Frühling

Der erste Tag des Frühlings verheißt Kaffee im Freien, Fensterputzen und die diffuse Sehnsucht nach einem Neubeginn.

»Kalendarisch« beginnt er am 20. März, »meteorologisch« am 1. März,
doch der eigentliche Ursprung des Frühlings liegt Jahr für Jahr in diesem unvorhersehbaren, flüchtigen Moment. An einem Vormittag Ende Februar vom U-Bahnhof hinauf ins Freie kommen: Beim Einsteigen eine halbe Stunde vorher war noch endloser Winter, die weißliche, hinter Nebelschleiern verborgene Sonne wie seit Monaten höchstens zu sehen, aber nicht zu spüren.

Doch jetzt, auf der Rolltreppe nach oben, ein Sonnenstrahl, der die Zeit zu öffnen scheint, die vergangenen Wochen mit einem Schlag auslöscht. In der Luft liegt eine vergessene Würze, und es wird einem bewusst, wie warm der Stoff des Wintermantels tatsächlich ist. Zu Hause dann, in der zum ersten Mal wieder hell erleuchteten Wohnung, der Blick auf die Staubschicht an den Fenstern und der feste Vorsatz, sie so schnell wie möglich zu putzen. Es gibt keinen anderen Wechsel zwischen den Jahreszeiten, der sich mit solcher Eindringlichkeit ankündigen würde: nicht wie sonst ein Übergang, sondern eine Zäsur, eine Erneuerung. Auch in den Zeitungen schlägt sich dieser
Moment in einer Art Reflex nieder, in dem immer gleichen Foto im Lokalteil, das am Tag nach den ersten warmen Stunden des Jahres abgedruckt wird. Es zeigt ein paar Menschen, wie sie um die rasch aufgestellten Tische eines Straßencafés sitzen, am Rand noch die Reste der grauen, mit Streusalz übersäten Schneehaufen.

In diesem Foto – ein stilles, bis zum nächsten Jahr wieder vergessenes Ritual der Berichterstattung – objektiviert sich das erste Gefühl des Frühlings. Und es ist nicht nur der Anfang einer Jahreszeit – auch das eigene Leben scheint neu beginnen zu können. Vom ersten Sonnenstrahl, vom ersten Frühlingsduft geht eine ähnliche Kraft aus wie von Prousts Madeleine, nur in die entgegengesetzte Richtung: Nicht die eigene Vergangenheit wird für einen Moment lebendig und vorstellbar, sondern die Zukunft. Nach den statischen Wochen des Winters geht plötzlich ein Ruck durch den Körper, und für einen Augenblick ist die Sicherheit da, dass das Leben gelingen wird. Als würde man sich im Frühling genauso erneuern können wie die Natur.

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Eine verheißungsvolle Täuschung: Denn das Leben der Menschen verläuft nicht zyklisch, sondern linear. Und deshalb hält dieses Glücksgefühl kaum länger an als die Fahrt auf der Rolltreppe. Wenn die Tage dann tatsächlich wärmer werden und die Luft kräftiger, ist alles wie zuvor, und die staubige Schicht an den Fenstern zu Hause fällt auch im Sonnenlicht nicht weiter auf.

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