Himmel und Hölle

Die hessische Odenwaldschule galt als idyllisch, doch hinter der Fassade taten sich menschliche Abgründe auf. Ein Plädoyer für mehr Offenheit - auch in der Schularchitektur.

Foto: AP

Der Schock war groß, als bekannt wurde, dass in der berühmten Odenwaldschule viele Schüler jahrelang sexuell missbraucht worden sind. Das abgeschiedene, so heimelig wirkende Internat in der schönen Landschaft des Odenwalds war in den Siebziger- und Achtzigerjahren ein fast geschlossenes System, das seine Offenheit im Inneren bis ins Kriminelle steigerte: Lehrer duschten mit Schülern, jeder duzte jeden – und am Morgen griff ein Pädagoge den Jugendlichen beim Wecken in den Schritt.

Die Türen des Direktors standen offen, Schüler telefonierten in seinem Schlafzimmer, sie durften sich an seinem Kühlschrank bedienen – und der Direktor bediente sich an ihren Körpern.

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Eine gute Schule muss in ihren Räumen Nähe herstellen und Distanz wahren, sie soll wohlgeordnet sein und beschützend und doch zugleich offen und gestaltbar: ein Frei-Raum. Der Horror sind Schulen, die kalt und unnahbar sind, die ihre Schüler abweisen, sie nur sitzen und aufrufen und vortreten lassen. Doch der Horror sind auch Schulen, in denen die Lehrer oder die Mitschüler den Kindern und Jugendlichen zu nahe treten, in denen die Ordnung fehlt und die Schüler überwältigt werden von Distanzlosigkeit und falscher Vertraulichkeit.

Form und Gestaltung von Gebäuden und Räumen können dazu beitragen, im Unterricht und im Schulleben die richtige Balance zu finden. Aber keine Form und kein Raum ist eine Garantie für gute Praxis. Hinter grauen Mauern können sich kleine pädagogische Paradiese verbergen. Und hinter einer äußeren Idylle die pädagogische Hölle.

Sexuelle Gewalt ist ein Extremfall der Distanzlosigkeit und die Geschichte der Odenwaldschule ein Extremfall menschlichen und pädagogischen Versagens. Dennoch kann sie anderen eine Warnung sein. Immer mehr Schulen in Deutschland entwickeln sich zu Ganztagseinrichtungen, sie werden, ähnlich wie Internate, zu einem umfassenden Lern- und Lebensraum, in dem die Schulkultur weit über den Unterricht, den Pausenhof und gelegentliche Feste am Abend hinausgeht.

Mehr denn je müssen die Schulen nun das richtige Verhältnis finden zwischen Nähe und Distanz. Sie müssen flexible Räume haben, Rückzugs- und Erholungsräume bieten, Schutz und Wohlgefühl. Dadurch werden die Schulen unübersichtlicher, die Beziehungen zwischen Pädagogen und Schülern intensiver – und anfälliger für Verletzungen und Missbrauch.

In den Schulen müssen sich die Kinder und Erwachsenen abgrenzen können, sie müssen sich aber auch weniger formell begegnen und sprechen können, als dies im Klassenzimmer und in der klassischen Situation des Belehrens der Fall ist. Man wird dabei vorsichtiger sein als früher: Die »Kuschelräume«, die es an einigen Schulen gab oder gibt, wirken nun zumindest begrifflich irritierend und missverständlich.

Aber natürlich haben Kinder, die sich viele Stunden in der Schule aufhalten, das Bedürfnis, zwischendurch die Schuhe auszuziehen, sich in Kissen zu werfen, zu liegen und zu dösen. Sie von morgens bis abends auf den Stühlen festzuhalten ist ein unfreundlicher Akt gegen Körper und Seele.

Vor allem für Kinder, die es in ihrer Familie nicht leicht haben, können gute Schulen eine Zuflucht sein, ein Ort, der ihnen Hoffnung und Zuversicht gibt. Diese Kinder sind jedoch auch besonders verletzlich, und sie werden, sehnsüchtig nach Zuwendung, wie sie sind, leicht zu Missbrauchsopfern. In den Schulen, in Ganztagsschulen zumal, sollte es ein System der Kontrolle und der Teamarbeit geben, das persönliche Abhängigkeiten und den Missbrauch pädagogischer Macht verhindert.

Dafür ist Offenheit auch zwischen den Lehrern notwendig, und es kann dem Unterricht und dem Schulleben generell nur guttun, wenn die Kollegen Einblick haben in die Arbeit der anderen, wenn es Raum gibt für Kritik und Beratung, Konflikt und Schlichtung. Idealerweise fördert die Architektur des Schulhauses diese Prozesse, regt die Gestaltung der Räume zur ungezwungenen Kommunikation und Begegnung an. Es wäre schön, wenn Schüler und Lehrer Freude daran hätten, in den Räumen zu verweilen, ohne auf die Uhr zu schauen und ohne das Gefühl zu haben, sie seien Gefangene einer unwirtlichen Institution – aus welchen Gründen auch immer.

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