Ein Elend namens Lounge

Menschen mit gutem Geschmack schimpfen seit Jahren auf das unverbindliche Flughafen-Design. Allein: Es hilft nichts. Die Masse fliegt drauf.

Eine Relaxzone mit cremefarbenen Sesseln und bodennaher Sitzlandschaft, dezent beleuchtet. Viel Holz, viel Braun, viel Stein und Anthrazit. Ambient-Musik aus unsichtbaren Lautsprechern. In der Hand ein Glas Limonen-Ingwer-Tee, davor, auf dem kleinen Beistelltisch aus geöltem Kirschbaumholz, ein Truthahn-Clubsandwich. Wo befinden wir uns? In New York, Barcelona oder Memmingen? In einer Bar, einem Hotel, einem Restaurant? Oder gar zu Hause? Schwer zu sagen. Mit Sicherheit jedoch in einer Lounge.
Im Jahr 2006 ist der Loungestil massenkompatibel geworden, es gibt kein Entkommen. Tag für Tag eröffnen neue Lokale, in denen die Gäste sitzen, als ob sie auf den verspäteten Anschlussflug nach Ibiza warten würden. Sogar der neue Bitburger-Werbespot mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spielt in einer Lounge – letztes Indiz dafür, dass die-ser Ort mittlerweile jede Art von Extravaganz verloren hat. Eine Lounge der Superlative gibt es schließlich seit Anfang des Jahres in Maastricht: Nach dem Umbau einer gotischen Kirche zum »Kruisherenhotel« kann man in den Seitenkapellen auf orangefarbenen Polstern ganz exklusiv die Zeit verstreichen lassen.
Es begann Ende der achtziger Jahre mit ein paar reduziert eingerichteten Luxushotels. Das »Hempel« in London zum Beispiel faszinierte durch sein damals ungewöhnliches Konzept der Schlichtheit: Holz, Beton, Leinen, mehr nicht. Zehn Jahre später hätte es für die Lounge zu einem kleinen Kapitel in den Design-Enzyklopädien gereicht, und die Sache wäre gut gewesen. Doch es kam anders: Dankbar wurde das Konzept von den Beschäftigten der New Economy aufgegriffen, vereinnahmt und ausgebreitet. Mit dem Wort Lounge verband man nun Internationalität, Erfolg, Reichtum, Stilbewusstsein, Beweglichkeit und ständiges Unterwegssein. Die Lounge war der passende Aufenthaltsort zwischen Workout und Business-School. Ein Modem war nie weit und auf dem Coffeetable lag die neueste Ausgabe des Designmagazins Wallpaper. Der Loungestil verkam zu einem Baukastensystem: funktional, weich gepolstert, gedämpfte Farbpalette, reduziert – der kleinste gemeinsame Nenner des globalisierten Geschmacks. Latte-Macchiato-Architektur.
Nach und nach hat sich die Lounge auch in die Privatwohnungen eingeschlichen. Und dort wird sie vermutlich die nächsten Jahre über bleiben: als zeitgemäßes bürgerliches Wohnzimmer für eine gepflegte Unterhaltung nach einem guten Essen. Wenn es stimmt, dass man den Gemütszustand der Menschen an ihren Möbeln ablesen kann: Was sagt der Loungestil dann über seine Anhänger aus? Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist »Foyer«, und genau diese Atmosphäre des bloßen Durchgangs zeichnet auch die heutigen Privatlounges aus. Müde und gelangweilt sitzt man beisammen, ein wenig selbstgefällig zwar, aber ohne Mut, nur getrieben von der Sehnsucht, die Welt zu objektivieren. Ein Leben in der Warteschleife. Auf was wird hier eigentlich gewartet? Und wie lange noch?
Das Schicksal der Lounge war es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Hoffentlich wird sie sich irgendwann wieder dahin zurückziehen, wo sie einmal hergekommen ist: in die Unverbindlichkeit der Bahnhöfe, Flughäfen und großen Hotels.

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