Grünstreifen

Der eigene Garten wird immer kleiner. Und die Liebe zu ihm immer größer.

Hoch, wenden, runter, wenden, hoch, wenden, runter, wenden, hoch, wenden, runter, wenden, hoch, wenden, runter – und fertig. Mein Freund H. braucht vier Minuten, um seinen Rasen zu mähen. Anstrengend dabei ist nur, den schweren Rasenmäher um die vielen Hindernisse zu manövrieren: ums Gartenhäuschen, ums Trampolin, um den Weber-Kugelgrill. Wenn die übergewichtige Hauskatze und seine Kinder gleichzeitig im Garten toben, fällt es schwer, ein freies Stück Rasen zu finden, auf das man treten könnte. Manchmal scherzt H. über seinen Handtuchgarten: »Mit einem Rasensprenger könnte ich bei den Nachbarn gleich mitbewässern, praktisch, was?« Der Garten seiner Kindheit hatte 900 Quadratmeter, der Garten seines neuen Reihenmittelhauses hat dreißig. Die Neubausiedlung vor den Toren Münchens findet man fast baugleich in vielen deutschen Städten. Wo früher ein Haus stand, stellt man heute auf der gleichen Fläche drei Reihenhäuser hin. Und zwei Sträucher plus Terrasse lassen die Immobilienanzeige von einer »Gartenwohnung« fabulieren. Trotzdem wollen sehr viele Menschen dort einziehen, weil sie vom eigenen Garten träumen, wie klein und teuer er auch sein mag.

Die Enge verstärkt die Liebe zum Garten sogar: Freund H. erinnert sich daran, wie sein Vater samstags schwitzend und fluchend stundenlang Rasen gemäht und Unkraut bekämpft hat. Liebevoll hingegen schneidet H. die Ecken seines Gartens mit der Schere, denn »dann dauert es zum Glück länger«. In Buchhandlungen gibt es ganze Regale zum Thema kleine Gärten, die Autorin von Grüne Stadtoasen etwa erläutert die beste Bepflanzung von schmalen Grasstreifen, Blumenkübeln und Regenrinnen. Architekten haben bereits das Garagendach als neue urbane Grünfläche entdeckt, in der Münchner Innenstadt sieht man erstaunlich viele Bienenstöcke und sogar Hühner, Garten-Blogger schwärmen davon, wie man Kartoffeln in einem Topf zieht. Und Makler geben den Tipp, Gärten mit geschickt platzierten Spiegeln und grün bemalten Mauern optisch zu vergrößern. Freund H. setzt lieber die pummelige Katze auf Diät: »Wenn die schlanker ist, wirkt der Garten gleich größer.«

Illustration: Zeloot

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