Der letzte Gang

Julia Unkel hat Schlachtbetriebe fotografiert. Ganz unblutig.

Name: Julia Unkel
Geboren: 11.01.1982
Ausbildung: Studium Fotodesign an der FH Dortmund
Website: www.juliaunkel.com

SZ-Magazin: Frau Unkel, essen Sie Fleisch?
Julia Unkel:
Nein. Es ist aber nicht so, dass ich es grundsätzlich falsch finde, Fleisch zu essen. Ich wollte irgendwann nur nicht weiter kopflos konsumieren und die kranke Entwicklung der Fleischindustrie unterstützen.

Und dann besuchen Sie freiwillig Schlachtereien?
Nachdem ich aus persönlichem Interesse schon sehr viel zu diesem Thema recherchiert habe, ließ mich die Idee, Schlachthöfe zu fotografieren und selbst zu erkunden irgendwann nicht mehr los.

Den Schlachtvorgang haben Sie sich aber lieber gespart?
Nein, es ist eine bewusste Entscheidung im Rahmen meines Projektes gewesen. Der Reiz der Arbeit bestand von Anfang an für mich darin, das Thema Schlachthöfe zu behandeln, ohne den eigentlichen Prozess des Schlachtens zu zeigen. Ich wollte das Umfeld des Geschehens visualisieren, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Bilder von Schlachtern mit Messern, die neben Schweinehälften in einer Blutlache stehen, sind genau das was man von einer Serie über Schlachthöfe erwartet. Ausserdem schrecken sie die meisten Menschen ab. Ich wollte aber nicht, dass sich die Menschen abwenden - egal, ob aus Gründen des Ekels, oder weil sie im Grunde gar nicht wissen wollen, wie das Fleisch, das sie essen, auf ihren Tisch kommt. Ausserdem wäre das auch nicht mein fotografischer Stil gewesen. Ich habe den Schlachthof immer nach der Reinigung fotografiert. So überlasse ich den Betrachter seiner Phantasie.

Wie haben Sie sich in den Schlachtereien gefühlt?
Bevor ich angefangen habe die eigentliche Strecke zu fotografieren, habe ich erst einmal einige Tage am Schlachtgeschehen teilgenommen. Ich war darauf vorbereitet, bei der ersten Konfrontation mit der Schlachtsituation die Kontrolle über meine Gefühle zu verlieren. Doch so war es nicht. Insgesamt waren es fünf Schlachthöfe, in denen ich fotografiert habe. Jeder ein bisschen anders. Der erste war ein kleiner familiärer Betrieb. Das war genau der richtige Weg für den Einstieg. Es ging alles sehr schnell und ich war ganz und gar mit dem Ablauf und den Fotos beschäftigt. Mit der Kamera als Schutzschild habe ich mitunter gar nicht mitbekommen, was um mich herum passierte. Erst am zweiten Schlachttag bemerkte ich Dinge, die ich beim ersten Mal nicht wahrgenommen hatte. Der Rausch ließ nach. Den Geruch der entleerten Schweinekorpusse konnte ich kaum ertragen. Die Körper hingegen, dann ausgeblutet an Haken, waren nicht schlimm. Eben der gewohnte Anblick von Fleisch.

Haben Sie mit den Angestellten gesprochen? Hatten Sie den Eindruck, dass die Menschen dort gerne arbeiten?
Ausführlich habe ich mich nur mit Leuten aus den beiden Schlachthöfen, in denen ich am häufigsten war, unterhalten. Also in dem ersten kleinen und einem recht großen. In dem großen war die Kommunikation in erster Linie nur mit den Veterinären oder leitenden Personen möglich, da die Arbeiter, die an der Schlachtlinie stehen, nur sehr wenig oder gar kein Deutsch sprechen. Die meisten kommen aus Osteutropa. Für Deutsche ist der geringe Verdienst an der Schlachtlinie nicht besonders reizvoll. Die Arbeiter sind meist nur für einige Monate dort beschäftigt und fahren dann wieder Heim. Es ist schwer einzuschätzen, ob sie sich authentisch verhalten haben, als ich dort war. Ich hatte aber das Gefühl, dass niemand das Geschehen zu nah an sich heranlässt. Für sie schien es ein Job zu sein wie jeder andere auch. Man stumpft ab. Das habe ich bei mir selbst sogar schon nach ein paar Tagen gemerkt.

Fotos: Julia Unkel