Chiemsee ohne Wasser

Die CSU erweckt den Eindruck, das schöne Bayern erfunden zu haben. Doch was passiert mit all der Schönheit, sollte die CSU eines Tages die Macht im Freistaat verlieren?

Es gibt Dinge, die sind nicht zu trennen, da wären zum Beispiel die Wörter schonungslos und Analyse, spitz und Feder, grausig und Fund, geordnet und Bahn oder leiblich und Wohl. Auch Ach und Krach, kurz und schmerzlos, klipp und klar – sie gehören zusammen, Wortpaar für Wortpaar, aneinandergeschmiedet in Festrede für Festrede, Presseerklärung für Presseerklärung, Grußwort für Grußwort.

Ist es nicht seltsam, dass einem plötzlich Bayern und die CSU einfallen? Auf der Internetseite des Bayernkuriers las ich: »Wenn, horribile dictu, die CSU einmal nicht mehr Bayern regierte, wäre Bayern nur noch ein Bundesland unter vielen. Wie das Saarland. Oder wie Bremen. (…) Jedenfalls nicht das souveräne Bayern, wie wir es heute kennen – und genießen. Jeden Tag. Welcher bayerische Wähler wollte das seinem Bayern antun – und sich selbst?«

UND VOR ALLEM: DER CSU!

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Dies Undenkbare erscheint möglich: Bayern und die CSU könnten nicht mehr eins sein, ja, die bayerischen Wähler könnten plötzlich die Wortpaare schallend und Ohrfeige, krachend und Scheitern zum Einsatz bringen und so manchen CSU-Abgeordneten in den Ruhestand schicken, den wohlverdienten natürlich. Die Partei bekommt einen Stimmenanteil zwischen 35 und vierzig Prozent, und plötzlich wird nicht mehr von 2003 die Rede sein, als es mehr als sechzig Prozent waren, oder von 1974 gar, da waren es 62,1. Sondern man wird sich ans schreckliche 1950 erinnern, als die Partei 27,4 Prozent der Stimmen bekam. Und die SPD, herrje, 28! (Aber die CSU hatte trotzdem, dem Wahlrecht sei Dank, ein Mandat mehr und stellte den Ministerpräsidenten Hans Ehard.)

Herbert Riehl-Heyse hat vor beinahe vierzig Jahren ein berühmtes Buch über die CSU geschrieben: Die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat. Aus dem Doppelsinn des Titels geht hervor, dass die CSU und das schöne Bayern sich quasi gegenseitig erfunden haben, und Riehl-Heyse schrieb im Vorwort, er könne nicht anders, als die Stilisierung Franz Josef Strauß’ zur welthistorischen Figur oder die Tatsache, dass viele Führungsfiguren der Partei »ihre hochherzigen politischen Versprechungen am Ende vor allem gegenüber ihrer eigenen Person einzulösen trachten«, er könne also nicht anders, als dies mit dem Mittel der Ironie zu beschreiben. Andererseits aber werde »der Ton einer gewissen Bewunderung schwer zu überhören« sein. Man komme eben ohne Emotionen nicht aus im Umgang mit der CSU.

So geht’s uns immer noch. Man denkt: Wenn die CSU das schöne Bayern erfunden hat, was wird dann aus dem schönen Bayern ohne die CSU, nicht gleich jetzt, aber eines Tages? Wenn aus den 35 bis vierzig Prozent dreißig bis 35 geworden sein werden oder 25 bis dreißig oder noch weniger, so was geht schnell heutzutage, ja, horribile und dictu noch einmal! Irgendwie unheimlich, wenn es schon der CSU an den Kragen geht, was?

Wird aus dem Chiemsee das Wasser abgelassen, die Zugspitze planiert? Werden die Wiesen vor den bayerischen Dörfern mit Supermärkten und scheußlichen Gewerbegebieten gepflastert, werden die Berglandschaften mit Schneekanonen und Ski-Schaukeln zerstört? (Ach, nein, das ging schon mit der CSU recht gut.) Wird das ganze schöne Bayern abgebaut und im Keller der Hanns-Seidel-Stiftung aufbewahrt? Oder auf der Modelleisenbahn Horst Seehofers, damit er’s nicht vermisst nach dem Rücktritt?

Aber wenn nicht nur die CSU das schöne Bayern erfunden hat, sondern eben auch das schöne Bayern die CSU, dann ist es das gute Recht des schönen Bayern, seine eigene Erfindung ein bisschen, sagen wir: zu bearbeiten … Auch wenn es nur noch ein Bundesland unter vielen wäre.

Es muss nicht gleich wie in Bremen oder im Saarland zugehen. Aber vielleicht wie in Baden und Württemberg?