Standhaft

Nächsten Sommer wird Skateboarden erstmals olympisch. Wir haben drei deutsche Fahrerinnen getroffen, die in der gerade begonnen Qualifikation für Tokio 2020 gegen übermächtige Gegner antreten – und doch schon gewonnen haben.

Was für ein großer Auftritt das wäre, wenn Lea Schairer in diesem blauen Gucci-Fransenkleid, wild geschminkte Wangen noch dazu, über den olympischen Skateboardpark in Tokio rollen würde. Oder, wie auf Bild 7, im weißen Spitzenkleid von Alexander McQueen. Der Anlass wäre feierlich genug: Im Juli 2020 nehmen zum ersten Mal SkateboardfahrerInnen an den Olympischen Spielen teil. 

Aber, zugegeben, Chiffonröcke und Seidenkleider sind keine geeignete Kleidung, um sich mutig Treppengeländer hinab zu stürzen oder über Rampen meterhoch durch die Luft zu fliegen. Darum sind die Kleider nur geliehen, für eine Modestrecke im Frauenheft des SZ-Magazins. Und ehrlich gesagt, sie habe sich in dem luftigen blauen Kleid auf ihrem Skateboard »fast ein bisschen nackt gefühlt, es fehlte auch die Bewegungsfreiheit«, sagt Schairer, die sonst in Jeans fährt.

Die Fotos hat die 30-Jährige auf ihrer Instagramseite gepostet, darunter steht »Wearing some Chanel. In today's @szmagazin for international women's day.« Auf schwierige Tricks haben Lea Schairer, Jelena Lufen und Catherine Marquis an diesem Tag verzichtet, der empfindlichen Kleider zuliebe. Die Aufmerksamkeit der übrigen Skater war ihnen trotzdem gewiss.

Die Blicke männlicher Skateboardfahrer kennt Lea Schairer gut, kritische wie anerkennende, sie kann an ihnen ablesen, wie sich ihr Sport verändert, wie große Gesellschaftsdebatten auch hier ankommen. Als Schairer im Jahr 2001 das erste Mal mit ihrem Brett unterm Arm in einen Skatepark geht, ist sie fast immer die einzige Frau. Sie wird bestaunt, auch belächelt. Seltsam eigentlich, weil früher, in den 60er Jahren, als Skateboardfahren begann, die Frauen und Mädchen ganz selbstverständlich dabei waren. 

Pat McGee etwa, von der es zwei ikonische Titelbilder aus dem Jahr 1965 gibt: Auf der Oktoberausgabe des Skateboarder Magazine fährt die blonde Kalifornierin barfuß und sehr grazil auf einem schmalen Holzbrett mit wackelig aussehenden Rollen darunter, den damals üblichen, ersten Skateboards. Schon im Mai '65 widmete ihr das renommierte US-Magazin Life die Titelseite, auf der McGee sieht im Handstand auf ihrem Skateboard dahinrollt, darunter die Schlagzeile »The grace and the menace of skateboards«, also »Die Anmut und Gefahr des Skateboardens«. 

Skateboarden verändert sich in den folgenden Jahrzehnten, der Sport verliert an Eleganz, gewinnt an Spektakel. Man gleitet nicht mehr dahin, man springt jetzt Airs und Ollies. Immer mehr Treppenstufen stürzen sich die Skatboarder hinab, in immer riesigeren Halfpipes drehen sie sich durch die Luft. Dabei geraten die Frauen aus dem Fokus, die mit weniger Kraft und vielleicht auch mehr Vernunft nicht jedes krankenhausreife Manöver der Männer nachmachen.  

Sieht man sich in der Google Bildersuche die Titelseiten des Monster Skateboard Magazins an, über Jahrzehnte eine Art Bibel des deutschen Skatens, sucht man vergeblich Frauen. Es gibt in dieser Zeit einige bittere Momente für weibliche Skater, etwa ein großer Wettbewerb in den USA, bei dem der Moderator durchs Mikrofon gebrüllt die Skaterinnen auffordert, sie sollen sich gefälligst wie Claudia Schiffer anziehen, also sexy, und nicht in weiten Skateboardklamotten selber fahren. Im Jahr 2013 sagt Nyjah Houston, so eine Art Lionel Messi des Skateboardfahrens, der sämtliche großen Wettkämpfe gewinnt, in einem führenden Skateboardmagazin, dass Skateboardfahren nichts für Frauen sei. Er entschuldigt sich später auf Twitter und erklärt seine Aussage damit, dass er nur nicht wolle, dass sich Frauen beim doch so gefährlichen Skaten verletzen. Und Lacey Baker, eine Favoritin auf den Olympiasieg im Streetskaten nächsten Sommer, klagt 2016 in einem Interview, dass sie es deutlich schwerer hat, Sponsoren und Aufmerksamkeit zu bekommen, seit sie ihre langen blonden Haare zur Glatze geschnitten hat, sich androgyn kleidet und geoutet hat.

Dennoch: »Es hat sich viel zum Guten geändert in letzter Zeit, auch weil sich die Gesellschaft verändert hat, die ganze Genderdebatten haben im Skaten Spuren hinterlassen«, sagt Lea Schairer, »das Verhalten der Männer ist anders und viel mehr Frauen fahren jetzt Skateboard«. Nach wie vor verdienen die Männer deutlich besser, bei Wettbewerben ist das Männerfinale die Hauptattraktion, aber sie fahren eben spektakulärer, so Schairer. Sie hofft, dass sich die Frauen nicht mehr nur an den Männern und deren Tricks orientieren, sondern Anfängerinnen sich die Videos der Frauen ansehen und sich dadurch ein eignener, weiblicherer Stil des Skatens entwickelt. Der keine Vergleiche mehr verlangt, sondern für sich steht.

Die Olympischen Spiele werden die bislang größte Bühne für Skateboarderinnen sein. Ob Deutsche mitfahren dürfen, ist unsicher, die Qualifikation hat im Januar begonnen, es gibt nur je 20 Startplätze pro Disziplin bei Männern und Frauen. Und andere Nationen, die USA, Brasilien, bei den Frauen auch Belgien, sind einfach besser. So oder so: Gewinnen werden sie aber alle, der Sport und auch die deutschen Skaterinnen, mit jeder Sendeminute.