Paolo Coelho

Der überwältigende Erfolg Paolo Coelhos hat zweifellos damit zu tun, dass seine Literatur die Komplexitäten des modernen Lebens auf so einfache wie stabile Wahrheiten reduziert. Was der Jüngling Santiago in Coelhos berühmtestem Roman Der Alchimist einem mitreisenden Pilger vorwirft – dass der Inhalt seiner dickleibigen Schriften auch auf eine kleine Tafel passen würde –, ließe sich genauso über den Verfasser selbst sagen: Seine inzwischen rund hundert Millionen verkauften Bücher sind nichts anderes als die endlose Paraphrase ein und derselben Botschaft: an sich selbst zu glauben und die Träume des eigenen Lebens umzusetzen. Coelhos poetisches Verfahren ist bekannt und von der Literaturkritik so häufig mit Häme bedacht worden, dass er vor ein paar Monaten sogar einen ganzen Roman veröffentlicht hat (Der Zahir), um sich zu rechtfertigen. Interessanter als die ständige Verwunderung über die Beliebtheit dieser Glückskeks-Literatur ist aber etwas anderes: der Umstand, in welchem Missverhältnis die Thematik der Bücher zu den Milieus steht, in denen sie gefeiert werden. Coelho geht es ganz offensichtlich um Zivilisations- und Modernekritik; die Weisheit der Natur und der kindlichen Herzensregungen soll über jeden eingespielten Pragmatismus alltäglicher Existenz, über jede an Macht und materiellen Gütern ausgerichtete Weltanschauung obsiegen. Illustriert wird dieses Anliegen zumeist durch die Ansiedelung der Geschichten in archaischen Umgebungen wie ägyptischen Wüsten oder kasachischen Steppen, die eine größtmögliche Distanz zu den Schauplätzen der Gegenwart einnehmen. Die Bücher Paolo Coelhos entwerfen also eine spirituelle Gegenwelt zu unserer Zivilisation – und dennoch sind es gerade die Hauptdarsteller dieser Zivilisation, die Politiker, Spitzenmanager und Leistungssportler, die seit Jahren zu den gebanntesten Lesern zählen und deren werbewirksame Begeisterung – man denke an die Aufnahme Clintons, der in den Alchimisten vertieft ist – dem Autor vermutlich auch zu seiner einzigartigen Popularität verholfen hat.Wie ist dieses Verhältnis zu erklären; warum findet die publizistische Würdigung Paolo Coelhos nicht in den Feuilletons statt, sondern in Managermagazinen und auf Weltwirtschaftsforen, zu denen er seit Jahren regelmäßig eingeladen wird? Offenbar spricht das scheinbar so romantische und träumerische Beharren auf den eigenen Zielen gerade die professionellsten Sphären des modernen Lebens an; die Maximen der Selbsterkenntnis liefern jenen kurzen Moment der Besinnung aufs Wesentliche, der den Vorstandsvorsitzenden und Präsidenten umso mehr Kraft gibt, die Arbeit in aller Kompromisslosigkeit fortzusetzen. Die Nähe von Coelhos Büchern zu diesem Milieu verliert ihr Überraschendes, wenn man ihre Diktion mit einem in den letzten Jahren populär gewordenen Genre vergleicht: der Motivationsliteratur für Führungskräfte. Bis in die Wortwahl hinein reichen die Übereinstimmungen zwischen den jeweiligen Kernsätzen. Man könnte sich eine Art Zuordnungstest vorstellen, in dem auch die feinsinnigsten Coelho-Liebhaber vor Problemen stünden: »Wenn du etwas ganz fest willst, dann wird das gesamte Universum dazu beitragen, dass du es auch erreichst« (Der Alchimist); »Was hält dich davon ab, alles zu tun, um dein Leben zu dem zu machen, was du dir wirklich vorgestellt hast?« (Das Robbins Power Prinzip. Wie Sie Ihre wahren inneren Kräfte sofort einsetzen).Darin liegt das eigentliche Vermögen Paolo Coelhos: dass er Strategien der Erfolgsmaximierung, wie sie heute überall Konjunktur haben, mit den Mitteln der Literatur aufbereitet; dass er schlichtweg aufwändiger erzählte Motivationshandbücher schreibt als seine Kollegen. Die Annahme hingegen, dass seine spirituellen Parabeln Kritik an den bestehenden Verhältnissen üben und eine sanftere, weniger machtorientierte Gesellschaft einfordern würden, ist womöglich nichts als ein großes Missverständnis. Eher werden Coelhos Sinnsprüche wie Ampullen zur Steigerung der täglichen Leistungsbereitschaft eingenommen.

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