Robbie Williams

Robbie Williams kehrt aus seiner unfreiwilligen, weil von Drogen erzwungenen Schaffenspause zurück. Doch bei seinen Fans ist die einst bedingungslose Hingabe der kritischen Erwartung gewichen.

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2008, da sieht man Robbie Williams mit einer grünen Kappe auf dem Kopf, als komme er gerade von der Biberjagd. Er hat einen Bart im Gesicht wie ein Waldschrat, und seine Augen scheinen zu flackern. Er ist in Nevada, und er sucht nicht nach Bibern, sondern nach Ufos, nach Außerirdischen und nach Menschen, die mit Außerirdischen befreundet sind. »Ich wollte raus und diese Typen treffen. Ich wollte Teil davon sein«, sagte er damals. »Ich wollte nicht mehr so viel Zeit daheim sein, auf dem Bett sitzen, die Nachrichten schauen und im Internet surfen.«

Robbie Williams war einmal der größte Popstar der Welt. Im Oktober 2009 stellt er sich an einem grauen Berliner Nachmittag vor die Max-Schmeling-Halle und gibt den Straßenmusiker; fast kirchentäglich tritt er auf, im Gestus der Demut, die sein ganzes Comeback bestimmt. Sein neues Album Reality Killed The Video Star erscheint an diesem Freitag weltweit – vom Glamour und von der Großmäuligkeit früherer, besserer Tage ist wenig geblieben. Robbie Williams war berühmt für Ekstase, nicht für Ernüchterung. Er nahm so viel Ecstasy, dass seine Depressionen chronisch wurden. Er verschwand für viele Jahre nach Los Angeles und kehrte im Januar nach Swindon in England zurück, wo er gern im Casino Poker spielt. In Amerika war er immer ein Freak oder, schlimmer noch, einfach unbekannt. Jetzt soll nicht mehr die Droge sein Leben bestimmen, sondern die Disziplin. Es war in den letzten Wochen viel die Rede davon, was die Fans wohl von ihm erwarten, ob er ihre »Erwartungen« erfüllen werde, ob er das sein werde, was sie wollten. »Erwartung« – das klingt erst einmal verheißungsvoll und hat einen Rest des Erweckerhaften, das einmal im Pop-Pathos mitschwang. Aber tatsächlich beschreibt dieses Wort eine fundamentale Umkehrung im Verhältnis von Star zu Fan, eine Abkehr vom Pop-Prinzip. Nicht mehr der eine, der Besondere ist es, der mit seinem Ego, seinem Exzess, seiner Eingebung vorweggeht; es sind die vielen, die Ansprüche haben, die etwas wollen, etwas erwarten, das geliefert werden soll. Der Star also als eine Art Dienstleister – am besten von seiner Depression befreit und mit einer makrobiotisch genährten Frau an seiner Seite; der Star als Büßer, die Öffentlichkeit als Ort der Rehabilitation.

Eine konformistische Gesellschaft erkennt sich wieder in der Fabel vom gefallenen Sohn, den sie erneut aufnehmen darf. »Ich wollte Teil davon sein«, dieser Satz aus dem Mund eines Popstars ist unendlich traurig. Erst hat Robbie Williams es bei den Außerirdischen versucht, jetzt klopft er wieder an unsere Tür. Mal sehen, wer ihm dieses Mal aufmacht.

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Die Rubrik 50 Zeilen wird abwechselnd von drei Autoren geschrieben. Auf Georg Diez folgt Andreas Bernard, danach Tobias Kniebe.

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