Vom Glück der Entbehrung

Die Menschen im Tsum-Tal in Nepal haben sich entschieden, keine Lebewesen zu töten. Und auch ein Großteil der Pflanzen steht unter Schutz. Wie leben die Einwohner damit? Reporter des SZ-Magazins brachen zu einer Recherche auf, die einer Expedition glich.

Das Dorf Chule im Tsum-Tal, im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet

Keine Straße, kein Strom, kein Internet – dafür viel Ruhe, viel Arbeit, viel Natur. Das Tsum-Tal im zentralen Himalaya scheint ein Gegenmodell zu unserer westlichen Welt zu sein. Die buddhistisch geprägten Einwohner haben offiziell gelobt, weder Tiere noch Menschen zu töten, und angeblich halten sie sich seit fast 100 Jahren streng daran. Es gibt Genossenschaften, Gemeinschaftseigentum und Großfamilien mit der seltenen Variante der Polyandrie. Das bedeutet: mehrere Männer teilen sich eine Frau. Das Tsum-Tal gilt im Buddhismus als heiliger Ort, als verstecktes »Tal des Glücks«. Erst seit 2007 darf diese Region im Norden Nepals auch von Touristen besucht werden. Vorher war sie Sperrgebiet.

Eine Reise dorthin ist fast wie eine Reise in eine andere Zeit. Vier Wochen lang waren Autor Titus Arnu und Fotograf Enno Kapitza vor Ort unterwegs, den größten Teil bewältigten sie zu Fuß, in Höhen  zwischen 2000 und 5000 Meter. Die Recherchereise glich einer Expedition.

Das Team wanderte mit Rucksack, Thermomatten, Daunenschlafsäcken und Zelten durch die abgeschiedene Region, geführt von Guide Kami Sherpa, der den tibetischen Dialekt der Einwohner spricht, unterstützt von Trägern und versorgt von einem Koch. Um ins Gebiet der Tsumba zu gelangen, wie die Bewohner des Hochtals heißen, muss man erst einmal fünf Tage lang über felsige Pfade durch eine Schlucht laufen.

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Im Tsum-Tal leben Schneeleoparden, Schakale, Geier, Adler und wilde Bergziegen, angeblich treibt sich auch der Mehti dort rum, anderswo besser bekannt als Yeti. Wildtiere werden seit dem Gewaltverzichts-Gelübde im Jahr 1920 nicht mehr bejagt, Nutztiere dürfen nicht geschlachtet werden. Es darf auch nicht gefischt werden, und ein Großteil der Pflanzen steht ebenfalls unter Schutz. Die Menschen ernähren sich von dem wenigen Getreide und Gemüse, die ihre kargen Äcker hergeben. Die meisten Familien sind bitterarm, sie leben in sehr einfachen Häusern aus Stein, Lehm und Holz, mit einer offenen Feuerstelle in der Mitte, von außen klebt Yak-Dung an den Wänden, der im Winter als Brennmaterial dient.

Warum haben sich überhaupt Menschen in dieser unwirtlichen Gegend niedergelassen? Es gibt im Prinzip nur drei Monate im Jahr mit annehmbaren Wetter: April, Oktober, November. Den ganzen Sommer über herrscht Monsun, oft ist das Tal wegen Erdrutschen abgeschnitten, im Winter schneit es so viel, dass viele Ort wegen Lawinengefahr nicht mehr erreichbar sind. Trotzdem gibt es Dörfer bis in 4000 Meter Höhe, die ganzjährig bewohnt sind. Auf der anstrengenden Recherche-Tour fragten sich die Besucher aus dem Westen: Ist das Tal etwa ein Vorbild für eine umweltgerechte Lebensweise? Und sind die Menschen dort wirklich glücklicher?

Im Tal der Seligen

Die Einwohner des Tsum-Tals an der Grenze zwischen Nepal und Tibet haben sich vor fast hundert Jahren dazu verpflichtet, keine Lebewesen zu töten. Sie sagen: So wird man glücklich.

Foto: Enno Kapitza

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