Gruselgefahr

»Iih, Papa, ist das echt?«: Manche Kunst ist eher nicht für Kinderaugen und -seelen geeignet, findet unser Leser – wie Damien Hirsts blutige Tierköpfe oder Fotos von Schwerstverletzten. Sollte man die Eltern und Museumsaufsicht darauf ansprechen? 

Illustration: Serge Bloch

»Wir waren in der Damien-Hirst-Ausstellung in München, in der neben dem Platin-Totenschädel mit Diamanten und echten Zähnen noch andere ›schauerliche Dinge‹ zu sehen sind. Ein Tierkopf, aus dem scheinbar Blut läuft, ein Foto von einem Schwerstverletzten … Beim Eingang zu diesen Exponaten klebt ein Zettel, sinngemäß: ›Achtung, der Anblick könnte verstörend sein‹. In der Ausstellung waren Familien mit kleinen ­Kindern. Die riefen nur mal: ›Iih, Papa, ist das echt?‹ Ich habe überlegt, die Eltern anzusprechen oder der Museumsaufsicht Bescheid zu geben, dass diese Dinge nichts für Kinder­augen oder -seelen sind. Ist Eltern der gesunde Menschen­verstand abhandengekommen?« Alois M., Ismaning

Es gefällt mir, dass Sie Damien Hirsts Diamanten-Totenschädel als »schauerlich« bezeichnen, auch wenn Sie das Wort nicht wertend meinen, aber ich nehme jeden Hauch von Kritik an Damien Hirsts eindimensionaler Milliardärskunst, den ich kriegen kann. Gibt es ja eigentlich nicht mehr: dass Kunst kritisiert wird. Wie auch? Wo doch alles Kunst sein kann. Und im Zweifel die ewig gleichen Kuratoren-Worthülsen jeden Versuch einer Widerrede zu Tode umarmen. Auf dem Weg in eine Munch-Ausstellung in Berlin neulich musste man durch einen Vorraum, in dem ein Künstler präparierte Tierkadaver ausgelegt hatte, und zwar so, dass man im Zickzack um sie herumlaufen musste. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich das genervt hat. Alles daran. Die platte Botschaft. Das spießige Schockbedürfnis des Künstlers, der damit natürlich etwas anprangern und entlarven wollte, das allerdings eh jedem sonnenklar ist. Großer Respekt, wenn die Kuratoren nicht selbst lachen mussten, als sie dazu Folgendes niederschrieben: Der Künstler »beschäftigt sich mit den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen unserer Zeit. Seine Werke sind Versuchsanordnungen, die Ideologien, soziale Normen und Verhaltensmuster sichtbar machen und um Aktionsmöglichkeiten individuellen Handelns erweitern«.

Ohne in der Hirst-Ausstellung in München gewesen zu sein und ohne versucht zu sein, noch hineinzugehen, möchte ich Ihnen ­sofort Recht geben, dass Familien mit kleinen Kindern anderswo besser aufgehoben ­wären. Aber man sollte Kinder auch nicht unterschätzen. Die fallen nicht gleich um, wenn sie mal ein totes Tier sehen, und wie ihre Eltern sie auf Fotos mit Schockwirkung vorbereitet haben, wissen wir nicht. »Iih, ist das echt?« klingt auf jeden Fall nach einer vernünftigen Reaktion. Insgesamt ist es doch schön, wenn Eltern mit ihren Kindern ins Museum gehen. Sie haben auf jeden Fall alles richtig gemacht, nichts zu sagen.