Ungebremster Datendrang

Klein, schnell und immer dabei: Der USB-Stick hat es zum heimlichen Wahrzeichen dieses Jahrzehnts gebracht. Aber warum speichern wir eigentlich alles wie die Verrückten?

Ein halbes Leben auf ein paar Millimetern Elektronik. Vor ein paar Tagen kommt ein Kollege ins Büro, er hat auf der Straße einen USB-Stick gefunden, steckt ihn in den Computer. »Unglaubliches Zeug da drauf«, ruft er und zählt auf: Fotos, Bewerbungsunterlagen, Teile einer Diplomarbeit, Passwörter für verschiedene Programme. Die Kollegen sehen zu, nach wenigen Minuten ist ein vollständiges Profil des wildfremden Eigentümers erstellt. Lustig. Gruslig. Und jeder denkt: Äh, wo ist eigentlich mein USB-Stick?

Nie war es einfacher, solche Mengen von Texten, Fotos, PDFs, Liedern, was auch immer, in Sekunden zu kopieren und mitzunehmen. Der USB-Stick ist die Aktentasche des 21. Jahrhunderts. Millionen transportieren damit Daten zwischen Büro und Wohnung. Und so, wie sich in den Tiefen einer Tasche alles Mögliche ansammelt (Woher kommt denn der Kugelschreiber? Hey, ein Kaugummi!), so tragen die meisten auch auf dem Stick immer mehr Zeug rum, das sie längst mal hätten aufräumen können. Alle haben USB-Sticks. Und fast alle verlieren sie irgendwann mal. Die Los Angeles Times meldete neulich, auf einem afghanischen Basar sei ein Stick mit Geheimdaten des US-Militärs aufgetaucht. Und die Polizei in Hannover hat gerade einen Mann verhaftet, der Kinderpornos besaß – er wurde entdeckt, weil er sie auf einem USB-Stick gespeichert hatte, zusammen mit Dateien, in denen seine Adresse stand. Erfreulich, dass der Kerl so doof war.

Das Patent ist noch jung, es wurde im Jahr 2000 vorgestellt von einem israelischen Tüftler namens Dov Moran – dessen Firma mit der Idee inzwischen eine Milliarde Dollar im Jahr umsetzt. Der USB-Stick ist also genauso alt wie das ablaufende Jahrzehnt – und wenn man in Zukunft auf die Nullerjahre zurückblickt, dann wird er eins der Symbole dieser Zeit sein. Kein Statussymbol wie Netbook oder iPhone, sondern eins von den Werkzeugen, die sich ganz beiläufig durchgesetzt haben. So wie früher mal Kaffeemaschine oder Fahrrad.

Bleibt die Frage: Warum wollen überhaupt alle ständig alles mit sich herumtragen? Warum speichern die Menschen ihr halbes Leben auf einem Stick, den sie überallhin mitnehmen? Vielleicht geht es um ein Gefühl der Sicherheit. Wer von der Bewerbungsmappe bis zum Fotoalbum alles bei sich hat, ist für jede Situation gerüstet. Nein, man muss da nicht schon wieder die Finanzkrise bemühen, das Jahrzehnt, in dem wir leben, ist von Anfang an schwierig gewesen, Sicherheiten schwinden, Arbeitsplätze wackeln, da ist es beruhigend, für jede Situation gerüstet zu sein, von der Kontaktpflege (Urlaubsfotos zeigen) bis zur spontanen Bewerbung (Lebenslauf ausdrucken).

Irene Götz, Professorin für Europäische Ethnologie und Herausgeberin des Buches Prekär arbeiten, prekär leben, sagt: »Immer mehr Menschen arbeiten nur noch von Projekt zu Projekt. Man muss mobil sein und flexibel. Wir leben als Dauer-Update – da ist der USB-Stick natürlich das perfekte Werkzeug.« Kein Wunder, dass die Schweizer Firma Victorinox erfolgreich Taschenmesser mit eingebautem Stick verkauft. Digitale Nomaden: allzeit bereit.

Kommt noch der Sammeltrieb dazu. Es ist ja für viele ein gutes Gefühl, zu Hause vor der Bücherwand zu stehen oder vor dem CD-Regal und zu denken: alles da, alles beisammen, alles, was mich und mein Leben aus- und greifbar macht. Mit dem USB-Stick wird dieses Gefühl transportierbar: Wer einen Stick voll privater Daten rumträgt, hat immer auch ein Stückchen Zuhause dabei.

Klingt altmodisch. Aber bald wird der USB-Stick sowieso ein Anachronismus sein. Wenn man den Computerexperten glaubt, dann ist die Idee, Daten in physischer Form zu transportieren, veraltet; bald werden wir alles im Internet speichern und können einfach immer und von überall darauf zugreifen. Wer 2003 einen USB-Stick am Schlüsselbund hatte, zeigte, dass er computermäßig ganz vorn dran ist – zehn Jahre später wird jemand, der einen USB-Stick trägt, vielleicht signalisieren: Nein, ich möchte nicht alles ins Netz stellen, wo jederzeit irgendwelche Hacker darauf zugreifen können, ich habe meine Daten hier auf einem kleinen Gerät, das nur mir gehört. Ja, eines Tages könnte der USB-Stick tatsächlich ein Symbol für den Schutz des Privaten sein. Es darf ihn halt nur nicht jeder ständig verlieren.

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Bald kommt ein USB-Stick auf den Markt, bei dem Max Fellmann noch mal schwach werden könnte: Er kostet 220 Euro – und enthält das Gesamtwerk der Beatles (ab 7.12. auf www.beatles.com).

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