Ohne meine Mutter

Als Jugendliche war unsere Autorin ihre engste Vertraute - dann brach die Mutter den Kontakt ab. Die Geschichte einer jahrelangen Suche.

Die Autorin Franziska Geiger.

Sie keift: Wie wir uns mit dieser Frau an einen Tisch setzen können?! »Familie ist für mich jetzt gestorben!« Dann höre ich Tuten im Telefon. Aufgelegt.

Ihr Zetern ist nicht ungewöhnlich, bei ihr hört sich vieles schnell dramatisch an. Es ist Ostermontag, ich bin Anfang zwanzig, stehe in der Wohnküche meiner WG und spüle Geschirr. In ein paar Tagen ist die Aufregung verflogen, denke ich. Ich täusche mich. Es sind für lange Zeit die letzten Sätze, die meine Mutter mit mir spricht.

Neun Jahre lang dieselbe Frage: Warum hat meine Mutter zu mir und meinem jüngeren Bruder den Kontakt abgebrochen? Verwandte fragten mich, Freunde, die Eltern von Freunden. Die meisten Menschen glauben, es gibt für alles eine Erklärung. Es nicht zu erklären ist nicht erlaubt. Sie bohren dann, werden mitleidig oder suchen selbst nach Antworten.

Also erzähle ich immer von jenem Ostersonntag, dem Tag, bevor meine Mutter aus meinem Leben verschwand. Wir gingen brunchen – mein Vater, mein Bruder und meine Oma, die Mutter meines Vaters. Papa brachte seine neue Freundin mit. Oma, sagten wir immer wieder, erzähl Mama nichts von dem Essen! Vor allem nicht von Papas neuer Partnerin. Aber Oma war nicht geschickt in diesen Dingen. Meine Mutter schon. Und so fand sie es bereits am Ostermontag heraus.

Damals sind meine Eltern ein halbes Jahr getrennt. Mein Vater lebt in einer hübschen Dreizimmerwohnung im Münchner Osten. Jeden Morgen steigt er in seinen BMW, fährt in dasselbe Büro zu denselben Kollegen, macht dieselbe Arbeit wie all die Jahre zuvor. Abends besucht er seine neue Freundin. Mein Bruder zieht in die Nähe von Mannheim und macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Ich lebe in einer WG in München-Neuhausen und studiere an der Filmhochschule.

Meine Mutter zog nach der Trennung in ihre neue Wohnung im Norden der Stadt, ein Zimmer. Hochparterre, damit die Katze raus kann. Mit Freunden hatte ich ihr beim Umzug geholfen.

Als ich sie Wochen danach besuchte, hatte sie erst drei Kartons ausgepackt. In der Küche stand nichts als ein Wasserkocher auf dem Fliesenboden, aus den Wänden ragten die Wasseranschlüsse. Wochenlang wacht meine Mutter morgens zwischen ihren Umzugskisten auf und weiß nicht, womit den Tag rumbringen. Dann kommt das Osterwochenende, unser Essen mit Papas Freundin, der Anruf meiner Mutter.

Immer erwähne ich diesen Anruf, wenn mich jemand nach ihr fragt. Dabei glaube ich nicht daran, dass das der Grund sein kann. Es war doch nur ein Essen!

Als sich meine Mutter eine Woche nach Ostern immer noch nicht gemeldet hat, rufe ich sie an. Sie geht nicht ran. Ich probiere es wieder und wieder, bin genervt. Dann eben nicht. Irgendwann rufe ich sie von einer fremden Festnetznummer aus an. Prompt hebt sie ab. Beim ersten Mal macht sie sich noch die Mühe einer Ausrede. Sie habe Gäste und könne jetzt nicht sprechen. Die zwei, drei Male danach hängt sie einfach ein, sobald sie meine Stimme hört. Zwei Wochen später ist ihre Nummer tot.

Ich glaube immer noch nicht, dass das länger so gehen wird. Gleichzeitig bin ich erleichtert. Ich beschließe, mir endlich mal keine Gedanken um sie zu machen. Mich nicht zu fragen, wie es ihr geht, ob sie zurechtkommt.

Seit ich zehn, elf Jahre alt war, sah meine Mutter in mir ihre engste Vertraute. Bekannten oder den Nachbarn sollte ich nichts erzählen von den Ehekrisen meiner Eltern. Mir erzählte meine Mutter alles. Am schlimmsten waren die Winter. Ich erinnere mich an zwei Weihnachten, an denen mein Vater an Heiligabend ging und nicht mehr wiederkam. Er ging, noch bevor wir die Geschenke ausgepackt hatten. Ich hatte eine solche Wut im Bauch. Er ließ uns einfach allein mit ihr. Sie weinte. Als ich versuchte, sie zu trösten, weinte sie noch mehr.

Erst Jahre später, als ich schon ausgezogen war, begriff ich, wie sehr meine Mutter meine Wut auf meinen Vater immer wieder angefacht hat. Vielleicht wollte sie das nicht. Vielleicht wollte sie einfach ihren Schmerz teilen und wusste nicht, mit wem sonst.

Einmal, ich war elf und Papa mal wieder ausgezogen, fuhren wir in ihrem silbernen VW Polo zu seiner Wohnung. Ich erinnere mich nicht, woher ich es wusste, ob sie es mir gesagt hatte oder nicht. Ich wusste jedenfalls, was ich zu tun hatte: Sie wollte, dass ich ihn mit der anderen Frau erwische.

Wir parkten nicht vor dem Haus, sondern in einer Seitenstraße. Es dämmerte schon. Die Tür zum Haus stand meistens offen, mein Vater wohnte unter dem Dach. Ich klingelte oben an seiner Wohnungstür. Ich klingelte noch mal, dann machte er auf. Er wollte mich nicht reinlassen, ich versuchte durch die Tür zu kommen. Wir verhakten uns ineinander: Papa, ich und meine ganze Wut. Ich biss ihn in den Unterarm. Schließlich packte er mich, trug mich runter auf die Straße und fuhr mich nach Hause. An den Rest der Nacht erinnere ich mich nicht.

Dann kam der Sommer. Und mit dem Sommer zog mein Vater zurück zu uns ins Reihenhaus. Für eine Zeit war unsere Familie wieder so, wie ich mir damals eine normale Familie vorstellte.

Nachdem meine Mutter ihre Telefonnummer gewechselt hat, schreiben mein Bruder und ich ihr Mails. Ihre Mail-Adresse scheint sie noch zu haben, denn nie kommt eine Fehlermeldung zurück. Aber es kommt auch keine Antwort. Im Winter schicke ich ihr einen Brief; nicht zu Weihnachten, sondern erst im neuen Jahr, kurz vor meinem Geburtstag. Ich schreibe ihr, wie es mir geht, wie es meinem Freund und seinem Sohn geht, meinem Ziehkind. Was die Uni und die Filme machen. Dass ich gern für ein Jahr nach Spanien gehen möchte, und ob wir nicht mal telefonieren wollen. Der Brief kommt ungeöffnet zurück.

Ostern im Jahr darauf verbringe ich mit einer Freundin und ihren Eltern in Berlin. Annas Mutter schenkt mir ein Buch von Judith Hermann, Sommerhaus, später. Ich versuche das Gefühl wegzuschlucken, aber die erste Träne rinnt mir schon über die Wange. Nicht wegen des Buches weine ich. Ich weine wegen all der Bücher, die meine Mutter mir nicht mehr schenkt. Sie liebte es, uns zu beschenken. Kein Buch ohne Widmung. Kein Geschenk ohne schönes Papier und passende Schleife.

Am meisten aber vermisse ich die Momente mit ihr, wenn sie gut drauf war. Meine Mutter konnte sehr lustig sein. Einmal, ich war vielleicht zwölf, besuchten wir Omi, Mamas Mutter, zu dritt auf Mallorca. Mein Vater war in München geblieben. Wir langweilten uns auf der Insel und machten uns abends über meine Großmutter und ihre durchgeknallten Freundinnen lustig. Aufgedreht spielten meine Mutter und ich nach, wie Omi und die maßlos überschminkte Inge sich mit Bussi-Bussi begrüßten und immerzu Prosecco tranken.

In der kleinen Ferienwohnung, in der wir übernachteten, war es abends kalt. Meine Mutter drehte den Herd an und ließ bis zum Schlafengehen drei große Töpfe mit Wasser vor sich hin kochen, damit es wärmer wurde. Sie wusste sich fast immer zu helfen.

In der sechsten Klasse steckte ich im Drogeriemarkt ein paar Haarklammern ein, meine Freundin Wimperntusche.

Zwei Polizisten brachten uns im Streifenwagen auf die Wache. Weil ich meine Eltern nicht erreichen konnte, nahm Marions Mutter mich mit. Kein Wort sprach sie mit uns. Das erledigte dann der Stiefvater, als wir ankamen. Er tobte. Als meine Mutter schließlich eintraf, konnte ich vor Scham und Tränen kaum sagen, was passiert war. Aber meine Mutter brauchte keine Erklärung. Lächelnd nahm sie mich in den Arm und fing den zornigen Stiefvater mit ruhigen Worten wieder ein.

Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, kannten sie und mein Vater sich noch kein Jahr. Sie war 24, mein Vater studierte. Nicht die richtigen Voraussetzungen für ein Kind, fanden seine Eltern. Sie redeten so lange auf meine jungen Eltern ein, bis die es auch glaubten.

Meine Mutter ging also in die Klinik. Allein, denn um die Erlaubnis für die Abtreibung zu bekommen, hatte sie bei der zuständigen Stelle erzählt, die Beziehung zum Kindsvater wäre zerrüttet. Mein Vater wartete im Auto auf dem Krankenhaus-parkplatz. Als sie die Steintreppe zum Klinikeingang hochstieg, entschied sich meine Mutter anders – und lief zurück zum Parkplatz. »Ich kann es nicht«, sagte sie zu meinem Vater. Sie weinte, er nahm sie in den Arm. Dann saßen sie eine Weile auf einer Parkbank am Isarhochufer und malten sich die Zukunft aus. So erzählte sie es mir im Mallorca-Urlaub.

Zunächst war ich stolz, dass sie mir das anvertraut hatte, mir, ihrer Tochter, gerade mal zwölf Jahre alt. Aber von da an steckte mir die Geschichte im Kopf. Bei jeder Trennung meiner Eltern fragte ich mich, wie das Leben meiner Mutter sein könnte, wäre ich nicht da. Bei meinem Vater fragte ich mich das nie.

Zehn Jahre später frage ich mich: Wie lebt meine Mutter? Arbeitet sie? Ist sie allein? Vermisst sie uns? Was antwortet sie, wenn jemand fragt, ob sie Kinder hat?

Niemals, sagt mein Vater, wenn ich mit ihm über sie spreche – wir unterhalten uns nicht oft über sie, es strengt uns zu sehr an –, niemals hätte er sich vorstellen können, dass meine Mutter mit meinem Bruder und mir bricht. »Als deine Mutter mit dir schwanger war«, erzählt er, »haben wir überlegt, wie wir uns nach deiner Geburt organisieren würden. Ab wann sie wieder arbeiten könnte, ob sie in der Kanzlei weitermacht oder etwas ganz anderes probiert.« Dann kam ich auf die Welt, und meine Mutter brauchte keinen Plan mehr. Sie hatte ihn gefunden: Babyschwimmen, Krabbelgruppe, Mütterkreis. Sie wurde zum zweiten Mal schwanger, diesmal mit Absicht. Ich ging in den Kindergarten, sie mit meinem Bruder wieder in die Krabbelgruppe.

Als ich in die Grundschule kam, spazierte ich morgens allein die zwanzig Minuten zur Schule. Es war meiner Mutter wichtig, dass ihre Kinder lernen, furchtlos und selbstständig durchs Leben zu gehen. Ein Jahr lang lief sie mir als unsichtbare Begleiterin in sicherem Abstand bis ans Schultor hinterher. »Ihr wart ihr Leben«, sagt mein Vater.

Lass mich, denke ich. Bitte lass mich.

Die Ähnlichkeit der Autorin (links) mit ihrer Mutter ist nicht zu übersehen. (Foto: privat)

Warum fährst du nicht einfach zu ihr und klingelst?, fragen mich Freunde. Mein Bruder probiert es tatsächlich einmal, nach gut zwei Jahren Funkstille. Er war in München, um bei BMW sein Auto abzuholen. Ein 3er-Coupé in Weiß, sein erster Firmenwagen. Ich musste lachen, weil ich nicht mit Kaffeebecher einsteigen durfte. Zu meiner Mutter fuhr er allein. Er wollte sie gern wiedersehen, aber ebenso sehr wollte er ihr sein neues Auto zeigen.

Ihre Balkontür steht offen, er ist sich sicher, dass sie zu Hause ist. Er klingelt, aber sie macht nicht auf. Auch nicht, als er klopft und durch die Wohnungstür nach drinnen ruft. Mama!, ruft er – ein Mann mit breiten Schultern, fast zwei Meter groß. Mama! Nach einer Viertelstunde steigt er wieder in seinen BMW und fährt davon.

Nicht ein Mal läuft sie mir in all den Jahren in der Stadt über den Weg. Ich frage mich, ob ich sie noch erkennen würde.

Von Omi erfahren wir, dass sie noch in München lebt, aber in eine andere Wohnung gezogen ist. Ansonsten weiß selbst meine Großmutter nicht viel aus dem Leben ihrer Tochter. Auch sie hat ihre Nummer nicht. »Wenn sie anruft«, sagt Omi, »redet sie immer nur vom Kater.« Immerhin ruft sie dich an, denke ich. Omis größte Angst ist, dass sie tot umfallen und niemand ihre Tochter informieren könnte.

Was, wenn meiner Mutter etwas passiert?, frage ich mich. Was, wenn mir etwas passiert und uns die Chance, miteinander zu sprechen, genommen wird? Ich denke daran, ihr meine eigene Todesanzeige zu schicken, und habe schon vor Augen, wie ich sie gestalten würde. Lieber will ich meine Mutter verletzen als sie gar nicht zu erreichen.

Irgendwann kommt eine Rechnung aus einem Fliesenladen. Ich habe keine Terrakottafliesen bestellt und rufe in dem Geschäft an. Als niemand abhebt, wähle ich die zweite Nummer auf der Rechnung, eine Handynummer. Eine Mailbox geht ran. Meine Mutter meldet sich – mit neuem Vornamen. Ich erschrecke so sehr, dass ich auflege. Dann rufe ich ein zweites Mal an, höre die Ansage zu Ende, hinterlasse aber keine Nachricht.

Aufgekratzt sitze ich an meinem Schreibtisch. Meine Festnetznummer aus dem Büro kann sie nicht kennen, denke ich, also wird sie bestimmt zurückrufen. Ich fühle mich wie ein Teenager, der neben dem Telefon sitzt und wartet, dass der Schwarm sich meldet. Ich warte vergebens. Nach zwei Stunden verliere ich die Geduld. Ich hinterlasse ihr eine kurze Nachricht, dass die Post mir eine Rechnung zugestellt hat, die möglicherweise an sie gehen sollte. Keine Reaktion.

Zwei Tage später – immer noch kein Anruf – tüte ich die Rechnung ein, um sie zurück an den Fliesenladen zu schicken. Ein letzter Versuch, denke ich, und wähle noch mal ihre Nummer. Sie hebt ab.
»Hallo, Mama«, sage ich.
»Hallo, Franziska«, sagt sie.
Pause.

Beide sind wir überfordert. Ich laufe rüber in den Schneideraum und ziehe die Tür zu. Ich stehe im Dunkeln und weiß nicht, was ich sagen soll.

»Du kannst dir ja keine Vor!!stellung machen!!, was ich hinter mir habe!!« Ihre Stimme klingt hoch und gepresst. Beinahe jeden Satz fängt sie mit meinem Namen an. Er klingt hart, wie sie ihn sagt. Sie spricht vor allem von ihm: »Dein Vater … dein Vater … dein Vater … !« Nach zehn Minuten legen wir auf.

Ich bleibe im Dunkeln stehen, es rauscht in meinem Kopf. Ich will nicht, dass sie in mein Leben zurückkommt. Ich will nicht wissen, wie es ihr geht. Ich will nicht wissen, wie einsam sie vielleicht ist. Lass mich, denke ich. Bitte lass mich.

Als ich die Tür des Schneideraums öffne, lässt das Rauschen nach. Ich bitte einen Freund, mit mir um den Block zu gehen. Er kauft uns Käsekuchen, danach arbeite ich weiter. Das habe ich all die Jahre gemacht: weiter.

Dann stirbt der Kater meiner Mutter. An einem Dienstag-morgen liegt das Tier röchelnd auf dem Wohnzimmerteppich. Es rinnt ihm aus allen Körperöffnungen, so erzählt es meine Mutter später. Sie ruft die Tierrettung, aber die Tierärztin kann nicht mehr viel machen, der Kater ist alt. Er liegt bei meiner Mutter im Arm, als die Ärztin ihm die Spritze gibt. Als das Tier längst den letzten Atemzug getan hat, sitzt die Tierärztin noch bei meiner Mutter im Wohnzimmer und tröstet sie. Der Kater war das letzte Überbleibsel aus dem alten Leben meiner Mutter. Aus unserem Leben.

Ein paar Stunden später ruft sie an. Ich stehe in einem Bürogebäude, blicke aus dem Fenster. Vier Stockwerke tiefer stehen Menschen zusammen in der Sonne und trinken Kaffee. Meine Mutter sitzt allein vor ihrer toten Katze. Sie schluchzt so laut, dass ich sie kaum verstehe. Ich soll meinem Bruder Bescheid geben, dass die Katze tot ist. Sie kann sich nicht vorstellen, dass das Tier für uns ziemlich nebensächlich ist.

Nach diesem Anruf meldet sie sich ab und zu. Sie will wissen, was ich mache, wie ich lebe. Dann höre ich wieder lange nichts. Schließlich ruft sie an und fragt, ob wir uns treffen sollen.

Neun Jahre nach dem Osterbrunch sitze ich an einem Sonntag an der Bar eines kleinen Cafés und warte auf meine Mutter. Sie verspätet sich, ich bin nervös. Sofort ist mir alles an ihr vertraut. Ihre Gesichtszüge, wie sie sich bewegt. Sogar was sie anhat, hat sich kaum verändert. Ein bisschen rund ist sie geworden und kaschiert es mit einem weiten Pullover. Die Haare trägt sie kurz, sie sind fast weiß. Wir umarmen uns. Sie lacht, ich auch. Ihre Lesebrille erinnert mich an die Modelle, wie sie bei »dm« in den Brillenständern vor der Kasse stecken. Sie setzt sie ab, wischt sich die Augen. Heuschnupfen, sagt sie. Sie sieht nicht so alt aus, wie ich mir sie vorgestellt hatte. Wahrscheinlich habe ich mich in den neun Jahren stärker verändert.

Wir sprechen über das Café, die Speisekarte; dass ich mit dem Fahrrad da bin. Sie fragt nach meinem Bruder, wir reden über Omi. Die Fragen, die mich all die Jahre beschäftigt haben, stelle ich nicht.

Ein paar Wochen später treffen wir uns wieder, danach ein drittes Mal. Komm doch bei mir vorbei, schlage ich vor. Aber meine Mutter lehnt ab: »Dann hätte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich dich noch nicht zu mir eingeladen habe. Aber dafür brauche ich noch.« Also verabreden wir uns wieder in einem Restaurant.

Sie schleppt eine dicke schwarze Tasche an. Sie komme gerade aus dem Büro, sagt sie. Ich frage, was sie arbeitet. »Ich telefoniere, Kundenberatung.« Mehr verrät sie nicht. Dann sagt sie: »Ich konnte ja nichts. Nur mit Menschen reden, das konnte ich.«

Als meine Mutter vor meiner Geburt in einer Anwaltskanzlei arbeitete, funktionierten Computer noch mit Lochstreifen. Dann war sie 22 Jahre lang Hausfrau und Mutter. Einmal, kurz vor der Trennung, wollte sie sich auf eine Stelle in einem Büro bewerben. »Die nehmen dich eh nicht«, sagte mein Vater.

Wir bestellen Essen. Dann sagt sie: »Nach nur zehn Monaten haben sie mir meinen ersten Job wieder gekündigt. Betriebsbedingt.« Ab morgen brauchen wir Sie nicht mehr, hätten sie ihr gesagt, mehr nicht.

In den Wochen danach stand meine Mutter mehrmals an der S-Bahn und dachte: Ein Schritt nur, und es würde nicht mehr wehtun. Eine Freundin sagte ihr: »Wenn du das machst – das bringt dir gar nichts. Dann musst du im nächsten Leben noch mal durch. Von vorn.« Meine Mutter lacht, als sie das erzählt. Sie glaubt nicht an ein nächstes Leben. Aber die Vorstellung, es könnte doch so kommen, hat ihr solche Angst gemacht, dass sie sich vom Menschenstrom in die S-Bahn tragen ließ.

Regungslos sitze ich am Marmortisch. Ich schlucke, dann traue ich mich endlich: Ich frage sie, warum sie aus unserem Leben verschwand.

»Anders hätte ich es nicht geschafft«, sagt sie. »Aber warum so lange, warum neun Jahre?«, will ich wissen. »Neun Jahre waren das?«, fragt sie und klingt ehrlich erstaunt. An unsere Anrufe, Mails und meinen Brief erinnert sie sich kaum.

Selbst an das Osteressen muss ich sie erst erinnern. »Ich konnte nicht verstehen, dass dein Bruder und du da mitmacht. Wie in einer Fernsehserie kam mir das vor. Gleiches Spiel wie jedes Jahr, nur mit einer anderen Hauptdarstellerin. Ihr habt mich einfach ausgewechselt.«

Sie muss doch wissen, dass es nicht so war, denke ich. Warum hat sie das nicht gespürt?

Meine Mutter erinnert sich an Dinge, die ich vergessen oder nie erfahren habe: Die Mutter meines Vaters erzählte meiner Mutter unbedarft, dass doch die neue Freundin meinem Vater mal sagen müsse, wie sehr er schnarche und wie gefährlich das sei. Oder dass mein Vater meinem Bruder und mir im ersten Jahr nach der Trennung Schals von Burberry zu Weihnachten schenkte. Und was so ein Schal kostet. Jetzt fällt auch mir der Schal wieder ein. Er war hellrosa, ich hatte ihn selten an, ich mag kein Rosa.

Neun Jahre habe ich meinen Freunden vom Osteressen erzählt. Es war wenigstens irgendeine Antwort auf die Frage, warum. Meine Mutter beschreibt einen anderen Moment: den Tag, als mein Bruder sie zum ersten Mal in ihrer Einzimmerwohnung besuchte. Es würde sein einziger Besuch dort bleiben. Als er ging, sah sie ihm vom Balkon aus nach, wie er durch den kleinen Park hinterm Haus in Richtung Straße lief. Es war November und kalt, die Bäume kahl. In dem Moment, sagt meine Mutter, wusste sie, dass sie es nicht aushalten würde. Sie schämte sich. Sie schämte sich für ihre kleine Wohnung, für die zerbrochene Ehe, dafür, nicht zu wissen, wie es weitergehen sollte.

»Hast du uns nicht vermisst?«, frage ich. »Ich habe jeden Tag an euch gedacht«, sagt sie, »wie ein Kreisel habt ihr und euer Vater euch in meinen Gedanken weitergedreht.« Jahrelang hat sie zu viele Lebensmittel eingekauft. Sich beim Spazierengehen umgedreht. Sich nicht daran gewöhnen können, allein unterwegs zu sein.

Manches, was sie mir erzählt, erscheint mir absurd: Zu uns brach sie den Kontakt ab, fuhr aber immer wieder in unseren früheren Wohnort, um dort einzukaufen. Im Sommer, erzählt sie, roch es aus den Gärten nach Gegrilltem. Sie dachte an uns vier, in unserem Garten, beim Grillen. Dann verbot sie sich solche Ausflüge in die Vergangenheit.

»Die Kartons in meiner ersten Wohnung blieben gepackt, bis ich wieder ausgezogen bin«, sagt sie. Sieben Jahre waren das. Sieben Jahre hat meine Mutter sich geweigert anzukommen. »Meine erste Wohnung«, sagt sie, »war meine Schmutzschleuse.« Als Kind hatte meine Mutter dieses Wort von einer Bäuerin gelernt: der Raum, in dem der Bauer sich den Mist runterwäscht, ehe er sein Haus betritt. Meine Mutter lacht.

Als wir aufstehen, um zu gehen, hievt sie die schwarze Tüte über den Tisch. »Für dich. Ich glaube, es sind neun Kilo, schaffst du das?«

Zu Hause packe ich aus: eine Tüte mit Bergpfirsichen, zwei Gläser Honig, spanischer Schinken, Mandeln in Schokolade, drei Packungen Feigenbrot, Walnüsse, Pesto mit Steinpilzen, Pesto mit Basilikum, getrocknete Tomaten, Seife, ein Labello und zwei Geo-Hefte. Mein halber Küchentisch steht voll. Neun Kilo, denke ich. Für jedes Jahr eines.

Foto: Julian Baumann

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