Ausdauer

Die politischen Erfolge der Zukunft und Erfolge der Vernunft werden nicht mehr aussehen wir strahlende Siege, sondern hart erkämpft werden, etwa von dieser Frau.

Wär’s möglich, sich für 2010 etwas zu wünschen? Falls ja, würden wir ganz dringend eins verlangen: Schluss mit den großen Gesten der Politik. Schon klar, man erzielt damit globale Aufmerksamkeit, die Welt schaut ein paar Tage auf Kopenhagen mit seinem Klimagipfel oder auf die Schweiz mit ihrem Minarett-Verbot. Es kommt aber, wie man gesehen hat, nur Schwachsinn dabei heraus.

Wer die finale Abstimmung beschwört, die alles verändern soll, wer nach dem Führer ruft, der die Welt noch einmal vom Abgrund zurückreißt – der kriegt die Enttäuschung, die er verdient. So etwas gibt es nicht mehr. Barack Obama, als erster schwarzer US-Präsident der letzte große Symbolträger, hat 2009 den Friedensnobelpreis bekommen, den letzten großen Symbolpreis. Nach dieser verdoppelten Sinnlosigkeit, die auch Obama schwer zu schaffen machte, ist jetzt hoffentlich mal Ruhe. Denn ab sofort kann es bei der Rettung der Welt nur noch um eine ganz unglamouröse, mausgraue, symbolisch nicht mehr darstellbare Qualität in der Politik gehen: die Ausdauer. Im letzten Jahr trat endlich der EU-Reformvertrag in Kraft. Erinnert sich überhaupt noch jemand an die Dramen dieser Reform? Die feierliche Unterzeichnung einer EU-Verfassung 2004, die dann scheiterte? Das von viel Wehklagen begleitete Nein-Referendum der Iren im Juni 2008?

Große Symbolpolitik, die mit großen symbolischen Ohrfeigen bestraft wurde. Die Kräfte der Vernunft standen blamiert und gedemütigt da. Sie zeigten aber Ausdauer. Und irgendwann haben die Iren klammheimlich ihren aufgekratzten Widerstand revidiert, irgendwann war auch der letzte polnische Minderwertigkeitskomplex und der letzte starrsinnige Tscheche aus dem Weg geräumt. Und dann trat das verdammte Ding eben einfach in Kraft.

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Sagen wir’s also lieber gleich: Genauso werden die politischen Siege der Zukunft, die Fortschritte der Vernunft, jetzt aussehen. Genauso ausdauernd erkämpft, genauso hässliche Bastarde, von tausend Demütigungen und Kompromissen begleitet. Genauso wirkt die amerikanische Reform des Gesundheitswesens schon jetzt. Und genauso muss sich dann irgendwann auch ein neuer Weltklima-Kompromiss anfühlen.

Eben nicht mehr wie ein Sieg. Und eben nicht mehr so, dass noch ein Politiker auf die Idee käme, sich dafür als Retter feiern zu lassen. Diese Politik sieht aus wie Catherine Ashton, unsere neue »Hohe Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik« in der EU: mausgraues Gesicht, mausgraue Persönlichkeit. Eigentlich ein gutes Zeichen.

Die Rubrik 50 Zeilen wird von drei Autoren abwechselnd geschrieben. Auf Tobias Kniebe folgt nächste Woche Georg Diez, danach Andreas Bernard.

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