Die Gewissensfrage

Höflichkeitsritual oder Bakterienschleuder: Bei welchen Gelegenheiten sollte man den Menschen, die man trifft, die Hand schütteln?

»Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich, wann ich bei der Begrüßung Hände schütteln soll: Bei Verwandten, Freunden und guten Bekannten scheint es mir selbstverständlich, aber dann steht ein bestellter Handwerker, den ich kaum kenne, in der Tür. Eigentlich müsste ich ihm die Hand reichen. Oder nicht? Oder doch?« Helga H., Landsberg

PH = √ (e2 + ve2)(d2) + (cg + dr)2 + π{(42)(42)}2 + (vi + t + te)2 + {(42)(42)}2 Diese Formel - das ist jetzt kein Witz - steht für den »Perfekten Händedruck« (PH). Die in ihr enthaltenen Variablen repräsentieren Größen wie Augenkontakt, Lächeln, Trockenheit, Temperatur und Oberfläche der Hand, Dauer und Stärke des Drucks, Position der Hand sowie den verbalen Gruß. Entwickelt hat das Ganze der britische Psychologe Geoffrey Beattie im Auftrag der Firma Chevrolet, die damit ihre Mitarbeiter für den Umgang mit Kunden schulen wollte. Nicht enthalten ist allerdings die Frage, ob man überhaupt die Hand schütteln will, und ich würde die Formel am liebsten vereinfachen: PH = 0. Der perfekte Händedruck ist der, der nicht stattfindet.

Wie komme ich darauf? Ihre Frage zeigt sehr schön das Grundproblem von Höflichkeit und Etikette. Viele Verhaltensweisen haben sich aus einem bestimmten Grund in den Verhaltenskodizes etabliert und sind dort geblieben, auch wenn der Grund weggefallen ist. Ein Händedruck etwa soll angeblich deshalb Vertrauen hervorrufen, weil man mit seiner Hilfe zeigt, dass man keine versteckte Waffe in der Hand führt.
Dieses Problem ist heute weniger drängend. Die Gefahr, die von falsch lächelnden Menschen ausgeht oder von Verkäufern, deren vertrauenserweckender Händedruck mit wissenschaftlicher Hilfe erlernt und perfektioniert wurde, ist in unseren Zeiten und Breiten wesentlich größer als das Risiko, auf jemanden mit Waffe in der Hand zu treffen. Mit einer Ausnahme: Biowaffen. Hände sind einer der schlimmsten Horte von Krankheitserregern - Untersuchungen zufolge überträgt ein Händedruck leichter Erkältungskrankheiten als ein Kuss. Und wer sich oder andere schützen will, sollte darauf verzichten, die entsprechenden Bakterien- oder Virenpopulationen zu verbreiten oder auszutauschen. Bei genauerer Betrachtung erkennt man: Der Wert der ursprünglich positiv gemeinten Geste hat sich ins Gegenteil verkehrt.
Wer höflich sein will und Konventionen erfüllen, kann ruhig Hände schütteln. Wem es aber wirklich um das Wohlergehen seiner Mitmenschen geht und nicht nur um den entsprechenden Anschein, der sollte es sein lassen.

Literatur zu dieser Frage:

Zur Erläuterung der Formel:

 PH = √ (e2 + ve2)(d2) + (cg + dr)2 + π{(42)(42)}2 + (vi + t + te)2 + {(42)(42)}2
(e) is eye contact (1=none; 5=direct) 5; (ve) is verbal greeting (1=totally inappropriate; 5=totally appropriate) 5; (d) is Duchenne smile - smiling in eyes and mouth, plus symmetry on both sides of face, and slower offset (1=totally non-Duchenne smile (false smile); 5=totally Duchenne) 5; (cg) completeness of grip (1=very incomplete; 5=full) 5; (dr) is dryness of hand (1=damp; 5=dry) 4; (s) is strength (1= weak; 5=strong) 3; (p) is position of hand (1=back towards own body; 5=other person's bodily zone) 3; (vi) is vigour (1=too low/too high; 5=mid) 3; (t) is temperature of hands (1=too cold/too hot; 5=mid) 3; (te) is texture of hands (5=mid; 1=too rough/too smooth) 3; (c) is control (1=low; 5=high) 3; (du) is duration (1= brief; 5=long) 3.

Quelle:
Scientists Create Formula For Perfect Handshake, Pressemitteilung von GM United Kingdom vom 15.7.2010
Online abrufbar hier oder hier.

Sally F. Bloomfield, Allison E. Aiello, Barry Cookson, Carol O'Boyle, Elaine L. Larson, The effectiveness of hand hygiene procedures in reducing the risks of infections in home and community settings including handwashing and alcohol-based hand sanitizers, American Journal of Infection Control, Volume 35, Issue 10, Supplement 1, Pages S27-S64 (December 2007)
Online abrufbar hier.

Illustration: Marc Herold