Leben im Netz

Mit dem Telefon schreibt man heute E-Mails und SMS, surft und lädt Bilder bei Facebook hoch. Ach ja, telefonieren geht auch. Aber wer will das noch, wenn das Leben online stattfindet?

Da hätten wir gelacht. Wenn uns jemand, sagen wir mal im Jahr 1998, prophezeit hätte, dass die Mobiltelefone der Zukunft unhandlicher sind, schlechteren Empfang haben und die Besitzer nicht mehr wissen, wo sie die Nummer eintippen sollen. Tatsächlich aber wird das iPhone, auf das all das zutrifft, heute so heftig angebetet, dass das Goldene Kalb grün vor Neid werden dürfte. Der Antennenschaden des neuen Modells Nr. 4 schlug zwar in der Presse ein paar hämische Wellen, aber kaum ein Kunde hat das teure Teil zurückgegeben. Denn keiner hat es zum Telefonieren gekauft.

Seit dem Siegeszug der Smartphones macht sich eine neue Hackordnung der Kommunikationsvorlieben breit: Lesen sticht Schreiben sticht Reden. Die gemütlichste Art, nicht zu vereinsamen, besteht darin, die Facebook-Statuszeilen, Twitter-Feeds oder SMS der Freunde zu lesen. Vom Aussterben bedroht sind dadurch »Was machst du heute Abend?«-Anrufe, weil man längst die Termine seiner Bekannten kennt. Wer doch ein Mitteilungsbedürfnis verspürt, berichtet mit Fotos und Links aus seinem Leben, verfasst aus dem Urlaub Sammelmails. Wer sollte noch anrufen?

Alle haben schließlich gesehen, wie die Skitour war, sind eher über- als unterversorgt mit Lebenszeichen. Nur Menschen, die sich noch keiner sozialen Plattform bedienen, rufen noch an. Überspitzt gesagt: nur noch Mama. Wer wissen will, was die Zukunft bringt, muss aber nicht Mama fragen, sondern amerikanische Jugendliche. 3000 gaben in einer Umfrage des Medienmarketing-Unternehmens Nielsen Company Auskunft über ihr Verhalten mit Mobiltelefonen. Ergebnis: Die wichtigste Funktion ist die SMS. Die Jugendlichen finden geschriebene Nachrichten schneller und bequemer und telefonieren weniger, obwohl das auch mal »Spaß macht«. Zusammen mit der Gruppe der über 55-Jährigen sind die US-Teenager die sparsamsten Telefonierer. Natürlich schreitet die Entwicklung langsam voran, aber die Zeichen sind auch hier deutlich: Erinnern Sie sich noch, wann Sie zuletzt eine Klingelton-Werbung gesehen haben? Wann Sie jemanden nach seiner Nummer gefragt haben und nicht nur nach seiner Mail-Adresse? Und wann Sie zuletzt günstige Vorwahlnummern notiert haben? Das kommt einem alles verdächtig altmodisch vor.

Meistgelesen diese Woche:

Bevor man wirklich jemanden anruft, ist man inzwischen geneigt, per Mail anzufragen, ob es ihm gerade passt. Und es kommt einem regelrecht komisch vor, jemanden um seine Telefonnummer zu bitten, nachdem man sich online regelmäßig mit ihm ausgetauscht hat. Neulich hat sich eine Kollegin im Aufzug bitter über jene Gruppe ihrer Bekannten beklagt, die auf ihre SMS oder E-Mail immer gleich zurückrufen würden. Was für ein irriger Reflex!

Die geschriebene Verständigung – SMS, E-Mail oder Statuszeile – schätzen wir vor allem, weil sie unverbindlich ist. Sie drängt sich nicht auf, fordert keine Reaktion, taugt immer für die Ausrede »Hab noch nicht reingeschaut« und wartet geduldig, bis der Empfänger bereit ist, sie zu lesen. Ein Telefongespräch dagegen bedeutet: Stress, Kreuzverhör, Notsituation. Am Telefon zu plaudern werden wir verlernen, wie wir das erzählerische Briefeschreiben verlernt haben. Briefkuverts enthalten nur noch Rechnungen, Amtsschreiben und Verträge, keine Grüße, keine Gedanken.

Der Telefonanruf geht einen ähnlichen Weg. Wer schon mal an einem Wochentag krank zu Hause lag und dort an sein Festnetztelefon ging, weiß: Das Telefon klingelt nur noch, wenn Firmen elektronische Gewinnansagen durch den Computer jagen, andere langwierige Meinungsumfragen in Auftrag gegeben haben oder sich Telefongesellschaften melden, die einen zu einem anderen Vertrag überreden wollen. Meistens einen, in dem das Telefonieren in alle Netze nahezu umsonst ist, aber Web- und SMS-Dienste weiterhin teuer sind. Vielleicht wird irgendwann mal eine mobil versandte E-Mail etwas kosten, aber ein Anruf vom Mobiltelefon gratis sein. Heute lachen wir noch drüber.

Was Max Scharniggs Kollege Till Krause über den Tod im Internet schreibt, lesen Sie hier

Illustration: Dirk Schmidt

Artikel teilen: