Seitdem feststeht, dass sich der FC Bayern München in dieser Saison nur für den UEFA-Pokal qualifiziert hat, wird der Verein auf den Sportseiten der Zeitungen mit Spott bedacht. Vor allem die Boulevardblätter haben sich darauf eingeschossen, das Elend dieses »Cups des Grauens« zu zeichnen. »UEFA-Cup am Donnerstag«, so etwa die Diagnose der Münchner Abendzeitung, das sei »eine Tingeltour in die erbärmlichsten Stadien Europas, der Champions-League-freien Zone.« Vor zwei Wochen begann das Blatt eine Serie, die besonders abseitige Vertreter des Wettbewerbs vorstellt, Mannschaften aus Island, Armenien oder Weißrussland. Genüsslich werden die Beschwernisse der Anreise geschildert, die kaum zumutbaren Hotels, die befremdlichen Nationalgerichte. Der UEFA-Pokal: schäbige Kehrseite der Champions League mit ihren festen Metropolen Mailand, Madrid oder London.Diese Einschätzung hatte nicht von jeher Bestand. Im Jahr 1985 etwa erschien eine große Abhandlung zum Thema »30 Jahre Europapokal«. Über den UEFA-Pokal heißt es in diesem Buch, der Wettbewerb garantiere »einen besonders guten Überblick über den jeweiligen Leistungsstand, über Spielstile, Systeme und Entwicklungen. Noch dichter als in den anderen Konkurrenzen ballen sich Europas Spitzenteams.« In der Saison 1995/96, als der FC Bayern zum bislang letzten Mal am UEFA-Pokal teilnahm und den Wettbewerb auch gewann, war von dieser Begeisterung noch einiges zu spüren. Der denkwürdige Sieg beim FC Barcelona, noch heute wichtiger Baustein der Bayern-Geschichte, gelang im Halbfinale jener UEFA-Cup-Konkurrenz.Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich ein hoch angesehener sportlicher Wettbewerb in ein Skurrilitäten-Kabinett verwandelt. Wie ist es dazu gekommen? Vor der Einführung der Champions League 1992 folgten die drei europäischen Vereinswettbewerbe (Europacup der Landesmeister, Cup der Pokalsieger, UEFA-Cup) zwar einer festen Hierarchie, doch durch ihre gleichartige Präsentation – alle Spiele mittwochs, nahezu identischer Spielmodus – waren sie nur durch graduelle Unterschiede voneinander getrennt. Die Champions League setzte dann einen grundsätzlicheren Schnitt: auf der einen Seite die neue Elitemarke, mit Logo, Hymne, festen Sponsoren und bis dahin unvorstellbaren Fernsehgeldern; auf der anderen Seite, vor allem nachdem der Pokalsieger-Wettbewerb abgeschafft wurde, nichts als der vernachlässigte Rest. Als 1997 eine Neuregelung dafür sorgte, dass die Meister der nationalen Ligen nicht mehr automatisch für die Champions League teilnahmeberechtigt waren, verwandelte sich der einst egalitäre europäische Wett-bewerb endgültig in eine sorgfältig zusammengestellte Europaliga. Aufschlussreich ist jedoch, dass das Schicksal des UEFA-Cups nicht allein mit fußballpolitischen Gründen zu tun hat; in seiner Wandlung wird auch die grundlegende Veränderung Europas in den letzten 15 Jahren deutlich. Ähnlich wie beim Eurovision Song Contest, dessen Teilnehmerfeld mittlerweile durch Qualifikationsrunden ermittelt werden muss, zeichnet sich im UEFA-Cup die Verästelung des Kontinents nach dem Ende der jugoslawischen und sowjetischen Nationengebilde ab. Allein diese beiden Länder zerfielen in derzeit 16 Einzelstaaten, und die Aufstockung des UEFA-Cups von ehemals 64 auf heute 132 Mannschaften (von denen 80 die erste Hauptrunde erreichen) ist ein Effekt dieser Entwicklung.Kaum auszusprechende oder zu lokalisierende Vereinsnamen gab es im UEFA-Pokal immer schon. Doch in den Siebziger- und Achtzigerjahren hätte man keine herablassenden Zeitungsserien produziert über Clubs wie Marek Stanke Dimitrov aus Bulgarien, FC Arges Pitesti aus Rumänien oder das ungarische Team von Videoton Szekesfehervar, das 1985 sogar das Finale erreichte. Diese Namen waren ebenso respektierte, wenn auch nicht immer gleichwertige Gegner. Dem offenen, aber ökonomisch und kulturell weiterhin zweigeteilten Europa gelten sie nur noch als »erbärmliche« Auffüllung des Wettbewerbs. Sportlich mag der UEFA-Cup seine Bedeutung eingebüßt haben – als Abbild der politischen Hierarchien Europas ist er genauer denn je.

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