Kleinschreibung

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Sommer waren sie die vielleicht auffälligste Neuheit: die klein geschriebenen Spielernamen auf der Rückseite der Trikots. In den ersten Tagen war es noch rätselhaft, warum sich einige Mannschaften für den ungewohnten Schriftzug entschieden hatten, bis sich nach und nach herausstellte, dass alle Trikots der Firma Puma damit versehen waren. Auch in der Bundesliga treten Clubs mit diesem Ausrüster, wie der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart, mittlerweile mit den neuen Namenszügen an: sanogo spielt einen Pass auf lauth, bierofka auf tomasson, hitzlsperger schießt über das Tor.In der Zeit nach der WM, der Blick war noch geschärft, fielen dann auch eine Reihe anderer Schriftzüge mit klein geschriebenen Eigennamen ins Auge: das Logo und die Namenseinblendungen bei Fernsehsendun-gen wie beckmann und maischberger, erst vor Kurzem eingeführt, oder die Typografie von Firmenbezeichnungen. Es scheint also in jüngster Zeit eine deutliche Tendenz zur Kleinschreibung in der Welt des Corporate Design zu geben. Welche Assoziationen soll dieses Gestaltungsprinzip heraufbeschwören? Auffällig ist ja, dass es gerade um Eigennamen geht, um eine Wortgruppe also, der sogar in jenen Sprachen ein großer Anfangsbuchstabe zugestanden wird, die alle anderen Substantive klein schreiben. Der Name ist die letzte Bastion der Majuskel; in der Erhebung am Anfang des Wortes ist die Differenz der bezeichneten Person zu den bloßen Sachen ausgedrückt, so als trügen die Namen eine Art Szepter vor sich her, das ihre Souveränität unterstreicht. Aus den klein geschriebenen Namenszügen ist diese Differenz getilgt; die Eigennamen fügen sich vielmehr ein in das unterschiedslose Gemenge der restlichen Wörter.Die aktuelle Entwicklung ist umso aufschlussreicher, wenn man sie mit früheren Verfahren der bewusst falschen Kleinschreibung vergleicht. In der deutschen Sprache hatte eine solche Übertretung der Rechtschreibregeln immer eine Funktion des Aufbegehrens. Anfang der 1970er Jahre etwa war der Verzicht auf Großbuchstaben in Gedichten, Pamphleten, politischen Abhandlungen weit verbreitet. Die Kleinschreibung auf Schreibmaschinenblättern war als subversiver Akt gedacht, als Widerstand gegen die Konventionen auch im Feld der Sprache. Allein die Typographie formulierte bereits eine politische Aussage: die Hierarchie der Wörter einebnen, einen Sozialismus der Schrift etablieren. Im Bereich der Literatur sollte die durchgängige Kleinschreibung zudem für die besondere Unmittelbarkeit des Notierten einstehen: Die getreue Übersetzung von Bewusstsein in Schrift, so das Versprechen klein geschriebener Tagebucheinträge oder Prosastücke, könne sich gar nicht die Zeit nehmen, auf so etwas Technisches wie Groß- und Kleinschreibung zu achten; es würde die Aufrichtigkeit des Gefühlsprotokolls gefährden. Dreißig Jahre später, im Zeitalter von E-Mail und SMS, transportiert die Kleinschreibung völlig andere Aussagen. Alle Rebellion und Echtheitssehnsucht ist von ihr abgefallen; es geht nicht mehr um den Wunsch, sich gegen das Bestehende zu richten, sondern darum, sich so gut wie möglich in den Flow der weltumspannenden Kommunikation einzupassen. Großbuchstaben sind häufig inkompatibel mit Betriebssystemen oder, wie in E-Mail-Adressen, nicht mehr verpflichtend, weil die einfachere Variante ohne Shift-Taste exakt denselben Effekt hervorbringt. Deshalb hat der Siegeszug der Kleinschreibung in der flüchtigen Sphäre der elektronischen Kommunikation nun auch die schwerfälligsten Träger von Sprache erreicht: Kleidung und Gebäude.Bittere Konsequenzen für den Eigennamen: Er ist nur noch Schriftzug gewordene E-Mail. Die Wahrnehmung hat sich aber noch nicht ganz mit der neuen Situation abgefunden. Auf den Trikotrücken etwa ist das Entziffern der Buchstaben noch immer gewöhnungsbedürftig. Man gleitet merkwürdig widerstandslos über den Namen, vermisst die leichte Schwelle am Anfang, so als wäre etwas weggenommen worden. Übrig bleibt nur Wortinneres.

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