Mein Vater und ich, wir gehen also Strümpfe kaufen

Auf dem Weg durch Bad Hersfeld erfuhr David Wagner, wie schön es sein kann, die Banalitäten des ganz normalen Lebens zu teilen.

Mein Vater holt mich ab, er steht oben auf dem Bahnsteig. Wir treffen uns auf neutralem Gebiet, auf halber Strecke, nachmittags in Bad Hersfeld, einer Stadt, in der wir beide nie zuvor gewesen sind. Mein Vater ist mit dem Auto über Bad Homburg aus Bonn hierher gefahren, ich komme aus Berlin.

Das Hotel muss er dann, obwohl er eben schon einmal dort war, wieder mit dem Navigationsgerät suchen. Seine Scheibenwischer quietschen und er überfährt eine rote Ampel, während er von seiner Mutter erzählt. Mit Ende sechzig habe die angefangen, immer mehr zu vergessen, ihr Kurzzeitgedächtnis habe nicht mehr funktioniert, ständig habe sie ihre Handtasche suchen müssen, bald habe sie gar nichts mehr gewusst, dann sei sie schnell gestorben.

»Kleinere Ausfallserscheinungen habe ich bei mir auch schon festgestellt«, sagt mein Vater.

Meistgelesen diese Woche:

Im Hotel stelle ich nur die Tasche ab, wir wollen gleich die große Ruine sehen. Die große Ruine, früher Stiftskirche der Reichsabtei Hersfeld, soll einmal der größte romanische Kirchenbaus Europas gewesen sein. Wir bestaunen die stehengebliebenen Mauern, spazieren in Schleifen durchs Städtchen, bewundern Fachwerkhäuser und stolpern von Denkmal zu Denkmal. Eine Tafel erinnert an die deportierten Sinti und Roma, auf einer anderen stehen die Namen aller ermordeten Juden der Stadt, angebracht ebendort, wo bis 1938 die Synagoge stand.

»Da hat mein Vater nicht mitgemacht«, sagt mein Vater. Ja, ich weiß. In der Reichskristallnacht sei er zu Hause geblieben, heißt es. So erzählen es meine Tanten. Ansonsten aber war er immer dabei. Ja, Opa war ein Nazi. Ich besitze ein paar Fotos, auf denen er auf dem Reichsparteitag in Nürnberg neben dem Führer die Reihen abschreitet.

Auf Umwegen finden wir in den »Ratskeller« im Alten Rathaus. Wir bestellen, uns geht es gut, marinierten Lammrücken auf Toskanagemüse. Während des Essens fällt meinem Vater auf, dass ich seine alte Armbanduhr trage.

»Sechzig Mark hat die gekostet, 1957.« Vor ein paar Jahren, ich lag mal wieder im Krankenhaus, hat er sie mir geschenkt.

Nach dem Essen bemerken wir in der Nähe der Kirche regen Publikumsverkehr, Besucher strömen beladen mit Decken und Mänteln Richtung Ruine. Ach ja, die Bad Hersfelder Opernfestspiele. Gleich gibt es Nabucco. Wir überlegen kurz, verzichten dann aber darauf, Karten zu kaufen. Wir suchen uns eine Bank im Park, wischen sie trocken, setzen uns und lauschen der Ouvertüre. Wagnerianer, die wir sind, machen wir uns ein wenig über Verdi lustig. »Italo-Pop des 19. Jahrhunderts«, sagt mein Vater, wir erinnern uns dann aber, dass wir einmal eine Aida in der Arena von Verona gehört haben.

»Das muss 1986 gewesen sein, das Endspiel der WM, die Niederlage gegen Argentinien, haben wir auch in Italien gesehen.«
»Lange her«, meint mein Vater. Und dann fällt ihm ein, dass er im Abiturjahr einen Aufsatz mit dem Thema »Gedanken zur verrinnenden Zeit« schreiben sollte.
»Willst du in deiner Geschichte wieder die Sache mit den Hundehaufen erzählen?«, fragt mein Vater nach einer Pause, in der wir die Zeit haben verrinnen hören. Der Gefangenenchor singt, wir sitzen noch auf der Bank, langsam wird es dunkel.

Hundehaufen? Er meint die Vaterfigur in meinem ersten Roman Meine nachtblaue Hose. In einer Szene sieht der Sohn da seinem Vater, einem Bonner Ministerialbeamten, bei der Gartenarbeit zu, für die der sich seinen alten Bundeswehrparka angezogen hat. Mit dem will er, den Stahlhelm im Rucksack oder auf dem Kopf, auf allen großen Demonstrationen der späten Sechzigerjahre gewesen sein. Die Gartenarbeit besteht darin, bewaffnet mit Zinkeimer in der linken und dem gardenablauen Schäufelchen in der rechten Hand, Hundehaufen von der Wiese des eigenen Gartens zu kratzen.

»Papa, das warst doch nicht du, das war eine Romanfigur. Du hast dich da nur wiedererkennen wollen«, rede ich mich jetzt heraus. Trotzdem stelle ich fest, seinen Parka hat er nicht mehr an. Er trug ihn oft samstags, wenn wir Rollschuhlaufen gingen, Rollerskaten hieß das damals, wir fuhren zusammen in die Stadt, zum Einkaufen, das war um das Jahr 1980 herum, und nicht wenige Menschen waren einigermaßen irritiert, einen erwachsenen Mann auf Rollschuhen durch die Rheinanlagen rollen zu sehen.

Heute hat er seine Golfjacke an, sehr leicht und sehr angenehm zu tragen, meint er. Er hat schon öfter versucht, mich von den Vorteilen solcher Funktionskleidung zu überzeugen. Ich aber habe mir, vielleicht aus Sentimentalität – vor allem aber, weil es auf den zugigen, aus der Sicht meiner linksrheinischen Eltern in Vorsibirien liegenden Spielplätzen des Prenzlauer Berges sehr kalt sein kann – vor ein paar Jahren auch mal einen Parka gekauft. Allerdings war es, aber das passt ins Bild, ein im Schlussverkauf erstandenes, nachgeschneidertes Modell der Marke Hugo. Ein ironischer Parka also, für den ich mich nun ein wenig schäme.

Ich bin halt manchmal furchtbar wütend auf ihn.

Es ist kühl geworden auf der Bank, Fledermäuse flattern um uns herum und führen erstaunliche Flugmanöver vor. Wir gehen zurück ins Hotel, und ich wundere mich, dass ich heute so sanftmütig bin. Sei nett zu deinem Vater, wurde mir vor meiner Abreise eingeschärft, meine Ausfälle sind bekannt. Ich bin auch schon gemein gewesen zu meinem Vater, ich bin halt manchmal furchtbar wütend auf ihn. Gründe gibt es.

Er war nur zwei Jahre älter, als ich es jetzt bin, da starb meine Mutter. Der junge Witwer stand mit seinen Kindern da. Das Kind, das ich damals war, hätte gern im Mausoleum der Erinnerung an seine Mutter weitergelebt – mein Vater aber hat wieder geheiratet, eine Freundin meiner Mutter, die Mutter meines besten Freundes. Muss ich mich darüber heute noch aufregen? Hin und wieder passiert es. Dabei habe ich längst meine eigenen Leichen.

Am nächsten Morgen kommt mein Vater sehr fröhlich zum Frühstück, er hat sein iPhone wiedergefunden. Vier Wochen hat er danach gesucht, nun ist es, oh Wunder, in einem Seitenfach seiner Reisetasche aufgetaucht. Er hatte sich schon wieder an sein altes Telefon gewöhnt. Vater und Sohn spazieren dann durch den Kurpark, sie schauen sich die Pflanzen an. »Diese gelben Dingsda« – Rudbeckia fulgida oder Goldsturm lese ich auf dem Erklärschildchen – »habe ich auch im Garten.« Von der Arbeit im Garten fängt er immer an, wenn ich ihn am Telefon frage, ob er sich denn genug bewege – vermittelt dabei allerdings nie den Eindruck, seinen Garten wirklich zu lieben. Er macht das halt, denke ich jetzt, da bleibt er auf einmal stehen, um eine rot-weiß gesprenkelte Hortensiendolde zu fotografieren.

Wir probieren das Heilwasser der Lullusquelle im Trinkbrunnen und spucken es wieder aus. Schmeckt fürchterlich. Brackig-salzig und nach Eisen. Lieber doch nicht gesund werden, wir sind uns einig. So gesund wie die beiden Nordic-Walkerinnen, die in diesem Augenblick mit ihren klackernden Armverlängerungen an uns vorbeiziehen, können wir sowieso nie werden.

»Wie angestrengt, ja ernsthaft die versuchen, in ihre Jugend zurückzumarschieren«, staunt mein Vater. Das würde ihm nicht einfallen.
»Ich denke gar nicht oft an meine Jugend«, meint er nach einer Pause. Er denke mehr an seine Jahre mit Anfang vierzig, die Zeit seiner unglaublichen Liebesgeschichte, die nicht lange nach dem Tod meiner Mutter begann. Er hat damals sein Wälsungendrama erlebt, seine Variante, mit heimlich angemieteter Wohnung, Scheidung und einem kleinen Skandal. Sein Wälsungendrama ging gut aus, die beiden sind seit bald 25 Jahren verheiratet.

Nach dem Rundgang durch das Stadtmuseum, wir wissen jetzt fast alles über die Reichsabtei, verraten wir uns, dass wir beide Sockenprobleme haben. Mein Vater hat gar keine an, weil die dünnen, die er dabeihat, in seinen braunen Schuhen rutschen. Und meine linke Socke hat ein großes Loch. Mein Vater und ich, wir gehen also Strümpfe kaufen. Wir kaufen gleich auch die Zeitungen und setzen uns in die Sonne, trinken Kaffee und teilen uns ein Stück Kuchen, er will ja nicht mehr so viel essen. Wir blättern durch die Wochenendausgaben und erzählen uns, was wir lesen, bis mein Vater die FAZ – eigentlich ist das gar nicht seine Zeitung, sonst liest er die SZ, früher allerdings, bis Mitte der Neunzigerjahre die Frankfurter Rundschau – völlig zerpflückt hat. Das hat mich schon gestört, als ich noch zu Hause wohnte, seine Angewohnheit, die Zeitungsbücher zu zerfleddern und die umgeschlagenen Doppelseiten nie zurückzufalten.

Wir beschließen, noch einen Ausflug zu machen. Kaum auf der Autobahn, kommen wir an einem gigantischen, »amazon.de« beschrifteten Kasten vorbei. Ach, daher ist mir Bad Hersfeld ein Begriff, jetzt erst fällt es mir ein: Von hier werden ja alle meine Buchpakete und all das Zeug, das ich sonst so bestelle, versandt. Wir müssen wirklich in der Mitte Deutschlands sein.

Vor zwanzig Jahren, die Gegend hieß noch Zonenrandgebiet, sind wir hier schon einmal durchgefahren, im Frühsommer 1990. Ich hatte die mündliche Abiturprüfung hinter mir und begleitete meinen Vater auf einer Dienstreise, kurz vor Unterzeichnung des Einigungsvertrages. Er hatte damals viel mit der DDR-Wirtschaft zu tun und war unterwegs, irgendwelche Details zu klären. Die Jahre danach, ich wohnte schon dort, kam er sehr oft nach Berlin. Umgezogen aber ist er nicht mehr.

Noch ein paar Kilometer, und wir sind da, wo früher das andere Deutschland war. Heute merken wir an der glatten, breiteren Autobahn, dass wir drüben sind. Wir verfahren uns, weil das Navigationsgerät meines Vaters eine der neuen Straßen um Eisenach herum nicht kennt, ganz herkömmliche Schilder leiten uns dann bis auf den Parkplatz unterhalb der Wartburg. Während des Aufstiegs, Papa keucht, ein großer Sportler war er nie, fällt ihm ein, dass er schon einmal hier war. »Mit deiner Mutter, das muss 1979 gewesen sein. Die DDR kam ihr damals vor wie das Rheinland kurz nach dem Krieg, wir haben beide gedacht, wir wären in unsere Kindheit zurückgefahren.«

Wir verzichten darauf, uns den berühmten Tintenklecks und die zugehörige Kemenate anzusehen, in der Junker Jörg Martin Luther die deutsche Sprache erfunden hat. Überhaupt, die Wartburg ist uns viel zu gepflegt. Zu viel Historismus. »Sieht halt aus, als hätte Wolfgang Wagner Tannhäuser inszeniert«, weiß mein Vater zu spotten und beginnt die Ouvertüre zu pfeifen, da stehen wir vor der Aussicht und schauen in das tiefe Grün des Thüringer Waldes. Er fängt auch noch an zu singen, aber den Sängerkrieg auf der Wartburg hätte er nicht gewonnen.

»Was für ein deutsches Wochenende«, meint mein Vater, da sitzen wir wieder im Wagen. »Deutsch-deutsche Grenze, Luther, Wartburg, Richard Wagner und neue Autobahnen.«
»Und Konrad Duden sind wir im Stadtmuseum auch schon begegnet.«

Ich sitze jetzt am Steuer, weil ich mich auf der Hinfahrt über seine Fahrweise aufgeregt habe. Dabei dürfte ich gar nichts sagen, er ist es, der seit Jahrzehnten unfallfrei fährt.

»Wurde am Bahnhof von Bad Hersfeld nicht dieser Terrorist erschossen?«, fragt mein Vater, als ich kurz hinter Amazon die Ausfahrt nehme.
»Wolfgang Grams? Nein, das war in Bad Kleinen«, sage ich und warte schon auf die Geschichte, die er sonst immer erzählt, wenn es um eine Anekdote zum Terrorismus der Siebzigerjahre geht. Sein Stück RAF-Folklore handelt davon, wie er bei einer Personenkontrolle in Bonn beinah erschossen worden wäre. Warum? Nur weil er der Polizei dummerweise einen zuvor als gestohlen gemeldeten Ausweis zeigte. »Die Maschinenpistole war entsichert, ich hatte den Lauf in den Rippen«, höre ich ihn sagen.

Abends essen wir wieder im Alten Rathaus, Prachtbau der Weserrenaissance, meint mein Vater, sitzen diesmal aber draußen, gleich neben dem Lullusbrunnen. Und wie gestern schon freut mein Vater sich, dass er nach dem Espresso sagen kann: »Das war sehr gut und wäre in Bonn viel teurer gewesen.« In Bonn, einen Steinwurf entfernt vom alten Bundeskanzleramt, hat er sein gesamtes Berufsleben verbracht. Und wo meine Eltern wohnen und essen gehen, müssen sie noch immer Beamten- und Diplomatenzuschlag zahlen. Behaupten sie zumindest. Dabei müsste mein Vater nicht klagen, aber das weiß er selbst. Die fetten Jahre haben ihn versorgt, vorhin hat er mir die Höhe seiner Pension verraten.

Mit dem, was er hatte, ist er immer sehr großzügig gewesen, Geld wurde ausgegeben. Als Kind habe ich nie gedacht, wir sind reich, heute weiß ich, dass wir es waren. Ein großes Haus, Autos, drei Urlaube im Jahr, vier Kinder, Musikunterricht und -instrumente für alle und ein Segelboot (keine Yacht, es war eine Jolle, ein 420er) für meinen Bruder und mich. Und das alles, ohne groß geerbt zu haben. Der Sohn im Halbprekariat der Berliner Ökonomie kann von solchen Verhältnissen nur träumen.

Wir bewegen uns wieder durchs Städtchen, sehen die Schule, in der Konrad Duden unterrichtet hat, und setzen uns, wir sind Gewohnheitstiere, wieder auf unsere Parkbank. Heute hören wir die Zauberflöte aus der Ruine, die uns viel besser gefällt als die Wartburg.

»Nächste Woche bin ich übrigens in Bayreuth«, fällt meinem Vater jetzt ein, er hat Festspielkarten, für den Ring. Er hatte noch eine übrig, die aber schon meiner ältesten Schwester versprochen ist. Ein wenig habe ich nun das Gefühl, als habe er sich bisher nicht getraut, mir das zu sagen. Ich versuche nicht neidisch zu sein. Nein. Hören wir halt heute Mozart, die Fledermäuse sind bald wieder da.

Am Sonntagmorgen riecht es im Kurpark schon leicht nach Herbst. Beim Frühstück spricht mein Vater, er isst wie immer zu schnell, von seinem anstehenden fünfzigjährigen Abiturtreffen. Vor ein paar Tagen hat er mit einem alten Schulkollegen telefoniert. Seit der letzten Zusammenkunft haben die Reihen sich gelichtet.
»Die Einschläge kommen näher, das hast du doch schon vor 25 Jahren gesagt.«
»Jetzt aber stehe ich ganz vorn im Feuer, in der Hauptkampflinie«, antwortet mein Vater, merkt dann aber an, dass so ein Dasein sich doch eher anfühle, als stünde man auf einem langen Rüttel-Förderband, das einen unbarmherzig immer weitertransportiere, während um einen herum einer nach dem anderen herunterfalle. »Und einmal, man weiß nur nicht wann, fällt man selbst hinunter.«
»Aber für jeden, der hinten runterkullert, kommt vorne einer hinzu, wenn dich das tröstet«, sage ich und bestelle Grüße vom Enkelkind.

Wir verabschieden uns auf dem Bahnhofsvorplatz, vor einem Bürogebäude der Nachkriegszeit, das mein Vater furchtbar hässlich findet. Mir gefällt es eigentlich ganz gut, ich glaube, er beklagt sich bloß, weil er sein halbes Leben in solchen Gebäuden verbracht hat. Allein auf dem Bahnsteig fühle ich auf meinem Gesicht dann einen Ausdruck, wie ich ihn sonst oft in seinem sehe.

Bild: Klaus Fürmaier