Der Antragsteller

Als ein britischer Polizist bei der Londoner »Pride Parade« vor seinem Freund auf die Knie fällt, jubelt die Menge und die Bilder gehen um die Welt. Auf das, was danach kommt, sind die beiden nicht vorbereitet. 

Phil (links) und Jonathan auf der Pride Parade in London. Auf der Hochzeit trat die Soulsängerin Joss Stone auf – eine Schulfreundin von Phil.

Foto: Daniel Leal-Olivas/PA images/Picture-Alliance

Liebe ist nicht rational, das macht sie so großartig. Hass ist nicht rational, das macht ihn so furchtbar. Phil Adlem hat beides gleichzeitig erlebt.

Er erzählt davon in seinem Wohnzimmer in London. Durch die Balkontür blickt man über die Themse, es gibt Tee, in die Untersetzer für die Tassen sind Herzen geschnitzt. Phil, 30 Jahre alt, braunäugig und ruhig, zieht die Ärmel seines Kapuzenpullis über die Hände und denkt oft lange nach, um die richtigen Worte zu finden und die falschen zu vermeiden.

Im Sommer 2016 ging ein Moment aus seinem Leben um die Welt, in dem er etwas sehr Romantisches tat, das eigentlich nicht zu seiner nüchternen Art passt. Online gibt es viele Videos davon, hochkant, quer, aus verschiedenen Perspektiven. Man sieht Phil, damals Polizist, im Einsatz bei der »London Pride Parade«, dem Festival der Homosexuellen, Bisexuellen und Transmenschen. Die Polizisten halten an. Phil tritt aus der Gruppe, nimmt seinen Helm ab und geht vor einem Mann im Publikum am Straßenrand auf die Knie. Er nimmt seine Hand. Man kann kein Wort verstehen, aber es ist klar, was er fragt und wie die Antwort lautet. Die Menge jubelt, ein Regen­bogenfähnchen flattert, jemand schießt eine Konfettikanone ab. Phil und Jonathan, jetzt Verlobte, umarmen sich, küssen sich, sie sehen sehr glücklich aus.

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Handyvideos vom Antrag verbreiteten sich über Twitter und Facebook, Medien weltweit berichteten. Für viele Menschen war Phil ein Held: ein schwuler Polizist, der den Mut zu einem öffentlichen Antrag hat. Sie kommentierten, wie schön die Szene sei, voller Liebe, ein Zeichen für Gleichberechtigung.

Für andere aber war er ein Widerling. Phil hat die Hasskommentare eingeteilt: Da waren jene, die zwar negativ und beleidigend, aber nicht bedrohlich waren. Dazu gehörte der Kommentar einer Frau, die schrieb, seinetwegen würden Menschen in Not nicht mehr die Polizei rufen. Und dann gab es die Drohungen: »Die beiden sollten aufgehängt werden!«

Vielleicht war es naiv, sagt Phil heute, dass er mit solchen Reaktionen nicht gerechnet hatte. Er fühlte sich im Augenblick des Antrags geborgen, war umgeben von wohlwollenden Menschen. Aber mit ihren Handys schickten sie die Szene aus der sicheren Blase hinaus. »Der Antrag wurde auch in Ländern gesehen, in denen ich im Gefängnis wäre, wenn nicht sogar tot«, sagt Phil.

Er schlief wenig, träumte schlecht, bekam Panikattacken, sprach aber auch mit seinem Verlobten kaum darüber. »Ich habe mich geschämt, dass es mich so mitnimmt«, sagt Phil. »Ich kannte den Begriff ›Trigger‹ nicht. Heute weiß ich, dass es das war.«

Ein Trigger ist ein Schlüsselreiz, der frühere Erlebnisse und Gefühle wieder an die Oberfläche spült. Phil wuchs in einem christlichen und homophoben Umfeld auf. Seine Kindheit und Jugend hindurch hörte er, Homosexualität sei »böse«, eine »Sünde«. Als er mit 14 an einem christlichen Feriencamp teilnahm, baten die dortigen Leiter Jungen mit »homosexuellen Gedanken« zu sich. Phil ging hin – und sie versuchten, ihn zu »heilen«, sie legten ihm die Hände auf und beteten, jeden Abend, drei Wochen lang.

An seinem 18. Geburtstag ging er trotzdem mit seinem damaligen Freund aus. Das Paar wurde von sieben oder acht Männern über­fallen. Phils Freund floh unverletzt, Phil wurde von drei Männern in eine Seitengasse gezerrt und zusammengeschlagen. »Im einen Moment war ich überglücklich, im nächsten sah ich mein Blut überall auf dem Gehweg«, sagt er. Zehn Jahre später war es ähnlich: erst Liebe und Euphorie, dann Gewalt, diesmal psychische.

Wenn Phil heute erzählt, wie er sich gegen all den Hass aus seinem Tief gekämpft hat, sagt er: »Ich hatte Zeit, das zu analysieren.« Er hat sich keine Hilfe gesucht, keine Therapie gemacht. Er hat das mit sich selbst ausgemacht und beschlossen: raus aus Social Media. Und raus aus der Polizei, um nicht mehr täglich mit Gewalt konfrontiert zu werden.

Im Herbst 2016 kündigte Phil seinen Job. Anfang 2018 schickte ihm ein Bekannter den Link zu »Galop«, einer NGO für Homosexuelle, Bisexuelle und Transmenschen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Die NGO suchte einen Berater. »Wenn ich an Schicksal glauben würde, was ich nicht tue«, sagt Phil, »dann würde ich sagen, dass alles in meinem Leben mich auf diesen Job vorbereitet hat.« Phil bekam die Stelle sofort. Er berät Opfer, wenn sie rechtliche Schritte gegen die Täter einleiten wollen.

Manche Unsicherheiten werden immer bleiben, sagt Phil. Er sei nur besser darin geworden, sie zu akzeptieren. Und es gibt Jonathan mit seiner »unglaublich positiven Einstellung«. Jonathan war es auch, der ihn auf die Idee mit dem Antrag gebracht hatte. Phil wollte eine unauffällige Verlobung und eine unauffällige Hochzeit. Aber Jonathan wünschte sich etwas Besonderes. Darum ließ sich Phil die Aktion während der Pride Parade einfallen. Kollegen und Freunde sorgten dafür, dass alle zur richtigen Zeit versammelt waren. Er würde es wieder machen. Aber wenn alles gut geht, muss er das ja nicht. Am 21. Oktober 2017 haben Phil und Jonathan geheiratet.

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