Reich am Arm

Teure Chronometer waren jahrzehntelang vor allem ein Thema für Männer. Jetzt achten auch Frauen darauf, was in so einer edlen Uhr steckt. Über die neue Gleichberechtigung am Handgelenk.

Normalerweise geht man Komplikationen gern aus dem Weg - nicht so in der Uhrenbranche. Je komplizierter eine mechanische Uhr ist, desto wertvoller ist sie.

Statussymbolen für Frauen haftet oft ein Makel an: Sie machen Frauen nicht unbedingt reicher – zumindest nicht reicher an Ansehen in der emanzipierten Welt. Sie signalisieren stattdessen: Abhängigkeit. Abhängigkeit von einem Mann. Die Werbung liebt diese Bilder: Er legt ihr ein teures Collier um den Hals, während sie ihren Kopf nach vorn neigt; er überrascht sie mit dem Kästchen, in dem ein dicker Ring steckt. Sie: entzückt. So was soll ja ein Synonym für Liebe sein, schubst aber gleichzeitig die Frau in die Rolle des gurrenden Weibchens. Viele dieser Luxus-Accessoires – Schmuck, Taschen, Pelze – machen die Frau zu einem Aushängeschild des Mannes, zu seiner Untergebenen.

Doch hoppla: Die Welt hat sich verändert! Frauen entwickeln heute Windkraftanlagen und Transportflugzeuge und sitzen im Vorstand von Computerunternehmen. Sie verdienen Geld, manchmal einen ganzen Haufen, und sie interessieren sich plötzlich für Dinge, die bisher nur den Mann etwas anzugehen schienen: alte Rotweine, Autos – oder teure mechanische Uhren. War alles bisher sein Revier.

Speziell die Uhr nimmt unter den Schmuckstücken eine besondere Rolle ein: Sie gilt bei Frauen nicht als typisches Männergeschenk und ist bei Männern das einzig akzeptierte Schmuckstück. Deswegen hat er sich schon immer gern in die Welt der Uhren reingefuchst, hat nach immer aufwendigeren, teureren, Modellen geschielt. Und hat sie bekommen. Jene, mit Komplikationen.

Komplikationen nennt man kleine Module in einer mechanischen Uhr, die ihr besondere Funktionen geben – wie Mondphasenkalender, Zeitzonen-Anzeigen oder ewiger Kalender. Und – alles lässt sich steigern – die Königsklasse der Komplikationen, Minutenrepetition (sagt einem mithilfe von Tönen, wie spät es ist) und Tourbillon (eine spezielle Lagerung im Uhrwerk, um Gangungenauigkeiten zu reduzieren). Komplikationen sind die Salti der Uhrmacherkunst, der ganz große Tusch, die härteste Währung, die in der Welt der Uhren zählt. Es steckt viel Arbeitszeit und Können in ihnen, und dass man den Uhren das nicht ansieht, macht sie zum perfekten Statussymbol für Menschen, die sich eine Kapriole des Luxus leisten wollen, ohne aufzufallen: »Stealth Wealth« lautet der Ausdruck dafür, »versteckter Reichtum.« Bei Patek Philippe kosten die günstigsten Uhren mit Komplikation so viel wie ein neuer kleiner BMW und die teuersten so viel wie eine Villa am Starnberger See. Patek Philippe gilt als eine Art Chefmanufaktur für Komplikationen: Sie haben eine Taschenuhr mit 33 Komplikationen gebaut, was den Uhrmachern neun Jahre Arbeitszeit abverlangte. Eine andere mit 21 Komplikationen kann etwa das Glockenspiel der Westminster Abbey in voller Länge spielen. »Grande Complication« nennt man solche Uhren, manche sagen hinter vorgehaltener Hand auch »Uhrenporno« dazu. Eigentlich bräuchte man so was in unserer Zeit der elektronischen Zeitmessung gar nicht mehr, oder wofür sollte eine Minutenrepetition heute noch taugen, erfunden, um im Dunklen die Zeit akustisch anzuzeigen – wo doch jeder heute eine beleuchtete Digitalanzeige in der Nähe hat? Aber Uhrenfreaks gefällt es zu wissen, was technisch alles möglich ist, so was Klitzekleines, Hochkomplexes, Surrend-Schnurrendes. Nicht selten kann man dem Ticken und Surren durch Glasböden zugucken.

Nun war es bislang so, dass sich eher Männer für das komplizierte Innenleben eines Uhrwerks interessiert haben. Frauen, so verlangte es das Rollenbild, wollen, dass sie schön aussieht und läuft. Also packte man am liebsten Quarzwerke in Damenuhren, bei denen man die Batterien alle paar Jahre mal austauschen muss.

1 Die Patek Philippe »Ref. 7140« ist eine »Grande Complication«: mit extraflachem mechanischem Werk und ewigem Kalender mit Wochentag, Datum, Monat, Schaltjahrzyklus, 24-Stunden- und Mondphasenanzeige. 2 Die Damenvariante der »Saxonia« von A. Lange & Söhne kann Sekunden stoppen und hat eine Zero-Reset-Funktion (der Sekundenzeiger springt selbstständig auf null). 3 Die »Rendez-Vous Perpetual Calendar« von Jaeger-LeCoultre hat einen ewigen Kalender mit einer vierstelligen Jahresanzeige und Mondphasen. Schickes Detail: Die Krone ist mit einem umgekehrt gefassten Diamanten verziert. 4 Bei der »Cat's Eye Bi-Retro« von Girard-Perregaux zeigen zwei retrograde (also zurückspringende) Zeiger Wochentage und Sekunden an, dazu: eine Mondphasenanzeige. 5 Bei der »Uhr mit Tourbillon und Vogel« von Cartier sagt schon der Titel, was diese komplizierte Uhr so besonders macht: Der Vogel aus Brillanten und Email bewacht ein »fliegendes Tourbillon« (eine Komplikation, die Ungenauigkeit durch Schwerkraft ausgleicht), das man durch einen Glasausschnitt bei seiner Arbeit beobachten kann. 6 Die »Ultra Thin Lady« von Zenith hat einen Mondphasenkalender und ein extra flaches Uhrgehäuse. 7 Uhren mit Minutenrepetition sind extrem aufwendig, kostbar und selten: Die »Ref. 7000 Ladies First« von Patek Philippe mit Minutenrepetition trägt in sich ein Schlagwerk mit zwei Tonfedern, das einem sagt, wie spät es ist.


Plötzlich aber fragen auch Frauen immer lauter nach ihren eigenen komplizierten Uhren, extra für Frauen gestaltet. »Die ersten Anfragen kamen bei uns vor einigen Jahren aus Asien, heute von überall her«, sagt Sandrine Stern, Design-Chefin von Patek Philippe und mit ihrem Mann Inhaberin der Firma. Die ersten Entwürfe für eine komplizierte Frauenuhr stellte sie vor schwierige Aufgaben: »Bei der Mechanik gibt es kaum Unterschiede – aber das Gehäuse muss kleiner als bei Männeruhren sein.« Viele Männer lassen ihre Uhren mit Komplikationen als Sammlerobjekt im Safe, Frauen dagegen wollen ihre komplizierte Uhr tragen. Für eines ihrer Modelle stellte Sandrine Stern sogar ein reines Frauenteam zusammen.

Frauen als technikbegeisterte Zielgruppe: Auch A. Lange & Söhne, Jaeger-LeCoultre, Girard-Perregaux und andere Uhrenhäuser bieten Kompliziertes für Frauen an. Bei Cartier macht Carole Forestier, die Chefentwicklerin, mithilfe ausgefuchster Technik die Zifferblätter zu Wunderwerken: Bei einem Modell wandert eine Raubkatze aus Diamanten um das Zifferblatt, bei einer anderen kann man sich, je nach Anlass und Laune, für eines von drei Zifferblättern entscheiden – eher »dekorative Komplikationen«, aber ebenso technisch komplex.

Klein, hübsch, hohl waren die Uhren (und das Frauenbild) früher gern. Nun heißt es: Gleichberechtigung am Handgelenk. Dass Frauen immer mehr an männlichen Statussymbolen Interesse zeigen, heißt aber nicht nur: »Schau mal, kann ich auch.« Statussymbole signalisieren Zugehörigkeit zu einer Gruppe: Einer unabhängigen Frau bleibt kaum etwas anderes übrig, als ein männliches Statussymbol zu wählen, will sie ihre Unabhängigkeit offen demonstrieren.

Schon immer galt die teure Uhr bei Verhandlungen als Eisbrecher – und genau da sitzen Frauen jetzt auch. Vielleicht kann man die neue Lust am Männerstatussymbol auch so deuten wie Thierry Stern, Chef von Patek Philippe, der in der New York Times sagte: »An alle Frauen, die von ihren Männern den Satz kennen: ›Schau mal, wie gut meine Uhr ist‹ – hier ist Ihre Revanche!«

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