Mousetot

In der Nähe von Disneyland Paris haben Stadtentwickler eine Siedlung gebaut, die perfekt dazu passen soll: saubere Straßen, saubere Häuschen, saubere Idylle. Fehlt bloß noch das Leben.

30 Kilometer östlich von Paris wohnt das Glück. Es ist in pastellfarbenen Häuschen zu Hause, mit fein verputzten Fassaden. Es schlendert über gefegte Straßen. Es liegt auf leuchtend grünen Wiesen vor Wasserbassins, die wie mit dem Zirkel in die Landschaft gezeichnet worden sind. Das Glück hat auch einen Namen: Val d’Europe. Und man muss Jean-Paul Balcou glauben, Präsident der kommunalen Stadtentwicklungsgesellschaft, wenn er sagt, 95 Prozent der Menschen hier seien glücklich, das habe eine Umfrage unter den 33 000 Einwohnern ergeben. Es muss sich dabei um eine Telefonumfrage gehandelt haben, nicht um eine Straßenumfrage, denn auf den Straßen sieht man keine Menschen. Das sagen die Fotos, und das sagt der Fotograf Christoph Sillem, der die Straßen so vorfand: leer. Wenn also das Glück hier wohnt, ist es sehr still, sehr künstlich, sehr kalt - als hätten sich die Drehbuchautoren der Truman Show mit den Erfindern der Barbiepuppenhäuser zusammengetan.

Vielleicht wundert einen alles ein wenig weniger, wenn man weiß, dass der Unterhaltungskonzern Walt Disney mit Hilfe privater Investoren die pastellfarbenen Häuschen aus dem bis dahin brachliegenden Boden gestampft hat. 1987 schloss Disney einen Vertrag mit der französischen Regierung über den Bau von Disneyland Paris - aber eben nicht nur darüber. Disney verlangte auch die Hoheit über die stadtplanerische Entwicklung des angrenzenden Gebiets, damit jeder, der sich Disneyland nähert, schon mal eingeschworen wird auf die Ästhetik und die sich fröhlich gebende Künstlichkeit, die ihn erwartet. Und wer weiß, was die Franzosen sonst hingebaut hätten, wenn man sie einfach hätte machen lassen, wie sie wollen? Straßen, auf denen sich Menschen bewegen und dabei ein Kaugummipapier fallen lassen? Unvorstellbar. Und so sind rund um das Disneyland Paris in den vergangenen 20 Jahren fünf Gemeinden entstanden, die die Planstadt Val d’Europe bilden - Chessy, Coupvray, Magny-le-Hongre, Serris und Bailly-Romainvilliers.

In den USA haben sich die Disney-Leute schon einmal als Stadtentwickler versucht. In der Nähe des Disney-Freizeitparks in Florida ließen sie in den Neunzigerjahren die Planstadt Celebration errichten. Was haben sich damals vor allem europäische Medien aufgeregt über die kleinlichen Vorschriften, die Disney den Bewohnern der Stadt auferlegte: Der Rasen im Garten sei kurz zu schneiden; die Vorhänge in den Fenstern zur Straße müssten weiß sein; Pickups und größere Autos seien verboten. Nichts sollte das von Disney erdachte Kleinstadtidyll stören. Auch deshalb wollte man es in Europa anders machen.

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Der für Val d’Europe zuständige Disney-Mann in Europa, Francis Borezée, sagt, solche Regeln gebe es für die Bewohner von Val d’Europe nicht. Selbst über die Gestaltung der Landschaft und der Häuser habe Disney im Dialog mit den Vertretern der Kommune entschieden. Disneys Ziel sei es gewesen, mit Val d’Europe einen Ort zu schaffen, an dem sich Parkbesucher und Einheimische begegnen können.

Die Bilder erzählen eine andere Geschichte. Mag sein, weil die Einwohner der Planstadt damit beschäftigt sind, in ihren Häusern zu sitzen und darüber nachzudenken, wie sie den Disney-Konzern, den Weltanbieter des künstlichen Glücks, noch glücklicher machen könnten. Nicht auf die Straße zu gehen ist schon ein erster Schritt: so wird jeder Schmutz vermieden.

Fotos: Christoph Sillem

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