Die Gewissensfrage

Sie kauft Bio-Produkte und benimmt sich an der Supermarktkasse wie ein Rüpel: Sollte jemand, der sich Sorgen um die Herkunft seiner Lebensmittel macht, nicht rücksichtsvoll zu seinen Mitmenschen sein?

»Im Supermarkt an der Kasse: Vor mir warten vier Kunden, hinter mir zwei, als eine zweite Kasse öffnet. Die beiden Frauen hinter mir hasten sofort hinüber, ich hinterher. Ich habe zwar meine Warte-Position nun verbessert, in Bezug auf die beiden Frauen aber verschlechtert. Dieses eilige seitliche Vordrängeln stört mich jedes Mal, in diesem Fall ärgerte mich besonders, dass der Einkaufswagen einer der beiden Frauen ausschließlich mit Bioprodukten gefüllt war. Sollte jemand, der sich Gedanken um die Herkunft seiner Lebensmittel macht, nicht auch rücksichtsvoll mit seinen Mitmenschen umgehen?« Fred J., Frankfurt

Wie passt das zusammen: Sorge um die Umwelt, die sich im Kauf von Biolebensmitteln ausdrückt, und mangelnde Sorge um die persönliche Umwelt, die sich im Drängeln zeigt? Leider besser, als man meint. Die Beobachtung, die Sie zufällig gemacht haben, haben Wissenschaftler an der Universität von Toronto systematisch überprüft: Nina Mazar und Chen-Bo Zhong stellten fest, dass Versuchspersonen uneigennütziger handelten, wenn sie zuvor mit Bioprodukten konfrontiert worden waren.

Allerdings verhielten sie sich in nachfolgenden Testsituationen unsozialer und betrogen oder stahlen sogar häufiger, wenn man sie in der Versuchsanordnung Bioprodukte nicht nur betrachten, sondern kaufen ließ. Die Studie wurde in der Fachwelt wegen ihrer Methodik kritisiert, aber der sogenannte licensing effect ist bekannt: Durch positive Taten, wozu manche den Kauf von Bioprodukten rechnen, meint man eine Art moralisches Guthaben aufgebaut zu haben, das man anschließend verbrauchen kann.

Welche Konsequenzen soll man daraus ziehen? In Bioläden in Zukunft das Portemonnaie besser bewachen? Im Ernst: Zuallererst sollte man sich klarmachen, dass der Kauf von Biolebensmitteln keine gute Tat darstellt, sondern einfach richtiges Verhalten, dessentwegen man sich nicht auf die Schulter zu klopfen braucht. Am allerwenigsten dann, wenn man es – wie viele – nicht der Umwelt wegen macht, sondern aus Eigeninteresse, etwa weil es besser schmeckt oder man sich nicht mit Giften belasten und lieber gesund ernähren will.

Für wesentlich wichtiger halte ich aber, darauf zu achten, den licensing effect bei sich selbst zu vermeiden. Auch wenn vieles davon unbewusst abläuft, als Menschen haben wir den Vorteil der Vernunft, wir können die Mechanismen durchschauen und bewusst vermeiden. Natürlich ist es nachvollziehbar und aus Gründen des Selbstschutzes auch sinnvoll, eigenes uneigennütziges Verhalten in vernünftigem Maße zu begrenzen. Aber nichts ist schrecklicher als selbstgefällige Gutmenschen, die meinen, ihr Verhalten berechtige sie zu Überheblichkeit gegenüber anderen. Oder wenn am Ende Bioprodukte vor allem die Ellenbogen stärken.

Rainer Erlinger empfiehlt zu diesem Thema:

Nina Mazar and Chen-Bo Zhong, Do Green Products Make Us Better People? Psychological Science, 21 (4), 2010, 494-498. Hier online abrufbar.

The London Research and Consulting Group (LRCG): Are 'green' consumers more likely to cheat and steal...? How a sketchy interpretation of research on 'green consumers' contributes to public misunderstanding of science. Hier online abrufbar.

Illustration: Marc Herold