»Ich will definitiv noch nicht gehen«

Vor einem Jahr wurde bei Martina Navratilova, Tennis-Legende, neunfache Wimbledon-Siegerin, Krebs festgestellt. Sie hat ihn überlebt. Ein Gespräch über das Weitermachen.

SZ-Magazin: Frau Navratilova, 2010 war ein schwieriges Jahr für Sie. Im März wurde bei Ihnen Brustkrebs diagnostiziert, nach Operation und Bestrahlung wurde die Behandlung im Juni abgeschlossen. Wie geht es Ihnen heute?
Martina Navratilova: Mir geht es sehr gut. Ich hatte keine klassischen Krebssymptome, sondern Kalkablagerungen in der linken Brust, die karzinös waren und im März operativ entfernt wurden. Am Wochenende vor dem Eingriff habe ich Hockey gespielt, zwei Wochen nach der Operation an einem Radrennen teilgenommen, drei Wochen danach einen Schaukampf gespielt. Ich habe die Bestrahlung im Mai extra in Paris gemacht, damit ich währenddessen die French Open spielen und fürs Fernsehen arbeiten konnte.

Klingt ehrlich gesagt ziemlich unvernünftig. Hätten Sie sich nicht schonen müssen?
Das habe ich anfangs auch gedacht. Aber meine Ärzte haben gesagt: »Tun Sie, was Ihnen Spaß macht, dann grübeln sie nicht so viel über die Krankheit nach.« Eine gute Freundin von mir hat permanent Angst, dass irgend-etwas schiefgehen könnte. Mal denkt sie, dass sie auf der Straße überfallen wird, dann wieder, dass sie einen Autounfall hat oder ihr Handy liegen lässt. Ich bin das genaue Gegenteil. Wenn was Schlimmes passiert, suche ich nach Lösungen.

Zum Beispiel?
Ich hatte früher Flugangst, also habe ich einen Pilotenschein gemacht. Ich hatte Angst vor dem Ertrinken, also habe ich einen Tauchschein gemacht. Ich hatte Angst vor Schlangen, also habe ich mir eine Python um den Hals legen lassen. Und jetzt also der Krebs. Ich finde es viel einfacher, sich einmal seinen Ängsten zu stellen, als sich ein Leben lang vor ihnen zu fürchten. Das macht einen nur kaputt.

Verzeihen Sie, aber sich mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen ist etwas anderes, als zwei Wochen nach der Operation an einem Radrennen teilzunehmen.
Das stimmt schon. Ich bin sehr leistungs-orientiert, sonst hätte ich früher auch nicht solche Erfolge haben können.

Möglich, dass Sie getrieben sind?
Mag sein, aber getrieben heißt für mich, dass ich nicht den Zufall mein Leben lenken lasse, sondern versuche, aktiv das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen. Ich sehe das nicht negativ.

Sie betrachten den Krebs als eine Angst unter vielen?
Halt! Ich habe mich von den alltäglichen Ängsten befreit. Der Tod ist ein anderes Kaliber. Natürlich fürchte ich mich vor dem Sterben. Wie jeder von uns. Eben weil man sich dieser Angst nicht stellen kann. Ich habe früher immer gedacht, ich will gar nicht wissen, wann und wie ich sterbe, ich kann es sowieso nicht beeinflussen. Jetzt weiß ich, ich will definitiv noch nicht gehen und ich habe mir geschworen: Diese Krankheit bringt mich nicht um.

Was sagen die Ärzte zu Ihren Heilungschancen?
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs zurückkommt, liegt bei weniger als fünf Prozent. Ohne Bestrahlung hätte die Rückfallquote bei 25 Prozent gelegen. Das sind für mich erst mal beruhigende Zahlen.

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Ihre Ärztin sagte: Es ist Krebs!
Die Diagnose war schrecklich. Meine Ärztin ist eine meiner besten Freundinnen. Sie sagte zu mir: »Martina, bevor du dich jetzt aufregst, es ist Krebs, aber es ist guter Krebs.« Ich dachte nur, was heißt hier guter Krebs? Meine Gesundheit ist kein Oxymoron, Krebs ist Krebs. Am nächsten Tag erklärte sie mir, dass es sich um eine Krebsvorstufe handelt und ich vorerst um eine Chemotherapie herumkommen würde. Als ich am 16. Juni, nach sechs Wochen, den letzten Bestrahlungstermin hinter mir hatte, habe ich eine große Party gegeben. Viele meiner besten Freunde sind nach Paris gekommen. Ein Gefühl wie der Beginn eines neuen Lebens.

Wie war die Stimmung auf der Party? Haben die Gäste die Krankheit angesprochen?
Mit meinen besten Freunden spreche ich über alles, die kennen alle Details meiner Krankengeschichte, aber einigen stand die Angst schon ins Gesicht geschrieben. Bei Krebs weißt du nie, woran du bist. Heute bist du geheilt, morgen kommt er doppelt so aggressiv zurück. Ich fühlte mich stark genug, sie in den Arm zu nehmen und zu beruhigen. Die Stimmung erinnerte mich an meinen eigenen Leichenschmaus, nur dass ich mich gleichzeitig unglaublich lebendig fühlte.

Hatten Sie nie Momente der Schwäche oder des Zweifels?
Natürlich hatte ich die, aber ich wollte ihnen keinen Raum geben, denn dann breiten sie sich aus wie die Pest. So eine Bestrahlung klingt harmloser, als sie ist. Sie macht sehr, sehr müde, irgendwann wollte ich nicht mehr aus dem Bett. Das kannte ich von mir gar nicht, eigentlich reichen mir fünf, sechs Stunden Schlaf. Ich war niedergeschlagen, lustlos, deprimiert und hatte keinen Appetit.

Litten Sie unter Depressionen?
Ich wollte mich nicht aus dem Hotelfenster stürzen, wenn Sie das meinen. Ich hatte auch keine Depression im klinischen Sinne. Es waren die üblichen Nebenwirkungen, wie sie mir die Ärzte vorher angekündigt hatten. Es gab aber auch Erlebnisse, die mir Kraft gegeben haben.

Welche denn?
Andere kranke Frauen zu beobachten, die ich in der Klinik kennengelernt habe. Frauen jeden Alters, die einen waren dreißig, andere sechzig Jahre alt, mit zum Teil katastrophalen Krankengeschichten. Wie die jeden Morgen fest entschlossen vor dem Bestrahlungszimmer saßen, wie sie ihr Schicksal angenommen und trotzdem gekämpft haben, das hat mich sehr beeindruckt.

»Mein Alltag hat sich kaum verändert«

Wie unmittelbar war der Gedanke, dass Sie selbst sterben könnten?Er kam blitzartig. Aber jetzt nach fast einem Jahr mit der Krankheit ist der Gedanke an den Tod für mich nicht mehr bestimmend. Man sieht das große Ganze und kann es auf klare Handlungsanweisungen herunterbrechen: Was muss ich tun? Wie kriege ich den Krebs wieder los? Nervös werde ich nur, wenn nach sechs Monaten mein nächster Check-up ansteht.

Sie sind seit vielen Jahren Vegetarierin, machen viel Sport, achten auf Ihre Gesundheit. Haben Sie sich gefragt: Warum ich?
Klar habe ich mich das gefragt. Nach der Dia-gnose bin ich in den nächsten Supermarkt und habe panisch alles zusammengekauft, was ich an Gemüse, Obst und Bio-Lebensmitteln finden konnte. Ich dachte, ich muss nur noch gesünder leben, dann geht das wieder weg. Ich war total überfordert. Eine Freundin, die zu der Zeit eine Chemotherapie bekam, hat mir dann den Kopf gewaschen. Sie hat gesagt: »Martina, du bekommst den guten Krebs, weil du so gesund lebst. Ich habe den aggressivsten Krebs, den man kriegen kann. Also reiß dich zusammen!« Ich habe, so komisch das klingt, großes Glück gehabt. Statistisch gesehen hat sich das Risiko für Frauen an Brustkrebs zu erkranken, in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt. Der Krebs ist eine verdammte Seuche und wir Frauen sind auf der Flucht vor ihr. Aber mich kriegt er nicht.

Haben Sie gebetet?
Ehrlich gesagt bin ich nicht besonders religiös. Ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die plötzlich um Hilfe schreien, nur weil es ihnen schlecht geht. Mir war immer klar, dass ich die Dinge, wenn sie mal falsch laufen sollten, egal ob auf dem Platz oder im richtigen Leben, selbst anpacken muss. Nichts passiert ohne Grund, also hilf dir selbst.

Sie haben den Brustkrebs als Ihren persönlichen 11. September bezeichnet. Sehen Sie das immer noch so?
Das Leben ist nach einer solchen Diagnose nicht mehr das Gleiche. So ein Erlebnis macht dir deutlich, dass da oben jemand sitzt, der dich eines Tages holen wird. Du trägst etwas in dir, was nicht da sein sollte. Und du möchtest es laut anbrüllen: »Verschwinde aus meinem Leben!«, aber es wird nicht verschwinden.

Das muss einen verrückt machen.
Das Schlimmste ist die Hilflosigkeit. Auf dem Tennisplatz weiß ich genau, was ich tun muss, um eine schlechte Vorhand zu verbessern. Nach einer Knieoperation mache ich eine Reha und alles wird gut. Aber bei Krebs ist das reine Glückssache. Alles, was du tun kannst, ist gesund leben und Sport treiben. Aber genau das mache ich seit 35 Jahren. Nach der Diagnose habe ich permanent versucht in mich hineinzuhören, um Veränderungen meines Körpers wahrzunehmen, aber ich war mir nie sicher, ob sie wirklich passieren oder ob ich sie mir nur einbilde. Ich war kurz davor, paranoid zu werden.

Leben Sie heute anders als vor der Diagnose?
Mein Alltag hat sich kaum verändert. Ich reise immer noch viel, fahre zu den Grand- Slam-Turnieren und spiele fast jeden Tag Tennis. Aber die Krankheit hat den inneren Blick auf mein Leben geschärft. Ich konzentriere mich stärker auf das, was ich tue, und ich denke darüber nach, warum ich etwas tue. Ich lebe seit zwanzig Jahren in einem schönen Haus in Colorado, umgeben von lieben Menschen. Wenn ich vor die Haustür trete, schaue ich auf ein wunderbares Stück Natur. Die Berge, der schönste Himmel, den man sich vorstellen kann. Das ist nicht selbstverständlich, das will ich jetzt genießen. Ich mache mir nicht mehr vor, dass ich noch dreißig oder vierzig Jahre auf diesem Planeten bin. Meine Zeit ist angezählt.

Während der Therapie haben Sie auf einer großen Weltkarte Fähnchen in Länder gesteckt, die Sie noch bereisen wollen.
Stimmt. Der tägliche Gang zur Bestrahlung war für mich ein Weckruf. Er erinnerte mich jedes Mal daran, dass ich die Dinge, die ich unbedingt noch tun will, nicht auf die lange Bank schieben sollte. Seit meinem Rücktritt vom Tennis, 1994, will ich nach Alaska, 17 Jahre später war ich immer noch nicht dort. Warum eigentlich? Was hält mich ab? Nichts, oder? Jetzt fahre ich da mal rauf, auf jeden Fall, auch wenn Sarah Palin von dort kommt, diese Nichtskönnerin.

Wohin möchten Sie noch reisen?
In die Antarktis. Letztes Jahr ist der Blauwal das erste Mal bis zur kalifornischen Küste hochgewandert. Keiner weiß, warum. Ich möchte ihn gern in seiner ursprünglichen Heimat beobachten. Morgen erfülle ich mir einen Traum und nehme an einer Kilimandscharo-Expedition teil. Die schwirrt schon mein ganzes Leben lang in meinem Kopf herum. Seit ich den Namen das erste Mal hörte, will ich auf diesen Gipfel. Das gilt auch für die Galapagos-Inseln, Fidschi, Madagaskar, Sansibar, das sind alles magische Orte für mich. Schon als Kind liebte ich Erdkunde, ich habe in der Schule Landkarten gemalt von Ländern, die ich im Leben einmal besuchen will.

Sie sind in der früheren Tschechoslowakei aufgewachsen, mit 18 zogen Sie für die Tennis-Karriere in die USA. Hat Ihre dramatische Jugend Sie zu einer so starken Kämpfernatur gemacht?
Ich hatte nicht die Freiheit, so leben zu können, wie ich das wollte. Ich musste ein System tolerieren, das ich abgelehnt habe. Deshalb war ich fest entschlossen, meinen Platz in der Welt zu finden. Diese Zähigkeit hatte ich von klein auf, sonst hätte ich es nicht geschafft. Als ich in die USA kam, konnte ich meine Familie die ersten fünf Jahre überhaupt nicht sehen. Ich konnte einmal im Monat mit ihnen telefonieren und dabei wurden wir noch von den Behörden abgehört. Es gab keinen einzigen privaten Moment mehr zwischen uns. Wenn es leichter gewesen wäre, hätte ich mich sicher nicht zu der Persönlichkeit entwickelt, die ich heute bin. Auf den Platz gehen und ein Match spielen – das war wie Kindergeburtstag, egal wie anstrengend es war.

Glauben Sie, dass Sie erfolgreicher gegen die Krankheit kämpfen, weil Sie es als Leistungssportlerin gewohnt sind, zäh, ausdauernd und dizipliniert zu sein?
Natürlich. Ob auf dem Sportplatz oder im Leben, es sind dieselben Qualitäten, die dich erfolgreich werden lassen. Sehen Sie, im Januar habe ich mir beim Sport das Handgelenk gebrochen, im Februar habe ich einen Zahn verloren, im März kam die Krebs-Diagnose. Ich glaube nicht an Schicksal oder Verschwörung. Wenn es ein Problem gibt, dann löse ich es. So bin ich gepolt. Beharrlichkeit, positives Denken und ganz wichtig: Champions haben keine Angst zu scheitern. Der schlimmste Fehler ist, es gar nicht zu versuchen. Ich mache keinen Unterschied zwischen meiner Karriere und dem Krebs: Ich will siegen.

Kann man diesen eisernen Willen lernen oder ist der angeboren?
Es ist meine DNA, dass ich nie aufgebe. Als meine Eltern sich scheiden ließen, war ich vier Jahre alt. Als meine Mutter wieder heiratete und ich einen Stiefvater bekam, war ich fünf, als mein Vater Selbstmord beging, war ich acht und dachte, mein Leben implodiert. Dass ich dabei trotzdem ein positiver Mensch geblieben bin, habe ich meinen Eltern zu verdanken. Meine Mutter war die herzlichste Frau der Welt. Mein Vater war sehr kritisch, hat mir aber trotzdem früh klargemacht, dass ich eines Tages Wimbledon gewinnen würde. Er hat mir dieses unerschütterliche Selbstvertrauen eingeimpft.

Konnten Sie der Krankheit irgendetwas Positives abgewinnen?
So eine Diagnose wünscht man niemandem und ich hätte sie auch nicht gebraucht, um den Sinn meines Lebens neu zu definieren. Auch wenn ich schon lange in den USA lebe, habe ich nicht verlernt, mich über Kleinigkeiten zu freuen und einfache Dinge wertzuschätzen. Ich brauche keinen Butler, der mir in den Mantel hilft, oder teure Juwelen um den Hals, um mich gut zu fühlen. Ich gehe selbst in den Supermarkt und bin dankbar dafür, dass ich mir keine Sorgen machen muss, weil ich nur 25 Dollar in der Tasche habe, um eine ganze Familie satt zu kriegen. Ich liebe mein Leben. Um das herauszufinden, hätte ich den Krebs nicht gebraucht.

Fotos: Juergen Hasenkopf, dpa

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