"Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, wenn jemand mein Auto anzündet."

Im Juli 2000 gab Hans Magnus Enzensberger dem SZ-Magazin ein langes Interview. Am Mittwoch wurde Deutschlands einflussreichster Intellektueller 80 Jahre alt. Hier können Sie das Gespräch noch einmal lesen.

SZ-Magazin: Früher gab es oft Streit um Ihre Person. Heute verleiht man Ihnen Orden. Was haben Sie falsch gemacht?
Hans Magnus Enzensberger:
Jeder, der in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit für sich beansprucht, nervt die Welt. Nach einer Weile versucht man ihn loszuwerden. Wenn das nicht klappt, dann sagt man sich: Das hat keinen Zweck, den kriegen wir nicht mehr weg.

Und dann?
Der Störenfried wird adoptiert. Das kann dann ganz extreme Formen annehmen. Wenn Sie sich zum Beispiel an Ernst Jünger erinnern. Der frühere Bundeskanzler Kohl kam zu dessen hunderts-ten Geburtstag mit Kaffee und Kuchen. Schlimmer noch: Ernst Jünger war am Ende nur noch deswegen berühmt, weil er hundert war. Seine Bücher aber hat niemand mehr gelesen. Graut Ihnen vor so einer Existenz?
Der Rummel um meinen siebzigsten Geburtstag im letzten Jahr hatte schon etwas sehr Zwei-schneidiges. Lorbeerbäumchen, Talkshows, Interviews geben - das alles mag ich nicht. Ich stehe nicht gern im Rampenlicht. Diese naive Eitelkeit, die man braucht, um sich auf einer Bühne wohl zu fühlen, ist mir nicht gegeben. Viel lieber ist es mir, wenn irgendwelche Leute meine Bücher öffnen.

Bücher öffnen?
Ja, von lesen war nicht die Rede.

Herr Enzensberger, an Ihrer Person kleben so viele Etiketten, dass man sich fragt, mit wem wir hier eigentlich sprechen: einem konservativen Alten oder dem interessantesten deutschen Intellektuellen Ihrer Generation?
Wer und was war ich denn schon alles? Meine Titel kann man ja aufzählen: Einmal ist man Zerstörer der Literatur, der Chefideologe, ein anderes Mal ein Neokonservativer, dann wieder der Anarchist. Das, was über einen in der Zeitung steht, das nennt man wohl Pluralismus. Da habe ich mir eine Regenhaut angewöhnt. Das tropft ab.

Wie dick ist diese Regenhaut?
So ungefähr. (Hans Magnus Enzensberger beschreibt mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand einen Abstand von etwa einem Zentimeter.)

Wird die Haut mit zunehmendem Alter dicker?
Der Eigensinn nimmt zu. Und die Dickhäuterei sehe ich als eines der Risiken des Alters. Es ist einem einfach immer mehr Wurscht, was die anderen sagen. Eine merkwürdige, nicht ganz ungefährliche Immunität. Wenn jemand einen beschimpft, ein Buch oder einen Essay schlecht findet, öffentlich auf einem herumhackt und einen das alles völlig kalt lässt, dann ist das zwar angenehm, weil man sich blöde Aufregungen erspart. Es hat aber trotzdem etwas für sich, wenn einem Verletzungen leichter unter die Haut gehen.

War das früher anders?
Da war ich vor allem überproduktionsgefährdet. Wollte alles, wollte überall dabei sein. Nicht nachgeben, Recht bekommen, Recht behalten. Ich glaube sogar, dass es eine Arbeitsteiligkeit in den Altersstufen gibt. Niemals sind Erwachsene so genial, wie sie es als Kinder waren. Das Furchtbarste ist wahrscheinlich die Pubertät, aber davon wollen wir mal schweigen. Dieser dreißigjährige, hungrige Typ zum Beispiel, wenn es den nicht gäbe, das wäre doch verheerend.

Wieso?
Es muss eine Altersgruppe geben, die es wissen will, die sich Platz macht. Am entbehrlichsten ist da vielleicht die 45-Jährigkeit. Da haben alle schon ihre Positionen, die wenig verrückbar sind. Das ist wohl kein so produktives Alter. Dagegen kenne ich viele Leute, die mit achtzig eine Art Altersradikalität entwickelt haben, die ganz anders ist als die Radikalität eines 25-Jährigen. Diese Alten haben nichts mehr zu verlieren. Ich höre denen wahnsinnig gern zu. Ob sie berühmt sind oder nicht, ist doch egal. Meine Mutter zum Beispiel, die ist 95. Wie die über den Papst redet. Diese Unbeeindruckbarkeit. Toll!

Ist Unbeeindruckbarkeit ein Kriterium des Alters?
Wahrscheinlich. Ich merke das an mir ja auch.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum sich Enzensberger aus bestimmten Debatten heraushält und was er von Banken hält.

Haben Sie sich deshalb in die vielleicht wichtigste Debatte der Gegenwart noch nicht eingemischt?
Sie meinen das Thema Biotechnologie?

Ja. Überall auf der Welt streiten sich darüber die Intellektuellen - und Sie schweigen dazu!
In dieser Angelegenheit tendiere ich schon ein bisschen dazu, sie von mir wegzuschieben. Ich denke mir dann: erst die ganze Nazi-Scheiße, dann die Aufarbeitung des Krieges, der Kalte Krieg, die Kommunismusgeschichte, die Atomgeschichte und so weiter. Muss ich mich jetzt auch noch an der Diskussion über die Konsequenzen der Entschlüsselung des menschlichen Genoms beteiligen? Nein, nicht mit mir. Mich klont ihr nicht und ich brauche auch keine Leihmutter. Darum müssen sich jetzt die Jungen kümmern.

Der Philosoph Jürgen Habermas, der sich vor ein paar Monaten in die Diskussion einschaltete, ist ungefähr so alt wie Sie.
Aber sowohl er als auch der Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk haben in ihrem Streit die wirklichen Fragen, um die es hier geht, gar nicht gestellt.

Was sind die wirklichen Fragen?
Wir haben es mit Herrschaft über die Natur in einem extremen Sinn zu tun. Das berührt Gebiete, die sich diesseits der Politik befinden: das Verhältnis zum eigenen Körper, die intimsten Dinge, alle Ebenen des menschlichen Instinkts. Aber auch ganz konkrete Bereiche des Gesellschaftlichen stehen zur Disposition. Das sind doch Allmachtsfantasien. Keine Krankheiten mehr! Unsterblichkeit!

Entscheidungen von grundsätzlicher moralischer Tragweite müssen die Menschen künftig selbst treffen.

Will ich ein Schweineherz? Will ich damit leben? Wie reagiert meine Psyche darauf? Wie werde ich damit fertig? Samenbank ja oder nein? Haarfarbe des Kindes, Größe, Geschlecht? Jetzt haben sie zwar das Genom entziffert, aber noch kann man es nicht interpretieren. Es ist mit Sicherheit die Arbeit von Generationen notwendig, um die psychische Aneignung und Abwehr von solchen Momenten zur Gewohnheit zu machen. Natürlich interessieren mich solche Fragen. Weil ich aber leider zu wenig von dieser Wissenschaft verstehe, müsste ich von vorn anfangen. Ich kapiere gerade so viel, um beurteilen zu können, dass in den bisherigen Diskussionen über den Eingriff in das menschliche Erbgut sehr viel Quatsch geredet worden ist.

Ändern Sie es!
Da müsste ich ans MIT nach Boston gehen, mich mit Künstliche-Intelligenz-Propheten und Genetikern auseinandersetzen und sehr viel zu diesem Thema lesen. Dazu fehlt mir die Lust. Der Neue Mensch - wenn ich das schon höre! Ich interessiere mich mehr für den Alten. Roboter und Cyborgs finde ich ziemlich öde.

Früher haben Sie selbst über so abstrakte Themen wie Mathematik Gedichte geschrieben. Ginge das auch über die Genetik?
Selbstverständlich! Das ist ja einer der Reize dieser Textform: Alles hat darin Platz, es gibt nichts, wovon in einem Gedicht nicht die Rede sein könnte. Selbst in einem Roman oder in einem Essay kann ich von manchen Sachen gar nicht reden. In einem Gedicht brauche ich nichts zu beweisen.

Dichten Sie aus Bequemlichkeit?

Das Dichten kommt einem Kurzstreckenläufer wie mir schon sehr entgegen. Auf einer Seite kann man alles verhandeln. Denken Sie doch mal an den Romancier mit seinen sechshundert Seiten, der da vier Jahre lang dran sitzt. Der arme Kerl! Ein Gedicht zu schreiben ist ja kein Marathon.

Vor ein paar Monaten haben Sie ganz entscheidend dabei mitgeholfen, den Eichborn-Verlag an die Börse zu bringen. Warum?
Vor allem aus Gründen der Loyalität. Eichborn stand zehn Jahre lang bedingungslos hinter der von mir herausgegebenen Anderen Bibliothek . Auch deshalb habe ich den Börsengang unterstützt. Und wenn man sich in irgend- was reinbegibt, dann bitte mit aller Energie. Ob Zeitschrift, ob Opernlibretto, ob Börsengang - ich bin nicht gern der Dilettant der Situation. Diese drei Monate vor dem Börsengang waren für mich äußerst interessant. Ich habe mich da gern eingemischt: in die Verhandlungen mit der Emissionsbank und so.

Wie sind Ihnen die Banker begegnet?
Erwartet hatten die natürlich einen Pausenclown, denn bei den Banken meinen sie ja, Intellektuelle seien blöd - was manchmal auch zutrifft. Aber dann waren sie verblüfft, dass ich Ahnung von den Dingen habe. Ich hatte mich natürlich vorher kundig gemacht, was gar nicht so schwer war, weil man in diesen Kreisen ja auch nur mit Wasser kocht.

Entspricht die Logik der Börse, die Unberechenbarkeit, der Wankelmut und das Risiko Ihrem Lebensprinzip?
Ob ich ein Lebensprinzip habe, weiß ich nicht. Aber das Risiko gefällt mir. Ein risikoloses Dasein ist illusionär. Ein Spieler aber, ein Spieler bin ich nicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Über das Klischee des Kulturkritikers, angemessene Systemkritik - und ein überraschender Anruf zeigt uns eine ganz neue Seite des großen Intellektuellen.

Herr Enzensberger, Ihre Worte erinnern so gar nicht an das Klischee, das Ihnen zugeschrieben wird.
Welches Klischee meinen Sie, es gibt so viele?

Das des Kulturkritikers.

Der Höhepunkt der Kulturkritik liegt schon lange zurück. Der war vielleicht Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre. Die Rede vom Verfall des Abendlandes habe ich schon damals verabscheut. Das Argument, früher sei alles besser gewesen, hat doch etwas sehr Muffiges an sich. Das Abendland ist doch gar nicht umzubringen. Und was meine Rolle als so genannter Kapitalismuskritiker anbelangt: Ich sage ja nicht: Seid umschlungen, Millionen. Aber ich muss ein System doch kennen, um es zu analysieren.

Kann man überhaupt noch von dem Kapitalismus sprechen?
Nein, eigentlich nicht. Aber von den Kapitalismen. Und die bewirken spannende Prozesse. Zum Beispiel wie sich einzelne Formen des Kapitalismus entpolitisieren. In USA, in Europa, in China. Für mich als Beobachter ist das ein tolles Stück. Nehmen Sie nur Deutschland: Noch vor zehn Jahren waren Aktien etwas für Reiche. Heute ist der Aktienhandel zum Volkssport geworden. Wie Fußball. Sogar in den Kneipen reden die Leute über "stock options", Zahlungsfristen und Erstnotierungen.

Verändert dieser neue Volkssport auch die Sprache?
Ganz erheblich. Aber wie im Dialog über Fußball auch täuscht nur die Sprache ein hohes Maß an Kenntnissen vor. In Wirklichkeit haben die meisten Anleger keine Ahnung. Ob eine Aktie gekauft wird oder nicht, machen die Leute letztlich vom Votum der Bild -Zeitung abhängig. Aber nicht nur die Sprache ändert sich. Auch gesellschaftliche Begriffe wie Risiko und Solidarität spielen plötzlich eine andere Rolle: Die Bürger sind heute in einer anderen Weise an Wirtschaft beteiligt als noch vor zehn Jahren. Deshalb haben sie auch ein Interesse daran, dass die Bälle in der Luft bleiben. Früher war hier die Gewerkschaft und dort war der Arbeitgeber. Jetzt hängen die Angestellten selbst mit drin. Wer bin ich jetzt? Bin ich der so genannte Arbeitnehmer oder bin ich derjenige, der seine Interessen am Kapitalmarkt verfolgt? Wo sind meine Loyalitäten? Das alles ist die höhnische Einlösung einer alten sozialistischen Idee: Das Produktivvermögen gehört in die Hände der Arbeitnehmer.

Da müssten Sie doch schreien vor Glück!
Wenn die bornierten Gewerkschaften in die Enge getrieben werden, dann freut mich das. Soll mir doch niemand weismachen, dass die sich einen Deut um die Arbeitslosen scheren. Nein, die Gewerkschaften empfinden sich ausschließlich als Vertreter der Arbeitsplatzbesitzer. Wenn sich was ändert, ist es gefährlich - wenn sich nichts ändert, ist es blöd. Oder anders: McDonald's in Moskau heißt dem Volke dienen.

Warum so höhnisch?
Vielleicht weil man nur mit Hohn den vielen Paradoxien der Gegenwart gerecht wird.

Reicht bloße Kritik nicht mehr aus?
Nicht jene aufgeblasene Form von Totalkritik. Wir kennen doch alle die Szenen der Chaostage in Hannover. Diese Form der Kritik ist zur Unfruchtbarkeit verdammt. Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, wenn jemand mein Auto anzündet. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Pose. Kritik ohne Problembewusstsein ist blöde. Selbst Ronald Reagan hatte mehr davon. Es gibt einen unsterblichen Satz von ihm: There is no free lunch.

(Das Telefon klingelt. Enzensberger hebt den Hörer ab: "Na, ich würde da niemandem zu- oder abraten. Du weißt ja, Medien- geschäfte sind sehr volatil. Das ist ein Jahr prima, im nächsten Jahr weiß man nicht. Der Track Record der Firma ist allerdings gut. Die haben gute Zuwachsraten - sonst könnten sie ja gar nicht an die Börse gehen. Wir müssen dann ja auch alle drei Monate unseren Quarterly Report machen. Ich glaube schon, dass das tragfähig ist. Aber es ist doch ein kleines Ding. Wir gehen an den Smax, den Small Capital Markt. Wir wollen es ja nicht übertreiben. Aber es ist als Operation insofern rational, als man seine Unabhängigkeit von den Großkonzernen nur sichern kann, wenn man genügend Eigenkapital hat. Ja, gut, ich erzähl dir dann, wie es weitergeht. Tschüs!")

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mit wem parliert Enzensberger so gekonnt über Finanzgeschäfte? Und warum ist er 1963 nach Norwegen gegangen?

Entschuldigen Sie, war das gerade am Telefon Ihr Broker?
Nein, das war ein alter Herr, ein Bankier, mit dem ich über solche Dinge reden kann - das ist ja auch Spracherwerb. Jetzt kann ich fließend über solche Sachen reden. Kurios. Aber andererseits habe ich schon immer den weltfremden Schriftsteller gehasst. Diese Figur ist mir unangenehm. Der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Das habe ich nie verstanden - ich war schließlich mit 17, kurz nach dem Krieg, schon ein großer Schwarzhändler.

Ihr größter Deal?
Es ging um die Versorgung der alliierten Truppen mit Trophäen. Alle wollten natürlich eine Nazi-Pistole nach Hause tragen, die sie angeblich zuvor den bösen Krauts entrissen hatten. So etwas zu organisieren war nicht ganz harmlos, denn der Besitz von Waffen wurde bestraft. Deshalb waren die Preise hoch und gute Geschäfte möglich. Ich habe aber schnell festgestellt, dass die Akkumulation von Geld nicht meine Priorität ist. Sonst wäre ich wahrscheinlich Banker geworden. Immerhin bringt der Besitz von Geld zwei Vorteile mit sich: Geld ist konvertierbar in Zeit und in Nein sagen. Das ist das Gute an Geld.

Auf alten Fotos sieht man, wie Sie bereits damals versuchten, sich auch über Äußerlichkeiten, über Stil vom Rest Ihrer Generation abzusetzen.
Ich hatte schon etwas von einem Dandy. Modebewusstsein und Snobismus sind Privilegien der Jugend.

Bei Ihnen war das der Pepita-Anzug.
Es war damals leicht abzuweichen, weil die Konformität so groß war. Schon als Schüler hatte ich etwas Wunderbares: ein echtes Barett von der Royal Air Force. Und zwar eine dieser großen Mützen, die übers Ohr gehen, nicht die französischen. Ich arbeitete für die RAF als Barmann und da habe ich das Barett abgestaubt. Komisch, diese Abkürzung: RAF! Wenn ich in der Stadt damit rumgelaufen bin, dann haben sich die Leute nach mir umgedreht und mir nachgeschrien: Ist das ein Mann oder eine Frau? Auffallen war damals das Leichteste von der Welt. Schon die kleinste Differenz reichte aus. Ich hatte damals nur eins im Sinn: Ich wollte raus.

Wohin?
Überallhin, Hauptsache weg aus Deutschland. Ich lebte in Italien, Mexiko und den USA. Und als man mir 1963 den Büchner-Preis verlieh, da verstärkte sich dieser Drang nur noch. Plötzlich war ich sehr hoch quotiert an der literarischen Börse. Also habe ich mich abgesetzt. Jetzt raus aus dem Betrieb, habe ich mir gesagt. Distanz gewinnen!

Sie sind nach Norwegen gezogen.
Mich hat damals die vielleicht naive Vorstellung geleitet, dass dort diese wunderbare Demokratie, die für Deutschland so neu war, gar kein Thema mehr ist. Keine Ideologie, sondern Normalzustand. Da wollte ich gern eintauchen. Na ja und dann war ich noch in eine Norwegerin verknallt. Wir lebten in einem herrlichen alten Kapitänshaus, das wunderbar weiß war und ein Fünftel von dem gekostet hat, was die Deutschen für ihre Reihenhäuser zahlten. Ich war zufrieden, denn ich wusste: Wenn du ein paar tausend Kilometer Entfernung zwischen dir und deinen Landsleuten hast, bist du weniger in Gefahr.

Von was für einer Gefahr sprechen Sie?
Die Gefahr, eine Deutschland-Neurose zu entwickeln.

Wie hat sich diese Deutschland-Neurose bei Ihnen geäußert?
Im obsessiven Denken. Das war ja auch unvermeidlich - nach dem Krieg kam die Paranoia. Wenn man zum Arzt ging, dann fragte man sich doch: War das auch einer von denen? Die waren alle noch da. Der Polizeipräsident ein Nazi, der Richter ein Nazi, der Arzt, na ja, wer weiß? Wie sollte man da weitermachen? Wir haben ein bisschen angefangen zu schaufeln, haben Müllabfuhr gespielt und versucht, über diese Schweinereien zu reden. Im Radio und in den Zeitungen, was man halt so tut. Irgendwann habe ich mich aber gefragt: Willst du das dein Leben lang machen? Im Hauptberuf Deutscher sein? Nee, das kann es doch nicht sein: Immer wieder zu erklären, dass die Demokratie gar nicht so schlimm ist, ist auf Dauer nicht abendfüllend. Ich habe damals nicht verstanden, warum die Leute sofort den Rolladen runtergelassen haben. Heute verstehe ich das schon eher. Ist ja klar, dass sich eine Bevölkerung nicht von einem Tag auf den anderen ändert. Aber ich verstehe es auch deshalb, weil ich damals mehrere Jahre dem Land den Rücken gekehrt habe.

Warum sind Sie 1964 dann zurückgekehrt und nach Berlin gezogen?
Damals hatte ich das Gefühl, dass dort irgendetwas passieren könnte. Harmlose Indizien. Das, was später die Revolution von 68 genannt wurde, fing ja mit ganz zivilen Dingen an, mit der Beatmusik, mit sexuellen Problemen. Bevor es politisch wurde, gab es eine molekulare Bewegung: Die schrecklichen fünfziger Jahre mit ihren Sitten, ihren Umgangsformen, ihrer halb wilhelminischen Schulerziehung - das war alles so rückständig, dass es nicht mehr haltbar war. Aber das ganze Revolutionstheater mit den großen Sprüchen, das kam alles erst später. Jedenfalls habe ich mir gesagt, das willst du nicht verpassen.

Sie veröffentlichten in dieser Zeit nicht nur das Kursbuch, sondern durchschnittlich ein Buch pro Jahr.
Ich war unerträglich. Unerträglich fleißig.

Unerträglich für wen?

Für die anderen. So ein ehrgeiziger Typ, das ist doch unangenehm. Aber ohne einen triebhaften Aspekt hält man solche Berufe wie den meinen auf die Dauer nicht durch. Das mag für andere unerfreulich sein, aber die Unerträglichkeit ist eine Bedingung, wenn man sich an das treulose Geschäft der Literatur verdingt. Es gibt hoch begabte Leute, denen aber genau das fehlt, und deshalb haben die es sehr, sehr schwer.

Wann haben Sie diesen Satz vom unerträglichen Typen das erste Mal gesagt?
Nach 68. Obwohl ich damals nur eine Kulissenfigur war, hatte 68 doch diesen Wichtigkeitsaspekt. Mein Kursbuch und die ganzen Sachen drumherum. Als dann die Luft rausging, gab es natürlich eine Phase der Depression - sehr verständlich nach diesem ganzen Theater. Dann habe ich gesagt: So kannst du doch nicht ewig weitermachen. Jetzt beruhig dich doch mal.

Warum haben Sie sich damals in so viele Angelegenheiten eingemischt: um Anerkennung zu bekommen?
Man kann meinen politischen Aktivismus sicherlich auch unter solchen Gesichtspunkten sehen. Da war wohl auch ein Triebmoment enthalten der Eindruck oder die Illusion, man bewege etwas.

Und: Haben Sie etwas bewegt?
Nein, ich habe nichts bewegt. Nicht wirklich. Ich habe keine Wirkungsillusionen. In den berüchtigten sechziger Jahren waren es ja nicht die Intellektuellen, die etwas veränderten. Es war die ganze Gesellschaft, die sich bewegt hat. Es war ein Brausen in diesem Gesellschaftskörper. Ein Erregungszustand. Ein Ausnahmezustand. In Deutschland passiert so etwas vielleicht alle fünfzig Jahre.

Gibt es diese Deutschland-Neurose Ihrer Meinung nach immer noch?
Die Ambivalenzen sind weit verbreitet. Wie viele der alten Neuen Linken haben denn ihr Herz für die alte Bundesrepublik entdeckt? Plötzlich war das alles irgendwie lieb - vorher war es faschistisch. Das ist schon lustig.

Gleichzeitig vermischt sich diese milde Sicht auf die Bundesrepublik vor 1989 mit der Emphase für das neue Berlin.
Berlin ist eine Behauptung. Das ist es immer gewesen. Eine voluntaristische Stadt: Ich will! So hat das angefangen in der Sandwüste und ist stets so geblieben: Ich will Reichshauptstadt sein, Metropole sowieso, Weltstadt, Bollwerk gegen die rote Flut, Insel und jetzt wieder Hauptstadt. Ich glaube, die Deutschland-Neurose hat lediglich andere Formen angenommen. Früher ist Günter Grass noch durchs Land gereist, auf und ab, und hat wie wild vor Publikum getrommelt. Heute machen die Leute eben Extremsport, um sich einen Kick zu geben. Fahren zum Beispiel mit dem Motorrad mit 200 durch die Landschaft. Bei uns in Niederbayern, wo ich eine kleine Wohnung habe, reiben sich die Klinikbesitzer schon immer die Hände, wenn schönes Wetter ist: Dann gibt es wieder etwas zu transplantieren.

Ist die Fixierung vieler heutiger Kritiker auf die Gruppe 47 ein Bestandteil der Deutschland-Neurose?
Die Gruppe 47 war vor allem ein koaguliertes Ding.

Ein was?
Ein koaguliertes Ding. Etwas Geronnenes. Wie wenn Sie Eiweiß in die Pfanne schlagen. Dann koaguliert es. Die Gruppe 47 war in Wirklichkeit ein Haufen von Schriftstellern, die fast aus Versehen zusammengefunden haben. Natürlich gab es einen objektiven Grund: die fünfziger Jahre, als man sich in Jazzkeller geflüchtet hat, weil dort die drei oder vier Leute waren in der jeweiligen Kleinstadt, mit denen man sich überhaupt unterhalten konnte. Aus dieser Defensive heraus, aus dem Gefühl, dass man völlig in der Minderheit war, sind diese Schriftsteller, die sich sonst immer nur zankten, derart unter Druck geraten, dass sie eine Zeit lang zusammengehalten haben.

Politischer Druck?
Ich meine den schweren Luftdruck damals, der eigentlich vor allem aus Langeweile bestand. Gähnender Langeweile und politischer Blockade. Und man muss sagen: Die ganze Operation namens Gruppe 47 war sehr erfolgreich. Auch wenn man bei aller Verlogenheit der damaligen Zeit sagen muss, dass es damals wesentlich leichter war, sich als Autor durchzusetzen als heute. Der Markt war ja leer gefegt, die alten Schriftsteller waren diskreditiert. Als junger Schriftsteller konnte man da richtig auf den Putz hauen. Dazu hatten wir noch eine bornierte Regierung Adenauer, die wunderbar mitgespielt hat, indem sie immer auf die Schriftsteller geschimpft hat. Ratten, Schmeißfliegen und wie das alles hieß. So konnte man sich sehr leicht sehr toll fühlen.

Ihre Erzählungen klingen, als ob all das selbst Ihnen heute sehr fern vorkommt.
Für mich ist diese Zeit wie eine literaturgeschichtliche Schachtel, auf der "Gruppe 47" steht. Wenn man diese Schachtel aufmacht, dann kommen eben all diese Schriftsteller heraus. Wir sehen uns ja heute kaum noch, man liest höchstens in der Zeitung, wenn der Grass mal wieder aufstampft. Das ist dann wie entfernte Verwandtschaft. Man hat diesen Onkel, den man noch aus der Kindheit kennt, und da schaut man eben, was der heute so macht. Aber es war doch wunderbar, wie der Grass da in Stockholm beim Nobelpreis mit seiner ganzen Familie gefeiert und getanzt hat - und endlich ein glücklicher Mensch geworden ist. Wunderbar. Der war immer so verbittert die letzten Jahre.

Haben Sie ihm gratuliert?
Ich melde mich nur, wenn es jemandem nicht gut geht, wenn einer einen Herzklaps hat oder so. Dann schreibe ich ihm. Sonst nicht.

Erzählen Sie Ihren Kindern von der Gruppe 47?
Meine kleine Tochter interessiert sich nicht dafür. Die ist jetzt 13 Jahre alt. Was sie hören will, sind die Geschichten aus der Kriegszeit. Ich wundere mich oft, warum sie das nicht langweilt. Und dazu muss man wissen, dass meine Tochter und ich ein Abkommen geschlossen haben: Du langweilst mich nicht, ich langweile dich nicht. Zwar hat sie mich in letzter Zeit ein paar Mal ermahnt, ich würde sie jetzt langweilen, doch nicht, als ich ihr von früher erzählte. Vielleicht liegt ihre Faszination für diese alten Geschichten auch daran, dass das alles so weit weg ist von ihrem eigenen Leben.

Was ist das für ein Leben?
Es ist das Leben eines 13 Jahre alten Mädchens in einer Großstadt. Eines Menschen, der sich in seiner Peergroup behaupten muss. Das geht über Klamotten, Musik, Filme. Der Umgang mit der Bewusstseinsindustrie ist da zu einem Spiel geworden. In so einer Schulklasse, da muss man sich ja irgendwie positionieren. Es gibt Bündnisse, Verrat und Diplomatie. Wer wird zur Party einge- laden? Wer nicht? Da lernt man Politik. Mittlerweile hat meine Tochter eine gute Stellung in der Klasse. Früher musste sie kämpfen, heute braucht sie sich nicht mehr so anzustrengen.

Ist Ihre Tochter Ihnen ähnlich?
Mir? Meine Tochter? Ich hoffe nicht. ---
Foto: dpa

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