Warum zum Wandern Trauben-Nuss-Schokolade mit muss

Es gibt Essen, das würde unser Autor nie anfassen – außer beim Bergsteigen. Über den paradoxen Wert kleiner Traditionen und was sie über unsere Identität verraten.

Foto: Eclipse Images/istockphoto.com

Trauben-Nuss-Schokolade. Was für ein Unsinn. Ich käme nie auf die Idee, mir eine Schoko­lade mit Traubenstücken drin zu kaufen. Überhaupt nicht mein Geschmack. Aber wenn eine Bergtour ansteht: Dann muss eine in den Rucksack.

Außerdem hart gekochte Eier. Ich mache mir nichts aus hart gekochten Eiern. Weder zum Frühstück noch zum Abendessen noch sonst irgendwann. Aber auf dem Gipfel muss ich ein hart gekochtes Ei aus dem Rucksack ziehen, es pellen, salzen und dann direkt aus der Hand essen wie einen Apfel. Dazu Tee aus der Thermoskanne. Obwohl ich, man ahnt es, drunt im Tal nie Tee trinke. Espresso-Trinker. Warum also das alles?

Mein Vater liebte die Berge. Ich, damals als Kind, liebte sie nicht ganz so. Wenn das Wochenende kam, war klar, es geht wieder in die Alpen. Kampenwand, Guffert, Roß- und Buchstein, später auch höhere Touren. Stundenlang bergauf, anstrengend, aua, meine Füße, wie lang noch, mir ist kalt, mir ist heiß, ich mag nicht mehr.

Was ich aber liebte, war der Moment oben, das Ankommen, das Durchschnaufen, die Brotzeit. Endlich eine Wiese, ein paar Felsen neben dem Gipfelkreuz, endlich fallen lassen, raus aus den schweren Bergstiefeln.

Dann nahm mein Vater den Rucksack vom Rücken, einen von diesen alten orange­roten mit den Lederbändern, und packte aus. Belegte Brote. Schokolade. Eier. Thermoskanne. Ein Ritual von fast weihevoller Tradition. Und so verschmolz alles miteinander, das Gipfelglück und der Proviant, und blieb in mir für immer ein großes Ganzes: der ­weite Blick, die Erleichterung, die rituelle Brotzeit, Sonne, Trauben-Nuss, blauer Himmel, Ei, Höhenluft, Tee.

Der Berg ruft, das Schokoladenpapier raschelt.

Illustration: Pierre-Emmanuel Lyet

Und weil wohl kaum etwas den Menschen so formt wie seine frühkindlichen Erfahrungen, muss es für mich heute genauso sein, wenn ich in die Berge gehe. Auch wenn ich sonst nie Trauben-Nuss und Eier esse. Es sind Mikro-Traditionen. Mosaiksteine meiner Identität. Das geht ja auch jenseits des Essens weiter. Vor Urlauben haben meine Eltern immer einen kleinen Extrakoffer gepackt, den Bücherkoffer (ja, ausschließlich Bücher). Noch heute fühle ich mich auf Reisen wohler, wenn der Lesestoff seine eigene Tasche hat. Mein Vater hat nach der Rückkehr alle Tickets und Reiseunterlagen noch eine Weile aufbewahrt. Falls man noch mal was nachschauen will. Fand ich albern. Heute mache ich es auch so. Falls man noch mal was nachschauen will.

Die Mikro-Traditionen, es geht ja den meisten Menschen so, verankern einen in der eigenen Vergangenheit, sie flüstern einem zu, warum man der Mensch geworden ist, der man ist. Man muss nicht mal Marcel Prousts Madeleines bemühen, deren Geschmack in der Suche nach der verlorenen Zeit bändeweise Erinnerungen in Gang setzt, es genügt schon eine Tafel Schokolade aus dem Supermarkt. Heute sitze ich mit meiner Frau und meinen Kindern oben auf dem Berg, packe die Schokolade und den Tee aus, und der kleine Junge, der ich war, sitzt in mir mit auf dem Berg.

Später, als ich längst erwachsen war, wäre mein Vater gern noch öfter mit mir in die Berge gegangen. Hat sich viel zu selten ergeben. Es war halt immer was. Es ist ja immer was. Arbeit. Kinder. Termine. Reisen. Pläne. Und dann ist das Leben auf einmal vorbei.

Inzwischen ist mein Vater tot. Jetzt würde ich gern mit ihm auf einen Berg gehen. Heute würde ich den Rucksack tragen und auf dem Gipfel die Brotzeit für ihn auspacken. Hart gekochtes Ei. Tee aus der Thermoskanne. Trauben-Nuss.