Das soll wohl ein Witz sein

Simple Regeln, harter Kampf: Wer schafft es, innerhalb von drei Wochen mehr Lacher im Internet zu erzielen - das ZEITmagazin oder wir?

Was ist lustig? Eine schwierige Frage. Fast unmöglich zu beantworten. Das weiß jeder, der mal einen Witz erzählt hat und danach als Einziger lachen musste. Humor kann man nicht erzwingen, Humor kann man nur versuchen. Das haben wir gemacht: Weil es in einem Heft zum Thema Konkurrenz auch mal einen jubelnden Sieger und einen traurigen Verlierer braucht, wagten wir uns in einen Witze-Wettkampf gegen das ZEITmagazin.

Austragungsort war das Internet, vor allem Facebook, dort kann man am ehesten nachvollziehen, wie lustig etwas ist – man postet einen Scherz und zählt einfach, wie viele Leser »Gefällt mir« drücken oder den Witz sogar auf ihrer Facebook-Seite teilen. Im Netz ist das »Teilen« die moderne Form des Witze-Weitererzählens. Man schickt das, was einem gefällt, an seine Bekannten – per E-Mail, Facebook oder Twitter. Mit der ZEITmagazin-Redaktion legten wir folgende Regeln fest: Wer für einen Witz die meiste digitale Zustimmung bekommt, gewinnt. In die Wertung kommen nur Bilderwitze oder Fotomontagen, die zwischen dem 21. Oktober und dem 1. November im Internet veröffentlicht wurden. Witz nach Vorschrift: Unser Wettbewerb klingt wie ein Monty-Python-Sketch über deutsche Humorarbeit.

Die Erben von Monty Python trifft man heute im Internet: etwa den viel gelobten Blog »Kim Jong-Un looking at things«, der Fotos des nordkoreanischen Diktators sammelt, wie der sinnfrei sein Land inspiziert (Diktator besichtigt eine Minigolfbahn, Diktator besichtigt Gummistiefelfabrik, Diktator besichtigt Hasenställe). Großartig komisch. Wem früher ein guter Witz eingefallen ist, der konnte ihn auf dem Pausenhof erzählen oder am Stammtisch, heute verbreiten sich Witze online in ein, zwei Tagen in der ganzen Welt.

Wenn Mitt Romney die US-Wahl verliert oder Felix Baumgartner den Stratosphären-Sprung schafft, dauert es nur Augenblicke, bis das Web reagiert. Fast zeitgleich erscheinen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die ersten spöttischen Kommentare, wenige Minuten später kursieren erste Fotomontagen auf Facebook. Zum Internet-Klassiker wurde auch Mario Balotelli, der nach seinem Tor zum 2:0 im EM-Halbfinale mit nacktem Oberkörper im deutschen Strafraum prahlte. Balotelli wurde aus dem Originalfoto herausgeschnitten und in andere berühmte Bilder eingesetzt: neben Barack Obama, der der Jagd auf Osama bin Laden zusieht. Neben Leonardo DiCaprio am Bug der »Titanic«. Neben Neil Armstrong bei der Mondlandung. Herrlicher Quatsch. Schaffen wir das auch? Wird das ZEITmagazin lustiger sein?

DER ERSTE VERSUCH

Unser erster Scherz geht auf Kosten des Papstes. Es gibt viele Bilder von Freiluftmessen, auf denen er mit dem Wind kämpft. Wir sammeln sie und schreiben drunter: »Es ist ein windiger Job, aber einer muss ihn ja machen.« Lustig, oder? Wir rechnen mit einem Begeisterungssturm. Vergeblich. 1447 Leute drücken auf unserer Facebook-Seite (mit über 70 000 Fans) den »Gefällt mir«-Knopf, 510 Menschen teilen das Bild auf ihrer eigenen Seite. Na ja.

Zum Vergleich: Der erfolgreichste Facebook-Post, den wir vor dem Wettbewerb geschafft hatten (ein EM-Foto vom grinsenden Mats Hummels neben am Boden zerstörten Holländern), hatte fast 50 000 »Likes« und wurde ebenso oft geteilt. Für einen Scherz auf Christian Wulffs Kosten am Tag seines Rücktritts bekamen wir 23 000 Likes. Wir lernen: Der richtige Zeitpunkt ist wichtig für einen Witz. Der Papst war am 21. Oktober kein Thema. Auch die Kollegen vom ZEITmagazin tun sich anfangs schwer: Ihr erster Beitrag zum Wettbewerb, eine Neudeutung der Apple-Tastatur-Symbole, kommt nicht über 250 Likes. Wirklich lachen müssen darüber vor allem: wir.

Lustig sein

TERMIN FÜR 9.30 UHR: LUSTIG SEIN

Von nun an gibt es in der Redaktion fast jeden Tag dasselbe Ritual: Treffen um 9.30 Uhr, Besprechung der Bilderwitze für den Tag. Haben Sie mal versucht, morgens um halb zehn witzig zu sein? Wir können uns vorstellen, wie sich die Gag-Schreiber von Harald Schmidt und Stefan Raab fühlen. Dabei liefern die ersten Tage gute Themen: Apple präsentiert das iPad-Mini, wir spotten über mögliche Modellreihen – 1703 Likes; ein Gericht verurteilt Silvio Berlusconi zu vier Jahren Haft, wir behaupten, er wolle ins Frauengefängnis – 1692 Lesern gefällt das. Vom erhofften landesweiten Schneeballeffekt sind wir weit entfernt. Als Lance Armstrong wegen nachgewiesenen Dopings alle Tour de France-Titel verliert, postet das ZEITmagazin den Fußabdruck Neil Armstrongs auf dem Mond mit der Bildunterschrift: »Jetzt auch Mondlandung aberkannt.« 4037 Menschen gefällt das. Wir sind unter Zugzwang.


PROFESSIONELLE HILFE

Wir fragen die Agentur Webguerillas um Rat. Die Münchner sind Spezialisten für »alternative Werbeformen« und Marketing in Sozialen Medien, eine Wand in ihrem Büro ist zugepflastert mit Auszeichnungen. Agentur-chef David Eicher sagt: »Man muss die Leute motivieren, tätig zu werden. Die Aufforderung, einen Post zu teilen oder zu liken, muss ins Bild integriert sein.« Gleich nach dem Spiel Dortmund gegen Real Madrid probieren wir das aus. »Like = Gratulation«, schreiben wir unter ein Foto von Jürgen Klopp. Mit mäßigem Erfolg.

Als der VfL Wolfsburg den Trainer Felix Magath entlässt, berüchtigt für sinnlose Millionentransfers, posten wir ein Foto Magaths, unter dem steht: »VW entwickelt teuerstes Schlusslicht der Welt!« Am nächsten Tag berichtet der Südkurier über unser Bild. Gefällt uns. Aber das ZEITmagazin führt.

Wir wenden uns an Sascha Lobo, Deutschlands bekanntesten Blogger. Wir haben Glück: Der hat eine Diplomarbeit zum Thema »Meme« geschrieben. So bezeichnet man Internetwitze, die immer wieder aufeinander Bezug nehmen. Das Kunstwort »Mem« hat der Evolutionsbiologe Richard Dawkins erfunden, zu einer Zeit, in der es noch kein Internet gab. Er meinte damit jede Art von Gedanken und wollte damit klarmachen, dass Meme die geistige Entsprechung zu Genen sind – weil sie sich ebenfalls fortpflanzen und langsam verändern.

Meme haben sich innerhalb kurzer Zeit zu einer Währung entwickelt, mit der man Aufmerksamkeit im Netz beziffern kann. Das Internet wird seit 20 Jahren als Informationsmaschine gefeiert, die die Welt näher zusammenrücken lässt – doch wer sich mit dem Meme-Phänomen beschäftigt, könnte eher auf den Gedanken kommen, es sei vor allem eine Maschine zur Produktion von Pointen. Sascha Lobo jedenfalls verspricht, uns »ein Super-Mem« zu schicken. Nimm das, ZEITmagazin!

GO INTERNATIONAL

Was hilft es, lustig zu sein, wenn niemand den Witz mitbekommt? Wir brauchen Multiplikatoren. Weltweit. Hollywoods Superstars haben bis zu 30 Millionen Facebook-Follower. Ein Kollege erzählt, Actiondarsteller Jackie Chan habe neulich »Schönes Wochenende« gepostet, und über 160 000 Fans drückten »Gefällt mir«. Würde Chan unser Papst-Foto bei sich zeigen, hätten wir den Wettbewerb gewonnen. Wir beginnen, unsere Witze ins Englische zu übersetzen. Unter die Papstbilder schreiben wir: »Your cape, my friend, is blowing in the wind.« Wir schicken die Witze ungefragt an Facebook-Seiten mit Hunderttausenden Followern und an Prominente wie Ashton Kutcher, Justin Bieber und Lady Gaga. Im deutschen Netz posten der Musiker Jan Delay und der Ex-Fußballer Hans Sarpei erfolgreich lustige Bilder – wir schreiben sie an und bitten, unsere Witze zu teilen. Für Arnold Schwarzenegger entwerfen wir einen eigens auf ihn zugeschnittenen Fotogag.

Schwarzenegger, Kutcher und Gaga reagieren nicht, Hans Sarpei antwortet, wir wären »ganz lustig«, Jan Delay findet unsere Gags »etwas zu brav«. Eingeschnappt beschließen wir, dass wir sowieso viel dringender in einen neuen Markt wollen: China. Schnell ein Benutzerkonto auf weibo.com angelegt, dem größten chinesischen sozialen Netz, und unsere Gags fachgerecht übersetzt. Und – findet China unsere übersetzten Bilderwitze lustig? 386 Millionen Menschen sind auf weibo registriert, uns folgen nach einigen Tagen: 32 Chinesen.

Verzweiflung

VERZWEIFLUNG

9.30 Uhr, Montag, dritte Woche des Wettkampfs. Das Witze-Team zeigt Ermüdungserscheinungen. In den vergangenen Tagen haben wir aus allen Rohren gefeuert: Ein Türschild für Halloween-Muffel (2267 gefällt das), wir loben Peer Steinbrück dafür, dass er seiner Ehefrau keine Rede-Honorare berechnet (3507 Likes) und entwerfen den Abreißzettel »Ohrwurm zum Mitnehmen« (2616). Viele Facebook-Seiten würden sich über solche Zahlen freuen. Neue Mail von Sascha Lobo: Er schickt mehrere Meme, darunter einen selbstreferentiellen Facebook-Witz: »Ich würde ja gern mehr auf Facebook posten. Aber im Moment bin ich einfach nicht ausreichend enttäuscht vom Leben.« Wer darüber lacht, der lacht über sich selbst, das könnte funktionieren. Am Ende werden es 2576 Leser. Wir brauchen mehr, noch mehr, viel mehr!

Eine Kollegin zeigt ein Suchspiel (»Finde die 2 unter lauter Nullen«), das auf Facebook 800 000 Mal geliked wurde. Sofort entwerfen wir hochkreativ ein Suchspiel, bei dem die Leser ein Komma unter lauter Punkten finden sollen. 2112 Leser finden den Fehler und drücken »Gefällt mir«. Nur uns gefällt das nicht so recht: Ehrlich gesagt würden wir so ein banales Suchspiel nie im Heft abdrucken. Vergessen wir gerade unseren eigenen Anspruch? Posten wir als nächstes Frauenwitze? Nur weil sie bei Mario Barth funktionieren? Jede Zeitung möchte gelesen werden, aber auf Facebook mit seinen sekündlichen Statistikauswertungen wird das Zählen der Likes zur Manie. Noch sind wir nicht verzweifelt genug, um Bilder von Katzenbabys zu posten.

WELTEROBERUNG (EIN BISSCHEN)

Ein Kollege entdeckt auf einer spanischen Website unseren Papst-Witz – übersetzt ins Portugiesische! Und wir entdecken den vom Winde verwehten Papst in einer neuen chinesischen Übersetzung! Der Witz verbreitet sich plötzlich ohne unser Zutun im Netz. Eine der größten Humorseiten der USA, 9GAG, hat unser Papst-Bild ebenfalls geteilt. Auf der Homepage bekommt es 22 000 »Gefällt mir«-Angaben, 8000 User teilen das Bild auf ihren eigenen Facebook-Seiten. Wir werden gewinnen! Wir sprechen mit dem 9GAG-Gründer Ray Chan, der die Seite 2008 in Hongkong gestartet hat. 9GAG hat heute 60 Millionen Besucher und eine Milliarde Seitenaufrufe im Monat. Wir fragen Chan, was das Geheimnis eines guten Witzes sei. Er sagt: »Das Thema Beziehung geht immer, bekannte Figuren helfen und das Timing ist entscheidend.«

Bekannte Figuren und Timing – er sagt uns das am Abend, bevor Amerika wählen geht. Jetzt ein smarter Gag zu Obama, und wir müssten laut Chan einen Volltreffer landen. Doch uns fällt nichts ein. Aus purer Verzweiflung postet ein Kollege am Morgen einfach nur kommentarlos ein Foto des lächelnden Obama. 4245 Lesern gefällt das. Das Bild funktioniert besser als nahezu alle mühsam zusammengescherzten Bilder.

ABGERECHNET WIRD ZUM SCHLUSSS

Sind wir nun lustig? Facebook sagt: ein bisschen. Keiner unserer Witze hat die Welt erobert, aber wir haben einige Zehntausend Menschen zum Lachen gebracht. Sogar in Amerika. Und einen Scherz haben wir noch, für den letzten Wettkampfabend. Wir posten das Bild einer Bratwurst und schreiben drunter: »Bitte teilen Sie diese Wurst ohne Grund.« Dadaismus. 5868 unserer Facebook-Freunde teilen das Bild. Das erfolgreichste Bild des ZEITmagazins wurde auf deren Seite 2864-mal geteilt. Tataaa! Didi Hallervorden, der große Komiker der Achtzigerjahre, hat sich mit der »Flasche Pommes frites« unsterblich gemacht. Wir werden mit der Bratwurst in die Geschichte des deutschen Journalismus eingehen.

Mit welchen Gags das ZEITmagazin versucht hat, den Wettbewerb zu gewinnen? Am besten schauen Sie dort selbst mal nach. Wie mussten über deren Versuche vor allem: lachen.

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