Alarmstufe? Not!

Die banalsten Alltagsprobleme werden inzwischen zum »Notstand« aufgebauscht. Und das kann tat­sächlich drastische Folgen haben.

Flasche geht nicht auf: Miss­liche Situation oder Vollkata­strophe?

Illustration: Renke Brandt

Eine Nachrichtenwebseite schrieb kürzlich vom »Geschenke-Notstand«, es ging um mögliche Lieferprobleme vor Weihnachten. Weil offenbar ­wegen einer Dürre in Kanada der Hartweizen knapp wird, fürchten manche Medien den »Nudel-Notstand«. Zum Sport: »Personeller Notstand« plagt die Vereine, vom FC Bayern bis zur Kreis­liga – und wenn ein paar Unparteiische ausfallen, herrscht »Schiedsrichter-Notstand«. Wegen fehlender Rohstoffe droht in vielen Kneipen, Sie ahnen es, ein »Bier-Notstand«. Und eine leere Handybatterie nennt das Serviceportal einer großen Versicherung »Akku-Notstand«.

Es sind Formulierungen, bei denen man den Lautstärkeregler sucht, um das Ganze ein bisschen herunterzudrehen. Der Duden definiert den Notstand als Notlage oder eine »Situation, in der ein Staat in Gefahr ist«. Ersteres klingt schon übertrieben angesichts von Geschenken oder fehlenden Stürmern beim SV Dingenskirchen, aber Letzteres ist oft völlig maßlos. Was genau ist in Gefahr, weil in ein paar Kneipen das Bier knapp wird?

Ein Blick ins Pressearchiv der Süddeutschen Zeitung bestätigt den Verdacht, dass heute ein kleiner Engpass oft zur großen Katastrophe aufgebauscht wird: War im Jahr 2011 in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften noch rund 750 Mal von »Notstand« die Rede, tauchte der Begriff 2019, also noch vor Corona, schon fast 2400 Mal in der Presse auf. Natürlich, die Zeiten sind andere als vor zehn Jahren, vom Klimawandel verursachte Unwetter werden häufiger (ein Grund für viele Regionen, einen realen Notstand zu verhängen), das schlägt sich auch in der Bericht­erstattung nieder. Ebenso wie die dras­tische Lage von Geflüchteten auf der ganzen Welt. Und in Zeiten der Pandemie hat Notstand, nicht zuletzt der Pflege­notstand (bei dem diese Bezeichnung durchaus angemessen erscheint) für viele Menschen zum ersten Mal eine reale Bedeutung bekommen. Im Corona-Jahr 2020 kam der Begriff mehr als 3000 Mal in der Presse vor. Aber zwischen all den Meldungen über reale Krisen mischt sich eben oft maßlose Übertreibung. Die Klos bei einem Rockfestival sind verstopft? Toiletten-Notstand! Schlechte Traubenernte in Italien? Prosecco-Notstand!

Der griechische Dichter Äsop schrieb vor mehr als 2500 Jahren die Fabel Vom Hirtenbuben und dem Wolf: Ein junger Schäfer schreit beim Hüten seiner Tiere aus Langeweile, dass ein Wolf seine Herde bedrohe. Zunächst lassen die Leute alles stehen und liegen, um zu helfen. Als sie aber merken, dass gar kein wildes Tier in der Nähe ist, »gingen sie ärgerlich wieder an ihre Arbeit«. Als dann wirklich ein Wolf kommt, will dem ­Jungen niemand mehr beistehen. Abstumpfung durch Alarmismus. Und da wird es problematisch in Zeiten von Corona, Klimawandel und verzweifelten Menschen auf der Flucht.

Es scheint, als wäre einigen Leuten die Bedeutung von Dringlichkeit abhanden gekommen. Und das passt in diese Gesellschaft, in der viele Menschen ihre eigenen Bedürfnisse zum Maß aller Dinge erheben. Wenn so eine Anspruchshaltung auf die Wirklichkeit trifft, mag es manchem wie ein Notstand erscheinen, wenn der Handyakku leer ist.

Es ist wie auf einer überfüllten Straße, in der fast alle Autos mit Blaulicht und Sirene fahren – Krankenwagen und Feuerwehr, aber auch Bierlieferanten, Paketboten, Sanitärbetriebe. Damit wird der Sinn von Blaulicht komplett entwertet: Statt denen Raum zu geben, die wahrhafte Not lindern wollen, stehen alle zusammen im Stau. Und wenn allerorts Alarm herrscht, werden echte Alarmsignale leicht übersehen. Nach dem Motto: Jetzt haben wir den Bier-, Schiedsrichter- und Toiletten-Notstand behoben, um den Klima-Notstand sollen sich jetzt bitte andere kümmern. Die Lage der Pflegekräfte auf den Intensivstationen scheint für manche dann genauso schlimm wie ein zu spät geliefertes Weihnachtsgeschenk. Und dieses Abstumpfen gegenüber rea­ler Not, das wäre ein echter Notstand.