Kümmerkasten

Unsere Autorin ist froh, wenn sie ihren erwachsenen Sohn mal wieder bemuttern darf.

Niemand findet es schön, einen Vormittag im Kreisverwaltungsreferat zu verbringen, eine Nummer zu ziehen; warten, zahlen, wieder warten. Ich auch nicht. Nur ausnahmsweise.

Mein Sohn war zu Besuch. Er hatte seinen Fuß in Gips, umgeknickt beim Skateboarden, Bänderriss. Er brauchte einen neuen Reisepass. Es regnete. Ich fand, ich konnte ihn nicht auf Krücken über die nassen Straßen zum KVR laufen lassen. Also fuhr ich ihn hin. Wir zogen eine Nummer, wir warteten, wir vertrieben uns die Zeit damit, im Fotoautomaten immer wieder neue, nie bessere Bilder machen zu lassen. Er ging in Zimmer B, allein, er ist ja groß, dann humpelte er neben mir zur Kasse, zurück in Zimmer B und durch den strömenden Regen zum Auto.

Zwei Stunden hat es gedauert, und in den vergangenen zwanzig Jahren, mit Job und kleinerem und auch größerem Kind, hätte mich so ein Morgen unfassbar genervt. Allein die Zeit, die so etwas kostet.

Meistgelesen diese Woche:

Aber an diesem Tag fühlte ich mich eins mit der Welt. Wie neulich, als ich an einem Samstag durch die Stadt streifte, nicht wirklich auf der Suche nach etwas, und einen Pulli sah, der meinem Sohn gefallen würde. Ich kann nämlich, seit er nicht mehr bei mir wohnt, wieder Kleidung für ihn kaufen, ohne dass er sich bevormundet fühlt. Ob er ihn anzieht, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht ist er deshalb so tolerant.

Eigentlich hatte ich schlechte Laune an diesem Samstag. Mit der Tüte in der Hand ging es mir besser: Ich fühlte mich seit Langem mal wieder als Mutter. Nützlich. Gebraucht. Auch wenn das ja nicht wirklich der Fall war.

Ich komme gut damit klar, dass mein Sohn ausgezogen ist. Echt. Ich finde, Kinder müssen weg von ihren Eltern. Aber mir fehlt es, mich nicht mehr zu kümmern. Man kann sich um andere Menschen nicht so kümmern wie um die eigenen Kinder. Wie sähe das denn aus, wenn man am Strand säße, in den Händen ein ausgebreitetes Handtuch für den Mann oder den Freund oder die Freundin?

Das fürs Kind ausgebreitete Handtuch ist so etwas wie der Inbegriff des Sich-Kümmerns, des Mutterseins, der Fürsorge. Das Beantragen und Abholen des Reisepasses – ich holte ihn allein ab, weil mein Sohn, der mittlerweile keine Krücken mehr hatte, sich gerade irgendwo anders in der Welt aufhielt – ist für mich ein letzter Rest des Sich-Kümmerns. Und so erfüllte es mich mit Freude, in der Reisepass-Ausgabe des KVR zu sitzen und darauf zu warten, dass die 162 angezeigt wurde. Es erfüllte mich mit Freude, für ihn und seinen Kumpel (auch der hielt sich gerade irgendwo anders in der Welt auf) die Indien-Visa zu organisieren, was nicht einfach war. Eine Freude, die ich bei meinem Pass oder meinem Visum nicht empfunden hätte.

Das ist ja überhaupt ein Gefühl, das ich nicht gekannt hatte, bis ich ein Kind bekam: dass ich lieber etwas für jemand anderen kaufe als für mich. Dass ich Sparvorsätze leichter fürs Kind über Bord werfe als für mich. Dass ich etwas koche, weil es dem Kind schmeckt und nicht mir. Dass ich nichts dagegen tun kann, fürs Kind das Beste zu wollen. Dass ich viel weniger zähle, ohne mich dabei zu kurz gekommen zu fühlen.

Illustration: Brecht Evens

Artikel teilen: