzulänglichkeit gibt.

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