Landleben

Scharenweise flüchten die Städter aufs Land. Doch blühende Blumen und summende Bienen machen Merkwürdiges mit ihnen.

Man kennt diese Geschichten. Von Ines und Stefan, Marina und Tom, Carla und Axel. Eines Tages, gern nach dem ersten oder zweiten Kind, rücken sie mit der Neuigkeit heraus: »Wir haben uns da was gekauft.« Der Tonfall ist etwas zu beiläufig, aber das Leuchten in den Augen verrät sie. Sie besitzen jetzt: einen alten Bauernhof. Ein kleines, renovierungsbedürftiges Landhaus. Eine Datsche mit riesigem Garten. Spontan haben sie sich entschieden. Das musste jetzt sein. Mit dem Auto ist man »praktisch sofort da«, was übersetzt eine Stunde Fahrzeit bedeutet. Nicht weit entfernt vom neuen Heim liegt ein See. Bei Carla und Axel war ein Traktor im Preis enthalten. Der Traum vom Landleben hat sie gepackt, allesamt, »erst mal am Wochenende«. Seitdem sind sie verschwunden.

Oder nein, verschwunden sind sie natürlich nicht. Sie sind halt nur draußen. Einmal haben wir so ein Haus sogar besucht. Alles wirkte einfach und improvisiert, aber wunderschön. Die Landstraße lag wie ausgestorben da. Die Bienen summten. Die Kinder sprangen herum. Man spürte förmlich, wie die lästigen Stadtgedanken von einem abfielen, ins Gras plumpsten und dort von roten Riesenameisen gepackt und fortgeschleppt wurden. Im Zentrum des Universums stand dort plötzlich eine rustikale, wunderbare Bauerneckbank von Ebay, bei der es eine absolute Katastrophe gewesen wäre, wenn jemand anders höher geboten hätte. Was aber zum Glück nicht passiert ist. Außerdem ging es um die Sorgen der Milchbauern in der Umgebung. Und dann wieder um die Aus-, Um- und Anbauten, die demnächst angepackt werden sollten, in Eigenarbeit, klar. So ein Tag auf dem Land ist dann auch schnell vorbei. Die Sehnsucht nach diesem Lebensgefühl wächst. Wie sonst wären zum Beispiel die geradezu absurden Auflagensprünge zu erklären, die das Magazin Landlust von Quartal zu Quartal vermeldet? Plus sechzig, siebzig, achtzig Prozent im Vergleich zum Vorjahr, in einem Markt, in dem fast alle anderen Printmedien immer nur verlieren. Da liest man dann alle zwei Monate über »Holzfigurenschnitzen mit der Motorsäge«, über die Bachstelze, den »quirligen Insektenjäger«, über »Bienen auf Wanderschaft« und den Garten des Malers Max Liebermann. Es gibt keine Krisen, keine Pandemien, keine irgendwie drängenden Probleme in dieser Welt. Allenfalls das Auftauchen des »asiatischen Marienkäfers«, der seine heimischen Brüder einfach auffrisst, macht Sorgen – und die Zunahme der hässlichen Werbung im Blatt, wie die Leser in ihren Briefen erkennen lassen. Abonnent Peter N., mit den Zwängen des Geschäfts vertraut, bittet flehentlich, »doch eher den Preis anzuheben«.

Den Birnbaum fällen? Terrakotten kaufen? Das alte Hühnergehege in einen Gemüsegarten umwandeln? Glücklich ist, wer solchen Gedanken nachhängen kann und sonst nichts zu tun hat. So funktioniert der Traum, wenn man die Immobilienanzeigen unter dem Stichwort »Umland« liest und gedankenverloren »direkt am See« murmelt. Das Einzige, was dem Landleben wirklich noch fehlt, ist momentan der DSL-Anschluss. Ein bisschen Welt muss ja doch sein. Das hat aber auch die Bundesregierung schon längst erkannt, aus den neuen Konjunkturpaketen fließen jetzt Millionen in den Netzausbau im ländlichen Raum, bald kann man Highspeed und Wireless vom Heuboden online gehen, aus dem Schweinestall, vom Cockpit des Traktors. Dann, ja dann hält auch uns nichts mehr in der Stadt.

Oder doch? Alle, die schon gekauft haben, sind ja doch irgendwie merkwürdig drauf. Zumindest wenn man sie, selten genug, noch einmal in einer ruhigen Minute in der Stadtwohnung antrifft. »Eigentlich müsste ich«, beginnen sie dann: Nach der Arbeit noch mal rausfahren. Fliesen legen. Endlich die Wand einreißen. Irgendwie vorankommen. »Sonst wird das nichts.« Zu packen sei es, erklären sie tapfer, keine Frage. Aber man müsse halt dranbleiben. Ines und Stefan, Marina und Tom, Carla und Axel, die auf dem Land ihr Stück Ruhe erworben haben, strahlen jetzt oft etwas ziemlich Gehetzes aus.

Foto: dpa

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