Weltpolitik am Herd

Kommt die küchenlose Wohnung? Axel Hacke ist besorgt: Denn die Küche ist mehr als der Ort, an dem Essen zubereitet wird. Hier beginnt der zivile Widerstand gegen die Putins und Trumps dieser Erde.

Als neulich der russische Präsident den Mann, dem er durch Wahlbeeinflussung ins Amt des US-Präsidenten verholfen hat, der Weltpresse vorführte, musste ich an ein anderes berühmtes Gipfeltreffen denken. Es fand am 24. Juli 1959 statt, zwischen dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow und dem US-Vizepräsidenten Richard Nixon.

Die beiden eröffneten in Moskau eine Ausstellung, auf der Konsumgüter der USA gezeigt wurden, eine irre Werbung für den American Way of Life mitten im Kalten Krieg: Farbfernseher, Spülmaschinen, sogar ein Putzroboter waren zu sehen. Schließlich traten Chruschtschow und Nixon vor ein Mikrofon. Auf offener Bühne ergab sich eine heftige Diskussion über Kommunismus und Kapitalismus, man traut seinen Augen nicht, wenn man Auszüge im Video sieht. Nixon rief: »Sie müssen keine Angst vor Ideen haben!« Chruschtschow antwortete, das habe er nicht. Er sagte auch, die UdSSR würden die USA überholen, weil ihr Gesellschaftsmodell das bessere sei.

Nixon trug die Art, wie er amerikanische Werte verteidigte (ja, selbst Leute wie Nixon taten das mal!) große Anerkennung in den USA ein; er wurde nach seiner Reise republikanischer Kandidat für die Wahl 1960, die er gegen Kennedy verlor.

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Der Auftritt der beiden ging als The Kitchen Debate in die Geschichte ein, weil er auf jener Ausstellung in der Küche eines US-Modellhauses stattfand. Und nun lese ich in einer Studie der Schweizer Großbank UBS mit dem Titel The End of the Kitchen?, es sei möglich, dass schon im Jahr 2030 die meisten Mahlzeiten, die heute noch daheim gekocht würden, online bestellt und von Restaurants oder Zentralküchen geliefert würden. Im Guardian ist von Trends die Rede, die zur Abschaffung der Küche führen würden, weil sie in den vielen winzigen Single-Haushalten nur Platz wegnehme. Für Leute, die ihr Essen stets aus dem vom Boten gebrachten Karton oder der Plastikschale essen, ist sie überflüssig.

Falls es also in zwölf Jahren einmal ein Gipfeltreffen in einem US-Modellhaushalt geben sollte, würden die Teilnehmer auf einem Sofa sitzen, mit einer Hand auf ihren Smartphones tippen und mit der anderen einen Burger aus einer Schachtel herausfingern. The Delivery Debate!

Interessant ist nun Folgendes. Die spanische Architektin Anna Puigjaner, die einen Preis für ein Projekt namens Kitchenless City (also etwa: Stadt ohne Küchen) gewann, sagt, die Küche sei aufgeladen mit einer Ideologie, die etwa die Rolle der Frau betreffe, deren Platz eben dort sei. Schaffe man die Küche ab und überlasse die Zubereitung des Essens bezahlten Arbeitskräften anderswo, rücke man auch dieser Ideologie zu Leibe – gut!

Allerdings wäre darauf hinzuweisen, dass es sich hier in etwa um die Lebensweise der Menschen handeln würde, die in der Sowjetunion angestrebt wurde. Sergei Chruschtschow, Nikitas Sohn, erzählte dem National Public Radio in den USA, aus der Idee der Befreiung der Frau von der Sklavenarbeit in der Küche habe man im Kommunismus gefolgert: »Es muss keine Küche in der Wohnung geben. Man geht raus und isst in der Caféteria.« Der Gedanke, auch Männer könnten mal eine Speise zubereiten, kam wohl niemandem, warum? Vermutlich, weil Männer und Frauen beide als Arbeitskräfte gebraucht wurden.

Für das Kochen war einfach keine Zeit, und genau das ist der Trend heute auch im Kapitalismus: Alle schuften, keiner kocht, das Essen bringen miserabel bezahlte Liefersklaven. Was den Nebeneffekt hat, dass die Küche verschwindet, die aber, wie wir aus Erfahrung wissen, nicht ein Ort der Sklavenarbeit sein muss. Sondern? Einer der Gemeinschaft, des Politisierens, der Diskussion, des Essens, des Trinkens, ja, sagen wir ruhig: des bürgerlichen Widerstands – all dessen, was Leute wie Putin und sein Schützling Trump nicht mögen.

The Kitchen Debate? Ist jetzt notwendig.

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