»Ich habe komponiert, bis meine Augen zu bluten begannen«

Der legendäre Musiker und Produzent Quincy Jones im Interview über seinen unbändigen Arbeitseifer, die Zusammenarbeit mit Michael Jackson und Frank Sinatra, die anhaltende Aktualität des Jazz und den Grund, warum Miles Davis immer cooler sein wird als Jay-Z.

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Quincy Jones, wann haben Sie sich zum ersten Mal als Mann gefühlt?
Ich will bis heute nicht erwachsen werden. Johnny Mandel – wir kennen uns schon ewig, er war in Basies Band, ich war in Hamps Band – hat mich vor ein paar Monaten angerufen und gesagt, dass wir beide die ersten beiden Typen seien, die vom Kleinkindalter direkt ins Seniorenalter wechseln. Das ist mein Plan.

Was ist denn so schlimm daran, erwachsen zu sein?
Dass man sich wie ein Erwachsener benehmen muss! Dann verliert man das Alpha-Stadium, das kreative Stadium. Haben Sie Malcolm Gladwells Buch Blink gelesen? Da geht es darum, dass man seinen ersten Instinkten folgen muss, wenn man wirklich kreativ sein will. So habe ich Musik gemacht, so habe ich auch die geschäftliche Seite der Musik behandelt.

Sie haben anfangs viele Instrumente gespielt. Warum sind Sie schließlich bei der Trompete gelandet?
Dass mir die Musik im Blut liegt, habe ich herausgefunden, als wir als Jungs in unsere Schulaula eingebrochen sind. Ich sah das Klavier dort stehen und habe gleich angefangen zu spielen – mir war sofort klar, dass ich den Rest meines Lebens nichts anderes machen wollte als Musik. Danach habe ich Tuba gespielt, Posaune, Saxofon, schließlich Trompete. In der Schulband sind wir Blechbläser immer direkt hinter den Mädchen hermarschiert, den Majorettes. Das hat mir gefallen.

In Ihrer Autobiographie steht, der Jazz hätte afroamerikanischen Männern und Frauen Würde gegeben. Können Sie das genauer erklären?
Damals gab es keine Magic Johnsons und keine Kobe Bryants, keine schwarzen Vorbilder. Es gab nur den Boxer Joe Louis, aber ich wollte kein Boxer werden. Deshalb waren die Musiker meine Vorbilder, Leute wie Duke Ellington. Die waren intelligent, witzig, kamen weit herum – es war eine tolle Familie und ich wollte dazugehören.

»Jazz klingt immer, als wäre er von morgen. Immer hip, immer aktuell«

Ging es auch um Coolness? Immerhin schreibt Bono im Vorwort Ihres neuen Buches, Sie hätten die Coolness neu erfunden.
Was er damit meint, weiß ich gar nicht so nicht genau. Aber früher ging’s uns tatsächlich in erster Linie darum, cool zu sein. Miles Davis und die Be-Bop-Jungs waren tonangebend. Wie sie gesprochen, wie sie gelebt, wie sie sich angezogen haben – die haben bestimmt, was cool war. Max Roach und Kenny Clarke waren bereits in den Vierzigern und Fünfzigern immer sehr cool angezogen, mit italienischen Anzügen und Hüten mit schmaler Krempe. Die haben damals schon das gemacht, was Typen wie Kanye und Jay-Z erst jetzt entdecken.

Jazz, Blues, HipHop: Warum ist die afroamerikanische Musik überall auf der Welt so populär?
Weil sie echt ist. Was Bach, Beethoven und Brahms für die Klassik bedeuten, bedeutet der Jazz für die amerikanische Musik. Wenn du wissen willst, wo alles begann, musst du Jazz hören. Jazz klingt immer, als wäre er von morgen. Immer hip, immer aktuell. Hören Sie sich das Album Kind Of Blue von Miles Davis an – das ist moderner als alles, was heute rauskommt.

Dennoch haben Sie Ende der Fünfziger bei Nadja Boulanger klassische Komposition studiert.
Streicher, Holzbläser, Blechbläser, Perkussion – wenn du damit umgehen und für ein ganzes Orchester schreiben kannst, kann dir nichts mehr Angst einjagen. Wenn du dann noch Jazz und Blues spielst, dann wirst du nie einem Song begegnen, den du nicht kapierst.

Was war die Motivation für Ihren Ehrgeiz? Hat die Rassendiskriminierung in den USA dazu beigetragen?
Klar. Erfolg war ein Weg, die Diskriminierung zu besiegen. Allerdings gab es eine Sache, die Ray Charles und ich uns immer gegenseitig gesagt haben: Nicht ein Tropfen unseres Selbstwertgefühls hängt davon ab, ob andere uns akzeptieren. Wir scheißen darauf, was andere über uns denken. Wir wissen selber, wer wir sind und was wir wert sind. So zu denken, war in den Vierzigern sehr wichtig. Sonst haben dir die Weißen das Gefühl gegeben, dass du nichts wert bist, wie zu Zeiten der Sklaverei: Sie wollten, dass du dich schlecht fühlst, aber da habe ich nicht mitgemacht.

Und die Musik hat dabei geholfen.
Man hat versucht, Jazz als Musik der Wilden zu denunzieren. Totaler Scheiß. Die anspruchsvollsten Rhythmen kommen aus Afrika – diese Polyrhythmen können sie in Europa gar nicht spielen! Aber Stravinsky und Picasso haben es kapiert, ziemlich schnell sogar.

Sie haben die beiden gekannt, oder?
Stravinsky habe ich dank Nadja Boulanger getroffen. Und Picasso war mal mein Nachbar in Südfrankreich. Er war ein verrückter Typ, Mann. Und er hat Jazz gemocht – schau dir seine Bilder an.

Ist Jazz eine Lebensart?
Jazz ist eine Art zu leben und zu denken. Man braucht sich nur die Songtexte anschauen: »Open The Door Richard«, »Cement Mixer Putti Putti« ...

Das ist von Slim Gaillard, oder?
Ja, genau. Marvin Gaye war mit seiner Tochter verheiratet. All diese verrückten Sachen. Jazz hat eine neue Sprache definiert. Die polytonale Musik, die später kam, ist immer noch einflussreich und immer noch herausfordernd für die Musiker von heute. Leider wissen die Kinder in Amerika heute nicht mehr, was Jazz ist.

Warum ist diese Verbindung abgerissen?
Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, welche Erfahrungen dieser Musik zugrunde lagen. Sie war Teil unseres Lebensstils, man hat jeden Tag der Musik gewidmet. Wer heute zum Jazz kommen will, muss sich von seinen Freuden absondern, die wahrscheinlich alle HipHop hören.

Ich versuche gelegentlich, Freunde davon zu überzeugen, wie toll die alte Jazzmusik ist. In der Regel vergeblich.
Dann sind Ihre Freunde dumm. Sie wollen doch nicht im Ernst Charlie Parker oder Miles Davis mit Typen wie Jay-Z vergleichen! Es ist wirklich traurig, aber heute gibt es kein Bewusstsein mehr für historische Zusammenhänge. Selbst ein HipHop-Fan könnte sich doch für die historischen Vorläufer dieser Musik interessieren! Ich befürchte, das viele Ausländer solche Zusammenhänge besser verstehen als amerikanische Jugendliche, wo Jazz in den Schulen keine Rolle spielt.

Sie haben als Trompeter angefangen, später eine Bigband geleitet, Filmmusiken geschrieben, Filme produziert und eine Zeitlang sogar als Manager einer Plattenfirma gearbeitet. Warum waren Sie auf so vielen verschiedenen Feldern tätig?
So habe ich angefangen, mit dreizehn. Wir haben R&B gespielt, Pop, Bebop, Salsa, Schottische, jüdische Musik, Sousa – wir haben alles gespielt, was die Leute hören wollten, es ging nicht anders.

Ihr Tatendrang ist legendär, das ging manchmal an die Grenze des Machbaren, oder?
Ich habe so lange komponiert, bis meine Augen zu bluten begannen. Aber das war mir egal, denn ich habe meine Arbeit geliebt. Wie Edith Piaf gesagt hat: »Je ne regrette rien«. Ich war total fokussiert auf die Musik; der Ruhm, solche Sachen wie Michael Jackson und »We Are The World« kamen eher zufällig dazu.

Viele Leute fragen sich, ob Michael Jacksons Karriere glücklicher verlaufen wäre, wenn sie beide nach Bad noch weiter zusammengearbeitet hätten.
Tja, wer kann das wissen? Wir haben Bad gemacht, zu der Zeit wurde HipHop sehr populär. Ich habe Grandmaster Flash ins Studio geholt, aber Michael dachte, Rap sei schon wieder vorbei. Michael hat daraus geschlossen, dass ich nicht mehr auf dem Laufenden sei, und hat sich andere Produzenten besorgt. War aber ok mit mir.

Über Frank Sinatra haben Sie gesagt, er sei ein »brother in disguise« gewesen, ein verkappter Afroamerikaner. Können Sie das genauer erklären?
Seine Mutter kam aus Sizilien. Und es ist historisch erwiesen, dass Sizilien von Berbern aus Nordafrika besiedelt wurde. Dieses Erbe sieht man den Leuten dort bis heute an, genau wie in einigen Teilen Spaniens.

Hat er sich denn jemals für die Rechte der Afroamerikaner stark gemacht?
Er hat zum Beispiel die Rassentrennung in Las Vegas fast im Alleingang beendet. Als ich 1964 zum ersten Mal da war, war das Klima immer noch sehr rassistisch. Musiker wie Lena Horne, Harry Belafonte oder Sammy Davis Jr. mussten in der Küche essen und irgendwo am Stadtrand wohnen – die durften sich in den Casinos nicht sehen lassen. Das hat Sinatra gestoppt. Er hat jedem Mitglied von Count Basies Orchester einen Bodyguard zur Seite gestellt, dem er eingeschärft hat: Wenn jemand euch komisch anschaut, brecht ihr ihnen beide Beine.

Nicht schlecht.
Frank hat die besten Songs gesungen, die je geschrieben wurden. Er hatte die besten Arrangeure, die besten Bands, alles. Ein toller Mann.

Sie selbst werden ebenfalls bewundert. Sie gelten als Lebemann und Liebhaber schöner Frauen.
Mann, wer ist das nicht?!? Der eine liebt schöne Frauen, der andere schöne Männer. Mir haben es eher die Frauen angetan.