Mitten im Nirgendwo

Was ist der Kern von Europa? Immerhin ­geografisch lässt sich der Mittelpunkt der Euro­päischen Union leicht ­bestimmen. Er verschiebt sich je nach Besetzung – doch er ist immer angenehm mittelmäßig.

Die Mitte scheint ein wunderbarer Ort zu sein. Goethe fand hier seinen Lieblingsplatz, als »Weltkind in der Mitten«. Angela Merkel versprach sich so viel von ihr, dass sie ihre ganze Partei mit »Die Mitte« untertitelte. Und auch von der »inneren Mitte« hört man quasi nur Gutes, außer dass sie schwer zu finden sei. Was aber passiert, wenn eine Mitte plötzlich ganz konkret wird, wie sieht es aus, wenn etwas Überdimensionales, schwer Greifbares wie zum Beispiel die Europäische Union sich an einem Punkt konzentriert, der ihre Mitte war, ist oder werden könnte?

Sobald die Europäische Union sich verändert, wird ihr geografischer Mittelpunkt neu festgelegt – das nächste Mal infolge des Brexits, nach Gadheim in Unterfranken. Das französische »Institut natio­nal de l’information géographique et forestière« berechnet die EU-Mitte seit 1987. Je näher man am berechneten Mittelpunkt lebt, desto interessanter wird diese Berechnung, denn nach jeder EU-Erweiterung und -Veränderung gilt es, Markierungen zu gestalten und Fahnenmasten aufzurichten. Der geografische Mittelpunkt von irgendetwas zu sein hat sicherlich nicht den touristischen Rang eines Eiffelturms oder selbst eines gut ausgestatteten Trampolinparks. Aber wer sich sowieso schon mal im Radius von, sagen wir, fünf bis zehn Kilometern um den aktuellen Mittelpunkt einer politischen Gemeinschaft auf der Durchreise befindet, wird zumindest darüber nach­denken, ob man sich »das mal anschauen« sollte: Kinder, ihr kriegt auch eine heiße Schokolade, da ist die Mitte von Europa!

Das birgt ein gewisses touristisches Potenzial, das man mit einem Denkmal oder einer Skulptur noch zu vergrößern versuchte, etwa dem großen Zirkel eines Bad Kreuznacher Künstlers, der in Kleinmaischeid den Mittelpunkt der Jahre 2004 bis 2006 symbolisiert, und vielleicht mit einem Parkplatz und Bänken. Vom Wikipedia-Eintrag und Ortsschild-Zusätzen ganz zu schweigen. Es verleiht einem Bedeutung, in der Mitte von etwas zu sein. Jeder, der je gesagt hat: »Ich steh nicht so gern im Mittelpunkt«, meinte ja auch das Gegenteil davon: Ich steh gern im Mittelpunkt, ich möchte es mir nur nicht anmerken lassen.

Nicht überall an den Mitten Europas haben die feierlich wehenden Fahnen überdauert, nachdem jener Mittelpunkt sich wieder verzogen hatte, und die schlammige Wiese in Meerholz scheint resigniert angesichts der Tatsache, dass alles im Wandel ist und niemand für immer im Mittelpunkt steht. Es sieht auch so aus, als hätte die Fotografin Ute Schmidt mit ihren Bildern auf diesen Seiten inszenieren wollen, was der irische Dichter William Butler Yeats schon vor knapp hundert Jahren mit den Worten »Die Mitte hält nicht« beschrieben hat (im heute schon kaffeebecherfähigen Gedicht The Second Coming). Bei Yeats konnte die Mitte nicht halten, weil dräuendes Unheil alles auseinanderzureißen drohte. Möglicherweise meinte er damit die Mitte weniger im gesellschaftlichen oder politischen Sinne, mehr als eine Idealvorstellung der Ausgewogenheit, als Kraftzentrum, zu dem die Kräfte hinwirken, aber eben auch von ihm weg. Und wenn die Mitte nicht mehr hält, fliegt einem alles um die Ohren. Die ehemaligen Mittelpunkte wirken tatsächlich ein bisschen erschöpft, als müssten sie sich vom ständigen Ringen um Europa erholen.

Die einen halten die EU für unsere beste Idee, die anderen für eine glorifizierte Gebühreneinzugszentrale. Aber hier, an ihren Mittelpunkten, sieht man etwas anderes. Man schaut in Viroinval, Meerholz, Kleinmaischeid, Westerngrund und Gadheim vielleicht wirklich ins Herz Europas. Diese sanften, bescheidenen Mittel-gebirgsausläufer, die Mischwälder, Betonpoller und charakteristisch dunkelbraunen Picknickgarnituren, die zum Hinsetzen einladen, aber nicht zum Bleiben. Die Windräder am Horizont, das Gestrüpp, die Ackerfurchen. Europas zumeist in Deutschland markierte Mittelpunkte scheinen Stichproben der Mittelmäßigkeit zu sein, sie haben etwas rührend Linksliegenlassbares. In der kollektiven Vorstellung ihrer Einwohner gibt es ein paar ganz einfache Geschichten über die Europäische Union, von denen jede auf ihre Art überhöht ist. Da ist die große Geschichte von der Friedens-EU, die uns davor bewahrt, dass junge Menschen einander wieder auf schlammigen Wiesen totschießen. Da ist die ständig aufgewärmte Geschichte von der bürokratischen EU, die Glühbirnen verbietet und Bananenkrümmungsgrade misst. Diese Varianten der EU gibt es, aber ihre Mittelpunkte erinnern daran, was die EU im Alltag ist: eine Ansammlung unendlich vieler unspektakulärer Orte, die miteinander gemein haben, dass Menschen da vergleichsweise friedlich und vergleichsweise gut versorgt versuchen, durchs Leben zu kommen.

Vielleicht verursachen die Mittelpunkte der EU einem deshalb ein diffuses Heimweh, auch wenn man nicht aus Unterfranken oder Wallonien kommt: Heimweh nach einem Kontinent, dem wir so nahe sind, dass wir ihn nicht mehr erkennen können. Und der von vielen Orten auf der Welt aus ein Sehnsuchtsort ist, aber selten von sich selbst aus gesehen.