Für immer gefangen

Dreizehn Millionen Zwangsarbeiter wurden von den Nazis nach Deutschland verschleppt. Als der Zweite Weltkrieg vor siebzig Jahren zu Ende ging, konnten viele trotzdem nicht nach Hause.

Lydia Tkaczenko in ihrer Küche in Nürnberg. Die Zweizimmerwohnung, in der sie früher mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern lebte, war ihre erste außerhalb eines Vertriebenen-Lagers.

Stanislaw, den alle nur Stani nannten, züchtete Hasen und hatte eine Hasenscharte. So nannte man das noch, als ich ein Kind war. Er sprach nur schlecht Deutsch, und das, was er sprach, verstand man kaum. Stani ging jeden Sonntag zum Frühschoppen, er saß immer als Erster am Stammtisch. Er war lange vor meiner Großmutter in das Dorf im Nordosten Baden-Württembergs gekommen, nur die Ältesten erinnerten sich noch. Aus Polen hatte man Stani auf den Schweikerthof gebracht, ein junger Kerl, 1942 war das gewesen, der Krieg war noch dort, wo Stani herkam und wo all die deutschen Väter und Söhne nun waren; weit weg. Weil die Männer an der Front waren, brauchte es in der Heimat belastbare Helfer.

Stani war ein Zwangsarbeiter.

Er war einer von 13 Millionen, die das NS-System allein in Deutschland versklavte, in der Industrie, in Rüstungswerken, auf Baustellen, bei der Reichsbahn, in Privathaushalten, in der Landwirtschaft. Die meisten Zwangsarbeiter kamen aus Polen und der damaligen Sowjetunion, Männer, Soldaten und Zivilisten, Frauen, Kinder. Sie mussten schuften, damit der großdeutsche Wahnsinn weitergehen konnte. Und so gehörten Zwangsarbeiter während des Krieges zum deutschen Alltag, nicht nur in den Fabriken und Arbeitslagern, nein, jeder Deutsche konnte Bedarf anmelden, Bedarf nach einem Erntehelfer, Bedarf nach einem Kindermädchen, mancherorts konnte man sich die »Ostarbeiter« auf regelrechten Sklavenmärkten aussuchen. Dieses Unrecht hat niemand übersehen können, die Deutschen lebten Tür an Tür mit den Arbeitssklaven. Die Polen, die Russen, die Weißrussen, die Ukrainer galten als »slawische Untermenschen«, unter ihnen kamen in der Rassenlogik nur noch die Juden, die separiert zu erbarmungslosen Arbeitseinsätzen gezwungen wurden. Aber auch Millionen »Ostarbeiter« starben an Unterernährung, Erschöpfung und durch Mordlust, sie litten unter Restriktionen und brutalen Strafen. Auf Liebesbeziehungen zu Deutschen etwa stand der Tod. Zwangsarbeiterinnen, die Kinder zur Welt brachten, mussten diese abgeben, die Kinder kamen in eigens eingerichtete Heime, wo sie oftmals verhungerten.

Und Stani? Der fütterte die verbliebenen Kühe und half bei der Ernte. Er schlief in einem Schober neben dem Hof, er bekam etwas Milch und Brot. Und als der Krieg zu Ende war, da machte er einfach so weiter; er fütterte die Kühe, die anders als er wieder fett wurden, und er half bei der Ernte. Die Schweikerts bauten ihm den Schober aus. Er hatte seine Hasen. Seine Sonntage. Die Leute im Ort fragten nicht, woher genau er gekommen und warum er nie dorthin zurückgekehrt war. Sie verstanden ihn doch kaum, sie mochten sein zahnloses Lachen. Wenn ich in den Ferien bei meiner Oma war, ging ich zu Stani, die Hasen füttern. Mit den Jahren kam ich seltener. Ich vergaß Stani. Und als ich wieder an ihn dachte und ihm – auch aus journalistischer Neugier – Fragen stellen wollte, da verstarb er Ende vergangenen Jahres, bevor wir uns treffen konnten. Schade, sagten die Leute im Ort nun, genau genommen wussten wir nichts über den Stani.

Ich machte mich auf die Suche nach ähnlichen Fällen, nach ehemaligen Zwangsarbeitern, die im Land der Verbrecher geblieben waren. Ich stieß auf weitere Geschichten von Männern und Frauen, die wie Stani sogar auf dem Hof geblieben waren, zu dem sie verschleppt worden waren. Fast alle lebten nicht mehr. Im Schwarzwald stand ich vor dem Familiengrab einer Bauernfamilie, in dem vor einem Jahr auch Olga beerdigt wurde. Olga war mit 16 aus Russland gekommen, erzählte man mir. Die Olga war eine von uns, hieß es wieder. Fast jedes Dorf in Deutschland kennt einen Stani und eine Olga. Und ohne viel über sie zu wissen, erzählt man in fast jedem Dorf gern von ihnen, vom gemeinsamen Arbeiten und Feiern – vielleicht, weil ihre Biografien zu beweisen scheinen, dass es so schlimm nicht gewesen sein kann für die Zwangs- arbeiter. Und weil man dann nicht von den Zwangsarbeitern erzählen muss, die weniger Glück hatten, die nach der Befreiung Hass und Rachlust spürten oder schnell abreisten – oder nicht überlebten.

Die Wahrheit ist: Stani und Olga waren Ausnahmen. Bis Ende 1945 waren bereits 6,2 Millionen Zwangsarbeiter in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt – oder zurückgeschickt worden. Erst als bekannt wurde, dass viele Zwangsarbeiter in Stalins Sowjetunion als Verräter verfolgt wurden und Hunderttausende von ihnen in Gulags verschwanden, stoppten die Alliierten den schnellen Repatriierungsprozess, der auf der Konferenz von Jalta beschlossen worden war. Vielen Zwangsarbeitern wurde dann angeboten, in die USA, nach Kanada oder Australien auszuwandern.

1951 übernahm die Bundesrepublik Deutschland die Betreuung der Gestrandeten. Sie wurden nun »heimatlose Ausländer« getauft, so als hätte das Schicksal und nicht die deutsche Schuld sie zu Verirrten gemacht. Zuvor waren Zwangsarbeiter als DPs bezeichnet worden, von der englischen Bezeichnung »Displaced Persons« – zu denen neben Zwangsarbeitern auch Kriegsgefangene zählten. 150 000 Heimatlose lebten 1951 noch in den zahlreichen DP-Lagern in Westdeutschland, dazu zählten aber auch Menschen, die erst nach dem Krieg in solchen Lagern geboren worden waren. Laut dem Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen, einem Zentrum zur Erforschung von NS-Verbrechen, gab es Anfang der 2000er-Jahre noch etwa 15 000 DPs in Deutschland. Wie viele davon Zwangsarbeiter waren, wissen auch Experten nicht, wie viele Zwangsarbeiter heute noch in Deutschland leben, lässt sich nur vermuten, höchstens Hunderte?

Es ist siebzig Jahre nach dem Ende des Krieges nicht einfach, noch detaillierte Überlieferungen und Zeitzeugen zu finden. Die Lebensgeschichten von Stani und Olga können nicht mehr rekonstruiert werden.

Umso wichtiger ist es, die von Alexander Mostasov und Lydia Tkaczenko zu erzählen.

Sie warten im Juli 1942 jeden Tag auf die Bomben, aber es fallen keine mehr auf das Dorf außerhalb von Rostow am Don, in dem Lydia Ponomarenko mit ihren Eltern wohnt. Im Winter 1941 war das anders gewesen, sie hatten im Keller um ihr Leben gefürchtet, alles hatte gewackelt, und es hatte nach Angst gerochen. Damals hatten die Deutschen Rostow eingenommen und waren kurz darauf von der Roten Armee wieder vertrieben worden. Nun, ein halbes Jahr später, kommen die Deutschen zurück, wütender denn je. Die Rotarmisten sitzen in Rostow fest, alle Brücken sind zerstört. Es ist ein Massaker. Als Lydia Wochen später mit dem Vater in die Stadt läuft, liegen die Leichen noch immer am Straßenrand. Aber in das Dorf von Lydia kommt der Krieg diesmal nur in Form von neuen Regeln. Lydia ist 15. Jeder über 14, so verkünden die Deutschen nach der Einnahme Rostows, muss sich ab sofort beim Arbeitsamt melden. Lydia ist erst mal froh, nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. Jeden Tag läuft sie mit ihrer besten Freundin in die Behörde und lässt sich mit einem Stempel bestätigen, dass sie bereitsteht. Manchmal müssen sie Kohle schaufeln oder Munitionskisten verladen. Es ist langweilig. Als man ihnen nach einigen Wochen sagt, dass sie nach Deutschland reisen werden, für sechs Monate bloß, sagt sie zu ihrer Freundin: Vielleicht ist das ein Abenteuer. Die Mutter fällt in Ohnmacht. Sie spricht nicht mehr vor der Abreise. Lydias Bruder, 15 Jahre älter, ist ein Jahr zuvor gefallen. Der Vater muss Lydia zum Treffpunkt bringen an jenem Montag, und als sie ihn umarmt und »Auf bald« sagt, schiebt er sie ein Stück von sich, hält sie fest an den Schultern und sieht sie lange aus traurigen Augen an, als wolle er sich ihren Anblick einprägen. Der Vater ist ein schweigsamer Mann, der nie ein Zuhause hatte, weil er Ukrainer sein will und es diesen Staat, nach dem er sich sehnt, nicht gibt. Sie sind oft umgezogen, der Vater macht mal dies, mal das, im Winter verkauft er Eisblöcke, im Sommer getrocknete Früchte. Seine Eltern waren Großgrundbesitzer, er ist ein stolzer Mann. »Auf bald«, sagt der Vater.

Nellingen, 24. Februar 1949
An: Miss D. Garson, Area Child Care Officer, Area No 2
Von: Principal Child Search Officer, Area No 2
Betreff: Mostasov, Alexander, geboren 22-10-1930, sowjetischer Staatsbürger

1) In der vom Bürgermeister erstellten Liste mit alliierten Kindern, die sich unbegleitet in der Region aufhalten, fand sich der oben genannte Fall.
2) Eine Untersuchung am 21. Februar im Kreis Schwäbisch Gmünd ergab folgende Details: Alexander Mostasov wurde am 22. Oktober 1930 in Smitki, Witebsk, UdSSR, geboren. Er ist der Sohn von Wanka Mostasov, etwa 46 Jahre alt, und Nadezda Mostasova. Der Junge kam im Juni 1942 mit seiner Mutter Nadezda zu Bauer Banat Wittmann auf den Giengerhof, Kreis Schwäbisch Gmünd. Die Mutter beging im Oktober 1942 Selbstmord durch Erhängen. Anbei der Totenschein. Laut dem Jungen hatte der Vater die Familie verlassen, als sein Sohn etwa sieben Jahre alt war, vermutlich 1937. Seither hat der Junge von seinem Vater nichts mehr gehört. Einige Verwandte kamen ebenfalls als Zwangsarbeiter nach Deutschland, aber der Junge erinnert sich nicht an ihre Namen oder die Orte, an die sie gebracht wurden. Der Giengerhof, auf dem der Junge lebt, liegt recht weit außerhalb des Dorfs Weiler in den Bergen. Der Junge arbeitet für denselben Bauern, für den auch seine Mutter gearbeitet hat. Er gibt an, nicht nach Russland zurückkehren zu wollen, da er dort keine Verwandten mehr hat und die Sprache verlernt hat. Er war zu Hause nur zwei Jahre zur Schule gegangen. Er arbeitet als Kutscher und verdient 25 DM im Monat.

Alexander Mostasov, der als Kind zum Zwangsarbeiter wurde. (Foto: ITS Bad Arolsen)

»Wer kann gut mit Kindern!« Kinder? Sie meldet sich. Sie ist doch ein Kind.

Nach dem Ende des Krieges galt Lydia Tkaczenko dreißig Jahre lang als Staatenlose - hier ihre Bescheinigung der Internationalen Flüchtlingsorganisation. Heute hat sie einen deutschen Pass und sagt: »Jetzt können die mich nicht mehr wegschicken!«

Nach Rostow sind Lydia und die anderen gelaufen, 25 Kilometer. Sie schlafen in einer Schule ohne Dach. Es gibt nichts zu essen. Die Ersten beginnen zu weinen, es sind kleine Kinder dabei, die Mütter halten sich kaum auf den Beinen. Nach Tagen sollen sie in einen Zug steigen, es sind Viehwaggons, in denen vor Kurzem noch Rinder transportiert wurden. Sie wischen den Boden mit Laub. Die Zeit vergeht langsam. Wenn sie halten und aussteigen dürfen, essen sie Gras. Manchmal können sie bei Menschen an der Gleisstrecke Schmuck und Schuhe gegen ein Stück Brot tauschen. Lydia gibt ihre Kette weg. Es ist ein lähmender Rhythmus, das monotone Rattern, die Dunkelheit, aussteigen, geblendet sein, betteln, in einem Lager übernachten, einsteigen, weiterfahren. Lydia findet ihre Freundin nicht mehr. Einmal öffnet sie das kleine Fenster des Waggons und sieht auf dem Gleis gegenüber einen ähnlichen Viehzug, dessen Türen und Fenster aber mit Brettern vernagelt sind. Das sind Juden, sagt jemand. Sie hört ein Husten. Klopfen. Kurz vor Weihnachten, nach zwei Wochen Fahrt, kommen sie in Offenbach an, ein Mann liest das Bahnhofsschild vor. Sie sitzen in einer Zelle. Die anderen werden reihenweise abgeführt. Und wenn sie uns doch erschießen, denkt sie. Sie hat in der Schule Deutsch gelernt und wusste nie, wofür. Sie versteht die Soldaten nicht, sie reden so anders als der Lehrer. »Familie mit drei Kindern!«, ruft der Soldat. Und nochmals: »Wer kann gut mit Kindern!« Kinder? Sie meldet sich. Sie ist doch ein Kind.

4. April 1949
An: Field Supervisor, Gemeinde Schwäbisch Gmünd
Von: Miss D. Garson, Area Child Care Officer,
Betreff: Mostasov, Alexander, geboren am 22.10.1930, UdSSR

Wir bitten Sie, eine Untersuchung hinsichtlich der Zukunftspläne des oben genannten Jugendlichen durchzuführen. Möchte er, dass nach seinem Vater gesucht wird? Ist sein derzeitiger Verdienst angemessen? Können wir ihn bei der Schulbildung unterstützen? Möchte er in das DP-Lager Bad Aibling ziehen, um dort seine Zukunft zu planen?

Die Kinder heißen Hans, Sophie und Ludwig. Sie sind zwölf, zehn und sechs. Die Kinder lieben Lydia. »Wo sind deine Eltern?«, fragen sie manchmal. Die Mutter spricht nicht mit ihr. Der Vater ist im Krieg. Die Mutter hat einen Geliebten. Braunstraße 21. Lydia muss der Frau in der kleinen Wäscherei helfen. Die Kunden sind freundlich, sie sehen alle so müde aus. Die Frau hat für das Nötigste ein Deutsch-Russisches Wörterbuch besorgt, aber die Kinder bringen ihr das meiste bei. Sie isst allein. Sie schläft kaum. Drei Stunden in der Woche hat sie frei, samstags, sie trifft dann andere aus dem Zug. Sie trägt das »OST«-Zeichen für »Ostarbeiter« nicht wie verordnet an der Jacke, wenn sie das Haus verlässt. Die anderen erzählen schlimme Dinge. Eine hat auf dem Feld Erbsen gestohlen und wurde fast totgeschlagen. Einmal werden sie alle zu Fuß in einen Nachbarort gescheucht. Von dem Galgen am Marktplatz baumelt ein junger Mann, er lächelt. Er ist tot. Seht, was euch passiert, wenn ihr nicht hört! Wenn die Bomben fallen, bringt sie Hans, Sophie und Ludwig bei jedem Alarm zum Bombenkeller. Die Kinder steigen die Stufen hinab und weinen. Sie selbst muss oben bleiben. Sie weint nicht. Die Straßen sind leer. Im Hof läuft eine Katze. Die Flugzeuge markieren ihre Ziele. Es sieht aus wie Feuerwerk.



14. Juni 1949
An: Miss D. Garson, Area Child Care Officer, Area 2
Von: Miss B. Wilson, Field Child Care Officer, Schwäbisch Gmünd
Betreff: Mostasov, Alexander, 22.10.30, UdSSR

Nach der von Ihnen verlangen Untersuchung des Falls scheint es, dass der oben genannte Junge keine Unterstützung durch die Internationale Flüchtlingsorganisation benötigt. Dennoch wurde er angewiesen, für eine eingehende Überprüfung im Hauptquartier der Area 2 vorstellig zu werden, damit er den DP-Status erhalten kann. Aktuelle Situation des Jungen: Mostasov lebt nach wie vor bei Banat Wittmann und dessen Schwester auf deren großen Bauernhof. Der Junge sagt, die Bezahlung sei gut. Die Schwester des Bauern erklärte, ihr Bruder betrachte Mostasov wie einen Sohn und dass Mostasovs Zukunft gesichert sei. Mostasov kann nicht lesen oder schreiben, zeigt aber kein Interesse an einem Schulbesuch. Er will nicht umgesiedelt oder repatriiert werden. Erscheinung & Persönlichkeit: Für seine 19 Jahre ist Mostasov klein, wirkt aber gesund. Er ist sehr schüchtern, aber freundlich. Er kommt offensichtlich in seiner derzeitigen Umgebung gut zurecht und sieht keine Alternative, als dort zu bleiben. Empfehlung: Der Junge sollte den DP-Status als Absicherung für die Zukunft erhalten. Obwohl er nun in Deutschland gut integriert ist, ist er doch Russe und könnte später Unterstützung benötigen.

Als es keine Kohle mehr zum Feuern gibt, muss die Wäscherei schließen. Lydia kommt zu einer anderen Familie in Offenbach-Bieber. Die Kinder klammern sich an sie. Die neue Familie heißt Bauer. Sie haben ein Lebensmittelgeschäft, obwohl es kaum noch Lebensmittel gibt. Lilienthalstraße 21. Der einzige Sohn ist 15, er schaut sie so an. Die Familie ist nett, ganz leise. Sie haben immer Angst um sie. Beim Abendbrot sagt der Vater, es müsse ein Ende haben. Im März kommen die Amerikaner. Ob sie mitkommen wolle? Die anderen haben von den Lagern erzählt. Jede Frau werde geschändet. Einige Zwangsarbeiter verprügeln die Deutschen, klauen Essen. Lydia bleibt bei der Familie Bauer. Sie weint viel. Erst jetzt merkt sie, wie einsam sie ist. Im Krieg hatte sie den Eltern eine Postkarte pro Jahr schreiben dürfen. Jetzt schreibt sie lange Briefe. Es kommt keine Antwort. Sie will nicht mehr einsam sein. Nach einem Jahr zieht sie in das DP-Lager Frankfurt, die Bauers besucht sie sonntags. Im Lager leben Polen neben Ukrainern, Katholische neben Juden, Sozialisten neben Nationalisten. Wir können nie wieder nach Hause, sagen die Frauen in der Waschküche. Bevor die Repatriierungsoffiziere der Russen kommen, erhängen sich viele im Lager aus Furcht vor dem, was sie in der Heimat erwartet. Die Amerikaner zwingen uns in den Tod, sagen die Frauen. Gib an, dass du ukrainisch bist, sagen sie, dann darfst du bleiben.

Schwäbisch Gmünd, 19. Juni 1949

Werter Herr Wittmann!

Wollen Sie, bitte, Alexander Mostasov sagen, dass er wegen Erledigung seiner Dokumente in Nellingen mit dem Auto von Schwäbisch Gmünd nach Nellingen gebracht werden kann. Dazu soll er am Mittwoch, den 21. Juni vor 12.45 Uhr in der Bismarck Kaserne in Schwäbisch Gmünd erscheinen und sich dort bei Fräulein Wilson melden, Haus links am Tor, 1. Stock. Falls es an diesem Mittwoch nicht möglich sein sollte, dann möchte er am Mittwoch nach einer Woche zur selben Zeit erscheinen. In Nellingen muss Alexander 2–3 Tage bleiben. Er bekommt dort freie Übernachtung und Speisung. Es wird jedoch gut sein, etwas Essen von daheim mitzunehmen. Ich will es versuchen, für Alexander auch den Transport nach Gmünd zurück zu arrangieren.

Mit Gruß, B. Wilson

Lydia Tkaczenko (links) mit ihren Töchtern in den 1960er-Jahren. Die Familie lebte in sechs Lagern und mehreren Übergangswohnungen, bis sie sich 1965 in Nürnberg niederlassen konnte.

Lydias erster Mann redet nicht darüber, wo er war. Er redet gar nicht viel. Sie mag das. Die Töchter werden im Lager Aschaffenburg geboren, 1947 Wiera, 1948 Ludmila. Der Mann redet nicht, aber er schlägt. Eines Tages verschwindet er. Sie ziehen in das DP-Lager München, früher war es eine SS-Kaserne. Lydia trifft einen Mann, der viel redet, viele schöne Dinge sagt. Er ist wunderbar mit den Töchtern. Aber sie will nicht noch einmal heiraten. Der Mann ist auch Ukrainer, er hat für die Ukrainische Division gekämpft. Sie dachten, wenn sie sich mit der Wehrmacht zusammentun, könnten sie ein freies Land werden. Heute weiß man: Es waren schlimme Antisemiten in dieser Truppe, es geschahen abscheuliche Dinge. Der Mann war in England in Haft. Irgendwie hat er es ins Lager geschafft. Er wollte von zu Hause weg mit den Deutschen. Sie musste von zu Hause weg mit den Deutschen. Die Vergangenheit ist das Einzige, über das er nicht redet, es ist ihr recht. Jetzt ist er das, was sie braucht. Sie sollen weiter in das Lager Amberg ziehen. Lydia muss ihn heiraten, damit er mitkommen kann, sie heißt fortan Tkaczenko. Es kommt ein Brief vom Vater. Er schickt ein Foto. Die Eltern sehen erschöpft aus. Der Vater schreibt merkwürdig. Sie hätten das Haus verloren. Sie solle bitte nur noch an einen Nachbarn schreiben. Aber dieser Nachbar ist schon lange tot, das weiß sie. Ihr Mann sagt, versteh doch, er will dir mitteilen, dass du keine Briefe mehr schreiben sollst. Die Behörden lesen alles. Deine Eltern werden bestraft, weil du nicht wiedergekommen bist.



25. Januar 1950
An: Miss D. Garson, Area Child Care Officer, Nellingen
Von: Vibeke Willerup, Field Child Care Officer, Ulm
Betreff: Mostasov, Alexander, geb. 22.10.1930, c/o Banat Wittmann, Weiler in den Bergen, Giengerhof, Kreis Schwäbisch Gmünd

Da der oben genannten Junge am 30.6.1949 einen DP-Status erhalten hat und entschlossen ist, in Deutschland zu bleiben, empfehlen wir, den Fall zu schließen.

Das letzte Lager ist Nürnberg, die Töchter gehen schon zur Schule. Alle Lager sollen damals geschlossen werden, das letzte, bei München, existiert aber bis 1957. Man bietet ihnen die Wohnung im Nürnberger Westen an, der Mann hat Arbeit als Handwerker. Wieder die Hausnummer 21. In den Wohnschachteln mit den dünnen Wänden wohnen nur DPs. Heute ist Lydia die Einzige. Sie wird bald 88 Jahre alt. Sie hat fünf Enkelkinder und drei Urenkel. Die Zweizimmer-Wohnung ist so eingerichtet wie damals, als der Mann noch lebte. Er starb kurz nach dem Fall der Mauer. 1993 machte sie mit der Enkeltochter eine Rundreise durch die Ukraine. Nichts erinnerte sie an früher. Sie war unruhig, weil sie dachte, man würde sie nicht wieder reinlassen nach Deutschland. Immer hat sie Angst, man könnte sie wieder wegschicken, wohin nur? Die Enkel und Urenkel sind Franken. Lydia spricht Fränkisch, ein sehr schönes russisches Fränkisch. Am häufigsten sagt sie »Sdeffnmanjet«, das heißt »Das durft mer net«, das durften wir nicht. Sie erinnert sich an alles, was sie nicht durften, aber sie sprach eigentlich erst darüber, als die Urenkelin sie einmal für die Schule fragte. Sie wollte unerkannt bleiben. Es machte sie traurig, dass die Leute in der Straßenbahn manchmal sagten: »Hau ab!«, wenn sie sie sprechen hörten. Wohin nur? Sie bekommt eine gute Rente. Ende der 1990er-Jahre beschloss die Bundesregierung endlich, ehemalige NS-Zwangsarbeiter zu entschädigen, jeder von ihnen bekam 500 bis 7700 Euro, aber Lydia meldete sich nicht, es wäre so viel Aufwand gewesen, es ist so viel vergessen. »Ich hatte Glück«, sagt sie immer wieder, wenn sie in der Küche steht und ihren Kuchen macht, weil sie weiß, wie viel schlimmer es für manche war. »Es gibt in allen Ländern Gute und Schlechte«, sagt sie. Und: »Jetzt können die mich nicht mehr wegschicken!« Wer sind die? Lydia Tkaczenko überlegt. »Die Deutschen«, sagt sie. Die Deutschen, die sie damals holten und ihr versprachen, dass sie nach einem halben Jahr wieder bei ihrem Vater wäre, den sie immer noch vor Augen hat, wie er da steht und sie ansieht. Die Deutschen, unter denen sie seit über siebzig Jahren lebt, auch wenn das kaum jemand weiß.

Alexander Mostasov starb 1972, im Alter von nur 42 Jahren. Wie seine Mutter wurde er auf dem Friedhof von Weiler in den Bergen bestattet. »Ha ja«, sagen die Leute, »den Alexander, den Knecht, den kennen wir noch! Der hatte immer Durscht, das war sein Verderben!« Der Knecht trank, als wolle er vergessen. Aber was der Knecht vergessen wollte, daran erinnert sich niemand mehr.

Fotos: Daniel Delang

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