Juli: »Ohne meinen Freund würde ich einsam werden oder seltsam«

Früher saß sie oft allein zu Hause und grübelte. Jetzt ist sie ausgezogen – aber mit den Menschen hat es Juli immer noch nicht so.


Zuhause Studentenwohnheim in Dresden
Ausbildung/Beruf Studium der Lebensmittelchemie
Liebe seit sieben Jahren Andreas
Einkommen ca. 500 Euro monatlich
Lieblingsessen Gemüseauflauf
Lieblingsstar gibt es nicht
Größter Wunsch Skandinavien entdecken
Nächster Urlaub hoffentlich bald

Juli hat sich nicht verändert. Sie hält noch immer Ratten als Haustiere, sie interessiert sich noch immer für Naturwissenschaft, sie fragt sich noch immer, ob es uncool ist, nicht auszugehen, und wenn ja, ob es sie dann stört, uncool zu sein. Sie hat noch immer den Freund, den sie mit 13 schon hatte. Sie ist nur nicht mehr 13.

Die Ratten leben bei ihren Eltern in Hoyerswerda, wo sie aufgewachsen ist, in einer Vorstadtsiedlung. Es sind sieben Stück, alles Weibchen, sonst würden sie sich nicht vertragen. Wenn ihr Vater von der Arbeit kommt, soll er sie eigentlich für eine Stunde aus dem Käfig lassen, aber das macht er selten. Er arbeitet in einem Gefängnis und mag das Durcheinander nicht. Aber er hat ihr einen Kalender gebastelt mit den Fotos ihrer Ratten, der hängt bei ihr im Studentenwohnheim.

Juli studiert Lebensmittelchemie in Dresden, das lag beides nah. Von Dresden aus kann sie mit der Verbundkarte der Verkehrsbetriebe am Wochenende nach Hause fahren, und Lebensmittelchemie fand sie besser als Chemie oder Mathematik, weil es praktischer ist und man trotzdem nicht so viel mit Menschen zu tun hat. Sie kann nicht sagen, was das ist mit ihr und den Menschen, es hat sie schon beschäftigt, als sie 13 war. Ihre Freundinnen mochten an ihr, dass sie gut zuhören konnte und sich auch später noch genau erinnerte. Aber sie interessierten sich fürs Rauchen, für Jungs und fürs Ausgehen, und für all das interessierte sich Juli schon damals nicht.

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Sie sitzt in ihrem Zimmer zwischen der Orchidee, die ihr ein Lidl-Verkäufer vor Ladenschluss schenkte, und einem Kästchen blinkender Dioden, das auf ihrem Schreibtisch steht. Ihre Haare sind so glatt und hell wie damals, als sie sie noch voll und lockig wollte und nicht so, wie ihre Mutter sie ihr frisierte. Die Brille, die sie seit Kurzem trägt, sitzt viereckig im sanften Gesicht. Wirkte sie als Kind wie eine dieser Stillen, die wissen, dass ihre Zeit noch kommen wird, wirkt sie nun wie jemand, der sich bemüht, übersehen zu werden, wenn der Moment dafür da ist.

Ihr Studium gibt ihr die Möglichkeit, von morgens bis abends an der Universität zu sein. Der Stoff liegt ihr, sie kann die Moleküle, deren Zusammensetzung und Veränderung sie untersucht, räumlich vor sich sehen. Zeit, nebenher zu arbeiten oder zu verreisen, hat sie nicht. Sie erzählt von einem Mitstudenten, der in den letzten Ferien einfach vier Wochen länger in Peru geblieben ist, weil er sich dort verliebt hatte. Beides erscheint ihr für sie selbst ausgeschlossen.

Gegen Mittag klopft ein Junge an der Tür, begrüßt sie kurz und geht dann in sein Zimmer. Das ist ihr Freund, er heißt Andreas und hat ihr das Kästchen mit den Dioden gebaut, das eigentlich eine Uhr ist. Sie kennen einander seit der Schule. Er war der Junge, mit dem sie sich über Neutronensterne unterhalten konnte. Jetzt studiert er Elektrotechnik und wohnt mit ihr im Studentenwohnheim. »Ohne ihn«, sagt sie, »würde ich vielleicht einsam werden oder seltsam.«

Sie waren lange einfach befreundet, bis es sich auf einer Klassenfahrt ergab, dass sie zusammenkamen. Sie mag es, dass er für sie da ist, wenn sie jemanden braucht, dass er bei der Krankenkasse anruft, wenn sie sich nicht traut, dass sie noch immer über Dinge reden können, für die sich andere nicht zu interessieren scheinen. Als sie frisch verliebt waren, haben sie drei Monate im Gartenhaus seiner Eltern gewohnt, das war ihre schönste Zeit. Vielleicht ziehen sie nach dem Diplom zusammen. »Von meiner Seite aus«, sagt sie, »steht dem zumindest nichts entgegen.«

Wenn sie so spricht, klingt das nicht abgeklärt, nur unbeholfen. Es ist, als suche sie als Antwort auf die Unsicherheit der Welt bis ins Formulieren hinein die sichere Lösung. Sie erzählt davon, dass in der Siedlung ihrer Eltern einige Paare durch Scheidung oder Arbeitslosigkeit ihr Haus verloren haben. Dass ihr Vater, wegen etwas, was bei seiner Arbeit im Gefängnis passiert sein muss, ein Jahr mit Depressionen zu Hause lag. Dass ihre Mutter, die als Vertreterin viel unterwegs ist, mit ihrem Chef gerade Ärger wegen der Nutzung des Dienstwagens hat.

Sie steht in der Küche des Studentenwohnheims und kocht für Andreas und sich Nudeln, die sie mit der Waage abwiegt. Sein Treffen mit den Laser-Freaks, Bastlern in Regensburg, denen er seinen selbst gebauten Laser vorstellte, war ihre bisher einzige Reise. Sie wollte noch mit ihm durch die Altstadt, aber das hat sich nicht ergeben. Ansonsten unternehmen sie kaum etwas »extern«, wie sie sagt, wenn sie meint, dass sie etwas anderes machen als lesen, Spieleabend oder Fernsehserien schauen.

Julis Leben hat erst angefangen und wirkt schon so, als würde es einfach nur weitergehen. Womöglich ändert sich daran etwas, wenn sie nach der Uni nach Schweden zieht. Sie hat gehört, dass die Frauen dort gleichberechtigt sind, arbeiten können und trotzdem Kinder haben. Das gefiel ihr. Sie war noch nie da, sie spricht die Sprache nicht, und wahrscheinlich findet sie nach dem Studium in Deutschland sofort eine Stelle, und trotzdem – Schweden, ja, vielleicht nach Schweden.

Fotos: Konrad R. Müller