Hände weg!

Manche Gäste wollen besonders höflich sein und fangen in geselliger Runde an, ihre Teller selbst in die Küche zu tragen. Dabei würde es viel mehr helfen, nicht zu helfen.

Mit so vielen flinken Händen ist die Ordnung im Nu ­wiederhergestellt – und die Atmosphäre zerstört.

Illustration: Serge Bloch

Ich habe nette Freunde. Mit guten Manieren. Das ist mein Problem. Jedenfalls wird es zu einem, wenn ich – sobald es nach dem Lockdown wieder möglich ist – an Wochenenden zu mir zum Abendessen eingeladen habe. Denn: Jetzt, mit Anfang vierzig, kocht man ja etwas aufwendiger für seine Gäste. Also mit Vorspeise und Nachspeise. Der unangenehme Moment kommt nach dem Hauptgang, wenn alle satt sind, die Kinder zum Spielen verschwinden, die Gespräche gerade richtig gut werden, die dritte oder vierte Flasche Wein geöffnet wird. Dann möchte ich nur kurz die schmutzigen Teller wegräumen, weil Essensreste nicht die schönste Tischdeko sind und etwas Platz für den Nachtisch gut wäre.

Ich versuche also, das Geschirr dezent einzusammeln – aber kaum stehe ich auf, erhebt sich einer der Gäste, um mir zu helfen, ein zweiter Gast schließt sich an, ein dritter. Unruhe kommt auf, alle beginnen ihre Teller zu stapeln, schmutziges Besteck und benutzte Servietten werden sortiert, alle Gespräche sind unterbrochen. Das hatte ich befürchtet, darum sage ich noch: »Nein, bleibt sitzen! Lass, das mach ich schon!« Aber da ist mein Aufräumen schon Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. »Ach was, kein Ding, ich helfe gern«, antwortet Gast 1. »Wo soll ich die Teller denn abstellen?«, fragt Gast 2. Wir tragen die Teller weg und stehen uns dabei gegenseitig im Weg. Die Gäste wissen nicht so recht, wohin damit: ins schon gut gefüllte Spülbecken, daneben, oder zum Herd auf der anderen Küchenseite, wo mehr Platz wäre? Und die, die sitzen geblieben sind, sehen zu und fühlen sich nun ungehörig faul, man sieht es an den Blicken, sie sagen Sätze wie: »Äh, hier, die Gabel habt ihr vergessen«, und stehen schlimmstenfalls auch noch auf.

Mir wird die Situation immer unangenehmer, ich habe das Gefühl, den gerade noch so netten Abend torpediert zu haben. Ich habe schon erlebt, dass eine Freundin anfing, ungebeten die Spülmaschine ein­zuräumen. »Bloß nicht, das ist echt meine Aufgabe!«, rief ich. Was kommt als Nächstes, dachte ich, saugt einer die Krümel vom Boden? »Erzähl doch weiter, Flo, was hat der Polizist vor der Bar dann gesagt?«, frage ich, im Versuch, an die unterbrochenen Tischgespräche anzuknüpfen, »setzt euch, setzt euch!«

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Früher, nach WG-Partys, hätte ich mich gefreut, wenn irgendjemand im Morgengrauen geholfen hätte, die Wohnung zumindest von Flaschen, Zigarettenstummeln oder Schnapsleichen (»Du musst jetzt wirklich gehen!«) zu befreien. Aber da kam niemand. Und Geschirr sowie Gläser standen wahllos in Blumenkübeln, auf dem Boden oder sehr optimistisch auf dem Balkongeländer.

»Meine Mutter hat mal unabgesprochen meine Küche geputzt und gewischt, »dann musst du das nach der Arbeit nicht auch noch machen«, sagte sie. Ich verstand ihr Aufräumen als Kritik«

Das »Ach, ich helf dir schnell mit den Tellern«-Problem ist in meiner Biografie noch gar nicht so alt, ich erlebe es erst, seit in meinem Freundeskreis viele junge Eltern sind. Mamas und Papas sind es gewohnt, ­ihren Kindern hinterherzuputzen. Dieser Aufräumreflex ist offenbar so stark, dass man ihm aus Gewohnheit in fremden Küchen auch gleich nachgeht. Ich kann da ja selbst nicht anders. Auch ich trage unaufgefordert bei Freunden meinen schmutzigen Teller vom Esstisch zur Küche. Und hole, wo ich schon stehe, noch Mineralwasser vom Kasten auf der Terrasse.

Ich meine hier nicht ganze Wochenenden oder Kurzurlaube wie voriges Jahr an Silves­ter, das ich bei Freunden in deren Skihütte verbrachte. Insgesamt drei Tage – klar, das ist definitiv zu lange, um sich immer nur bequem an gedeckte Tische zu setzen. Da war es selbstverständlich, dass ich Zwiebeln klein schnitt und mit dem Hund rausging, und niemand fand das übergriffig.

Aber wenn man nicht Teil einer kurzzeitigen Wohngemeinschaft ist, sondern wirklich nur zu Gast? Beim Vater meiner Freundin versuche ich seit 15 Jahren vergeblich, seine Spülmaschine einzuräumen. Darf ich nicht, ist ihm heilig. Zumindest trage ich das Geschirr in die Küche, mache warmes Wasser an, um hartnäckige Reste abzuspülen, und werde mit »Lass mal, lass mal«-Gemurmel aus der Küche geschoben. Zu Recht, es ist eine gut gemeinte Grenzverletzung, aber eben eine Grenzverletzung. Meine Mutter hat mal unabgesprochen meine Küche geputzt und gewischt, »dann musst du das nach der Arbeit nicht auch noch machen«, sagte sie. Ich verstand ihr Aufräumen als Kritik, als ein: Es war echt schmutzig, ich hab’s nicht mehr ausgehalten.

Obwohl ich dieses ungebetene Aufräumen oft beobachte, kenne ich keine gemeinschaftliche Vereinbarung darüber, wie das auszusehen hat – und wie nicht. Also: Wo die Grenze verläuft von nett zu lästig. Ich glaube, sie verläuft spätestens dort, wo eine Tür geöffnet wird – eines Kühlschranks, eines Küchenregals, einer Spülmaschine. Es ist die Tür, die die Intimsphäre schützt.

Wie löst man das Küchenhelfersyndrom? Im Internet gab es neulich ein zigtausendfach geliktes Bild eines Esstisches, über dem eine Girlande hing, auf der stand: »Please leave by nine«. Auf Deutsch: Liebe Gäste, haut bitte spätestens um neun ab. Ich könnte analog dazu Schilder an die Spülmaschine kleben – »Finger weg, mein Dreck« – oder eine Girlande basteln mit der Aufschrift: »Wer Teller aufräumt, muss morgen früh auch die leeren Flaschen wegbringen«.

Eine andere Lösung wäre: Nur noch Fingerfood servieren. Oder wir gehen gleich essen, wie früher, in aufregende neue Restaurants (ich hoffe sehr, dass sie den Corona-Winter überstehen). Bliebe nur die Gefahr, dass wir Hausverbot bekommen, wenn unser Tisch anfängt, mit dem Kellner die Teller in die Küche zu tragen und dort ein bisschen klar Schiff zu machen.