Rolle rückwärts

Geschwister bleiben immer an ihrem Platz, dachte unsere ­Autorin – eine Erstgeborene. Doch dann lernte sie ihre kleine Schwester neu kennen.

Süß, aber sonst? Emilia Smechowski und ihre kleine Schwester 1995.

Foto: privat

Ich habe zwei kleine Schwestern. Mit der einen, drei Jahre jünger, bin ich aufgewachsen. Wir haben gemeinsam unsere Puppen schlafen gelegt und voller Neid auf den Teller der anderen gestarrt. Auf langen Auto­fahrten spielten wir, wer zuerst ein rotes Auto sieht. Wir hatten die besten Lachanfälle, wir waren uns sehr nah, Schwestern eben. Davon zeugt auch die kleine Narbe auf meiner linken Wange. Das war ihr Fingernagel.

Meine zweite Schwester war eine Nachzüglerin. Sie wurde elf Jahre nach mir geboren, kurz bevor ich in die Pubertät kam. Von ihrem jungen Leben bekam ich kaum etwas mit. Ich war zu sehr mit Rebellion beschäftigt, mit 16 zog ich von zu Hause aus. Dass ich damit nicht nur meine Eltern, sondern auch meine zwei kleinen Schwestern verließ, daran dachte ich gar nicht. Ich liebte sie, aber sie waren eben klein und Schwestern. Ein bisschen zu öde auf meinem eh viel zu langen Weg ins Erwachsenenleben.

Ich war eben die typische Große. Etwas arrogant, sehr mit mir selbst beschäftigt. Die, die Freiheiten erkämpfte, aus der Ferne ein Vorbild war und immer einen Vorsprung hatte. »Ich find dich wirklich toll«, wie oft habe ich meine kleinste Schwester diesen Satz sagen hören – sie stand im Schatten, ich war das Licht. Nun bin ich 35. Und muss feststellen: Meine »kleinste« Schwester hat mehr als aufgeholt. Mit ihren 24 Jahren hat sie bereits ihre Doktorarbeit in Medizin geschrieben, bei ihrem Versuch, mir ihr Thema zu erklären, bekam ich Kopfschmerzen. Sie zahlt ihr erstes eigenes Auto ab, kocht sonntags für die Woche vor und manövriert sich auch sonst erstaunlich souverän durch ihr Leben. So souverän, dass ich mich frage: Haben wir die Rollen getauscht? Bin ich jetzt die, die neugierig auf ihr Leben schaut? Die bewundert und sich unsicher fühlt, weil sie nicht weiß, was das für ein fremdes Leben ist, das die Schwester da führt?

Die kleine Schwester wird immer die ­Kleine bleiben – oder?

Ich bin nicht mehr der Star, sondern ein Gast geworden in ihrem Leben – auch buchstäblich. Ich habe sie gerade in Krakau besucht, wo sie ein Semester lang studiert. Wir wollten ausgehen, mit ihren Freundinnen. Plötzlich war ich diejenige, die unsicher ist, was sie anziehen soll. Ich versuchte zu trödeln und war doch als Erste da. Und als ihre Freundinnen eintrafen, streckte ich viel zu hektisch meinen Arm nach vorne und stellte mich vor mit: »Ich bin die Schwester.«

Wir gingen dann doch nicht aus. Die Mädels waren am Tag davor schon aus gewesen. Wie enttäuscht ich war, hat niemand gemerkt. Vor Kurzem noch, als wir uns getroffen hatten – ich etwas weniger erwachsen, sie etwas mehr Kind –, hatte meine kleine Schwester alles aufgeboten. Die tollsten Clubs, die lustigsten Freundinnen, ihren Stolz im Blick werde ich nie vergessen. Diesmal, nun ja: durfte ich dabei sein.

Ich erinnere mich gut, wie es vor einem Jahrzehnt meine Schwester war, die mich schüchtern staunend in meinem Erwachsenenleben besuchte. Ich war Mitte zwanzig und gerade in eine WG in Berlin-Neukölln gezogen. Jeden Abend saßen wir in der Küche, ständig kamen spontan Leute vorbei. Manchmal auch meine kleine Schwester. Mir fiel nicht auf, dass sie den ganzen Abend über ihrer Schorle hing und nichts sagte. Meine Freunde und ich hatten ja Wichtiges zu besprechen, die letzte Party etwa und die Frage, wer das kotzgrüne Graffito auf unserer Wand hinterlassen hatte. Wir wussten noch nicht, wer wir eigentlich waren, aber, mein Gott, fanden wir uns unwiderstehlich dabei. Meine Schwester bemerkte nach jedem Besuch ganz schüchtern, dass der Malte doch ganz süß sei. Ob ich mit dem nicht zusammenkommen wolle?

Nun hat sie ihre eigenen Liebesgeschichten, ihre Sicht auf die Welt, ihre Drinks.

Was habe ich alles nicht mitgekriegt? Meine Schwester wusste immer mehr über mich als ich über sie. In meiner Vorstellung lebte sie kein eigenes Leben, sie erlebte einfach alles ein paar Jahre später als ich. Mit neun, mit 13, mit zwanzig – been there, done that. Sogar die Lehrer am Gymnasium, die elf Jahre zuvor mich unterrichtet hatten, glaubten meine kleine Schwester bereits zu kennen, die nun vor ihnen saß. Ja, wir haben die gleichen straßenköterblonden Haare, das gleiche laute Lachen, ein ähnlich breites Gesicht. Erst jetzt aber fällt mir auf, wie unterschiedlich wir erwachsen wurden. Während ich nach dem Abitur noch zehn Jahre brauchte, um dies und das zu lernen, fackelt sie nicht lange. Neulich fragte sie einen Chef der Anästhesie, ob er sie nicht einstellen wolle – in zwei Jahren, dann sei sie mit dem Studium fertig.

Ich glaube, meine Schwester hat das immer ein bisschen gespürt: Sie wird für mich nur so weit erwachsen, wie ich es zulasse. Dabei ist sie diejenige, auf die man sich verlassen kann, sie kümmert sich um unsere Eltern, sie will Sicherheit. Mich muss man oft mehrmals anrufen, bis ich ans Telefon gehe. Meinen Führerschein, für viele der Inbegriff der Reifeprüfung, habe ich erst in diesem Jahr bestanden – im dritten Anlauf. Laut Geschwisterforschung sind Erstgeborene eher gewissenhaft und konformistisch, Spätgeborene eher abenteuerlustig und aufgeschlossen für Neues. Nun, bei uns irrt die Forschung. Wahrscheinlich überholt meine Schwester mich noch und kümmert sich bald um ihre Rente.

Vielleicht hat sie deshalb das Tempo derart angezogen, vielleicht habe ich mir deshalb intuitiv mehr Zeit gelassen: damit sich unsere Leben etwas annähern. Wenn wir uns in den vergangenen Jahren stritten, dann warf sie mir vor, ich nähme sie nicht ernst, nicht so richtig jedenfalls, und immer wisse ich alles besser: »Du schaust ein bisschen auf mich herab!« Sie hatte recht. Aber vielleicht bin ich jetzt so weit.

Bei ihr zu Besuch in Krakau, auf ihrem Sofa. Ich überlege, die jüngere Frau neben mir zu fragen, welches Rouge sie benutzt. Lasse es bleiben. Stattdessen höre ich meiner Schwester und ihren Freundinnen zu. Sie sprechen über den Rechtsruck in Europa, ihre Lieblingsprofessoren und einen Drink, der sich »Skinny Bitch« nennt. Und als sie dabei sind zu bereden, wer gerade mit wem und dass doch neulich die eine mit der anderen …, da höre ich mich plötzlich aus der Tiefe des Sofas fragen: »Wie, auch ihr Mädels untereinander?« Sie schauen sich an, dann rufen sie »Hashtag Erasmus!«, und prosten sich zu. Dieses überlegene Lächeln. Das kenne ich doch. Hatte ich das nicht erfunden?

Vielleicht ist das dieses Erwachsen­werden: den Kokon der Arroganz, den man sich in den Zwanzigern angelegt hat, weil man glaubte, Bescheidwissen gehöre zum Erwachsensein, in den Dreißigern wieder abzulegen.

Sie fühle sich nicht richtig ernst genommen, sagte die kleine Schwester manchmal zur großen. Aber vielleicht ändert sich das jetzt.

Ich bin froh, dass ich nicht mehr alles besser weiß. Widersprüche kann ich mittlerweile gut ab, ich suche sie sogar. Auf Menschen, die mehr Antworten als Fragen in sich haben, schaue ich ein wenig herab. Ein bisschen Arroganz ist also geblieben, so ein Mäntelchen vielleicht. Und natürlich finde ich es einfach wahnsinnig niedlich, dass meine kleine Schwester mir Wodka mit Johannisbeersirup reicht. Sie trinkt flüssige Gummibärchen, denke ich. Nur mein Lächeln darüber, das geht mittlerweile nach innen.

Kann die eine die andere je überholen? Es tat doch gut, eine große Schwester zu sein, diese kleine Schwester zu haben. Die Bewunderung, die Aufmerksamkeit, die ich mir von den Eltern wünschte, kamen von ihr viel unmittelbarer. Und ich ging gern mutig voran, meistens. Für wen hätte ich sonst zur Abschreckung all die Fehler in der Liebe machen sollen? Aber ich wusste, dass es jemanden gab, der dabei zusah, wie ich die Dinge regelte. Ich lernte, setzte mich aber nie in die erste Reihe, schwieg, wenn die Tante zu neugierig wurde, hob die Hand, wenn ich etwas wirklich wollte. Ganz kurz nur habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wirklich »die Kleine« zu sein. Ich könnte es nicht ertragen, wenn sich jemand darüber lustig macht, dass ich auch mit Mitte dreißig noch am liebsten asiatische Instantsuppen esse und zur Entspannung Sex and the City gucke.

Vielleicht kommt es nicht darauf an, die Rollen gleich zu tauschen. Vielleicht reicht es schon, sie mal für einen Moment abzu­legen. In der Familie stecken wir oft fest in unseren Rollen. Auf jeder Familienfeier wird das gleiche Schauspiel aufgeführt. Ich bin bis heute der bunte Vogel, der aus Prinzip alles anders macht – oder spiele ich ihn mittlerweile nur? Wie befreiend ist es doch, was meine Schwester und ich nun ausprobieren. Wir werden durchlässiger, lösen uns ein bisschen von denen, die wir waren.

Ich lebe übrigens auch gerade im Ausland. Die Abmachung war, dass meine Schwester und ich uns gegenseitig besuchen. Das Wochenende, an dem sie kommen soll, habe ich schon durchgeplant, ich will ihr meinen Wochenmarkt zeigen, den schönsten Strand, die coole Bar. Dann ruft meine Schwester an. Es tue ihr leid, zu viele Verabredungen, sie wisse einfach nicht, wie sie diesen Trip auch noch unterbringen solle, sie müsse leider absagen, ein nächstes Mal, ja? Ich bin ganz froh, dass wir nur am Telefon sprechen. Sonst würde sie mir wahrscheinlich noch großschwesterlich über den Kopf streichen.